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Gesellschaft

Betteln

Gibt es einen richtigen Umgang mit Bettlerinnen und Bettlern?

03.12.2021
Bettelnde aus Osteuropa verunsichern Passanten auf den Strassen der Schweizer Städte. In Basel debattiert das Kantonsparlament über den richtigen Umgang mit dem Betteln. Ein kirchliches Podium suchte nach Lösungen.

In der Mehrheit der Schweizer Kantone herrscht ein Bettelverbot. Dies hat einen historischen Hintergrund. Im Zuge der Reformation verboten Huldrych Zwingli und der Rat das Betteln in Zürich. Im Gegenzug errichtete die Stadt die erste staatliche Fürsorge für die Armen. Weitere Städte folgten.

Heute sind sie in den Städten dennoch gegenwärtig – Frauen und Männer, die meist aus Osteuropa stammen und vor Einkaufsläden oder an anderen Orten sitzen, wo viele Passanten unterwegs sind. Bei jedem Wetter harren sie stundelang auf dem Trottoir aus und warten auf Almosen. «Schweizer Städte kämpfen mit Bettler-Problem» titelte Nau.ch etwa im vergangenen Mai. Viele erlebten die Bettelnden als aggressiv und aufdringlich, hiess es.

In Basel wurden die Bettelnden im Sommer 2020 zum Politikum. Damals hob der Kanton das Bettelverbot auf. Die Stadt erlebe seither «einen wahren Ansturm von Roma-Bettlerinnen und Bettlern», meldete SRF News. Gemäss den Behörden hätten sich zeitweise bis zu 150 Roma-Bettler vor allem in der Innenstadt aufgehalten. Ein Jahr später verbot Basel das Betteln erneut. Dies, obwohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Januar entschieden hatte, dass ein Bettelverbot die Europäische Menschenrechtskonvention verletzt. Bis heute streitet das Basler Kantonsparlament über den «richtigen» Umgang mit dem Betteln. Zurzeit sollen sich etwa 60 Bettelnde in der Stadt aufhalten.

Verunsicherung und Aggression
Wie emotional das Thema Betteln ist, zeigte das von kirchlichen Stellen beider Basel organisierte und gut besuchte Podium «Betteln – ein Prüfstein für die Solidarität». Die Anwesenden sollten drei Gefühle beschreiben, die sie empfinden, wenn sie auf Bettelnde stossen. Die meisten sind verunsichert, die zweithäufigste Nennung waren Mitleid und ein schlechtes Gewissen, dann folgten Neugier und Interesse sowie Ärger, Aggression und Irritation. Manche fühlten sich an Erfahrungen im Ausland erinnert und wenige verspürten Ablehnung.

Obwohl nicht-repräsentativ, entsprach die Umfrage den Erfahrungen der Podiumsgäste. Die Theologieprofessorin Andrea Bieler gestand, dass auch sie schon Aggressionen empfand. Sie fühlt sich hilflos, weil sie nicht mit den Bettlerinnen sprechen kann oder wenn sich diese ihr zu Füssen werfen: «Mit solchen Demutsgesten kann ich nichts anfangen, es löst bei mir Abwehr aus.» Die Basler Grossrätin Barbara Heer meinte, dass Betteln irritiert, weil wir uns über Arbeit definieren: «Die Konfrontation mit Armut verunsichert uns zutiefst». Dazu kämen Vorurteile gegenüber den Roma, die uns fremd sind.

Mirjam Baumann, Sozialdiakonin der reformierten Kirche Basel-Stadt, kennt «die ganze Palette der Gefühle». Armut sei in der reichen Schweiz ein verdecktes Phänomen: «Anders als die Roma stellt man seine Armut bei uns nicht zur Schau, das ist neu», so Baumann. «Man hat die Armut weggeschminkt», sagte Claudia Adrario de Roche. Sie leitet in Basel die Sozialeinrichtung Soup & Chill. Das soziale Basel müsse wieder lernen, hinzuschauen – nicht nur bei den Roma, auch bei der eigenen Bevölkerung. Schon bevor die Roma kamen, habe man arme Menschen aus der Gesellschaft verdrängt. Gemäss einer Studie aus dem Jahr 2019 lebten damals im Kanton Basel-Stadt etwa hundert Männer und Frauen auf der Strasse.

Bettler oder Betrügerbande?
Auch Demi Hablützel, Vorstandsmitglied der Jungen SVP Basel-Stadt, fühlt sich verunsichert. «Man kann die Bettelnden nicht einordnen.» Man wisse nicht, ob Mitleid angebracht sei oder ob man es mit organisierten Banden zu tun habe. In der Tat vermuten viele hinter den bettelnden Roma, die häufig in Gruppen anreisen, Betrügerbanden. Es handle sich nicht um Banden, sondern um Familien, entgegnete Claudia Adrario de Roche.

Hablützel plädierte für Hilfe vor Ort: «Wir wollen nicht wegschauen, aber die Ursachen bekämpfen, nicht die Symptome.» Man dürfe keine Anreize schaffen, welche die Menschen in die Schweiz locken. Die SVP-Politikerin schlug Städtepartnerschaften vor, wichtig sei der Zugang zu Bildung.

Alle waren sich einig, dass es das Engagement in den Ursprungsländern braucht. Die Roma hätten nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch in der Schweiz keine Perspektive, betonte Mirjam Baumann: «Unser Sozialsystem fördert die Ausreise.» Es brauche mehr Geld für die Entwicklungszusammenarbeit, meinte Grossrätin Heer. «Wir haben aber auch die Pflicht, hier in Basel zu helfen.» Sie fordert zivilgesellschaftliches Engagement, unter anderem von den Kirchen, denn die Politik allein könne nichts verändern. Die Bettelnden würden von der politischen zur humanitären Angelegenheit, sobald sie in der Schweiz seien, erklärte Claudia Adrario de Roche und nahm die Kirchen in die Pflicht: «Es darf niemand auf der Strasse bleiben, es braucht Räume. Die Kirchen haben solche Räume.»

Was können die Kirchen tun?
Wäre eine weniger säkularisierte Gesellschaft empfänglicher für die Lage der Bettelnden und besser gerüstet, ihnen zu helfen? Auf diese Frage antwortete Theologieprofessorin Bieler: «Wir sind ein bürgerliches Christentum, wir sind in unseren Privilegien verfangen.»

Die reformierte und katholische Kirche Basel-Stadt, die Caritas und die Heilsarmee haben eine «Handreichung Bettler*innen ohne Wohnsitz in der Schweiz» ausgearbeitet. Sie möchten damit «Anstösse zur Auseinandersetzung und zum Finden eines persönlichen Umgangs mit den Bettelnden geben, der weder pauschalisiert noch wegschaut».

Karin Müller, kirchenbote-online