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Spiritualität

Wegzeichen von Lars Heynen

15.12.2021
Jesus Christus spricht: «Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.» (Johannes 6,37)

Es ist schon eine Weile her: Ich fuhr mit der Bahn, um meine Eltern zu besuchen. Ich hatte ein Abteil für mich allein. «Super», dachte ich, und breitete meine Siebensachen auf den übrigen drei Plätzen aus. Erst einmal die Beine ausstrecken und die vorüberziehende Landschaft geniessen. Es stellte sich ein behagliches Gefühl ein: Das ist mein Platz, mein Abteil. Es war schön – bis zum nächsten Halt jedenfalls.

Denn auf einmal öffnete sich die Tür des Zugabteils und ein unsympathischer Mann fragte: «Ist hier noch Platz?» Zum Glück lag über dem ersten Impuls, der noch aus der Zeit der Urmenschen in mir steckt, eine dünne Schicht Zivilisation. Ich sagte also nicht: «Verschwinde, das ist mein Abteil», obwohl mein Blick vermutlich genau das ausdrückte. Ich räumte widerwillig meine Sachen zusammen und machte ihm Platz. «Natürlich, nehmen Sie Platz!» Wir haben uns anschliessend noch eine ganze Weile gut und angeregt unterhalten. Ein sympathischer Mensch. 

Es wäre schade gewesen, wenn ich ihn abgewiesen hätte. In der Jahreslosung für das Jahr 2022 erfahren wir, wie freundlich Gott ist. Jesus heisst jede und jeden willkommen. Niemand wird abgewiesen, der zu ihm kommt. Der Satz der Jahreslosung folgt im Johannesevangelium auf die Erzählung von der Speisung der Fünftausend mit fünf Broten und zwei Fischen. Da ist ein Wunder geschehen, das die Menschen beeindruckt hatte.

Die Jünger hätten die hungrigen Leute nach Hause geschickt, aber Jesus macht aus dem Wenigen, was vorhanden ist, eine Mahlzeit, die für alle reicht. Was da erzählt wird, ist rational nicht zu begreifen. Man kann es nicht verstehen, wenn man die Rechnung ohne Gott macht. Er fügt zu unseren Möglichkeiten das hinzu, was das Leben reich macht, wenn wir auf ihn zählen. Hier wird deutlich: Es geht nicht um das Wunder an sich, sondern um den Geber alles Guten.

Abgewiesen zu werden oder das Gefühl zu haben, nicht willkommen zu sein, ist in den letzten Monaten leider zu einer Erfahrung geworden, die viele kennengelernt haben. Nicht nur in Zugabteilen. Sogar in der Kirche: Impfnachweis, Einlasskontrolle, begrenzte Personenzahlen, dazu Abstandsgebote und Maskenpflicht machen bewusst, wie eingeschränkt unser Leben derzeit ist. Wie schön wäre es, sich wieder umarmen zu können und sich unvoreingenommen zu begegnen! Denn es schmerzt, wenn Enge das Leben beschneidet.

Die Menschen, die Jesus damals begegneten, spürten, dass er mehr zu geben hat als Nahrung für den Körper. Von ihm geht Hoffnung aus, Leben in Fülle und eine Weite, die sogar über das Hier und Jetzt hinausgeht. Er weist uns nicht ab, wenn wir uns ihm anvertrauen und im Neuen Jahr, das hoffentlich wieder mehr Freiheit bringt, damit rechnen, dass er mit uns geht.


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