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Gesellschaft

Jugendliche in der Pandemie

«Die ganze Identitätsfindung ist schwieriger geworden»

28.01.2022
Damit psychische Leiden bei Jugendlichen nicht unentdeckt bleiben, sollen kirchliche Mitarbeitende bald in Kursen sensibilisiert werden. Initiantin ist Pfarrerin Helena Durtschi.

Wie erleben Sie die psychische Verfassung der Jugendlichen?
Durtschi In der zweiten Welle hat die Belastung der Jugendlichen stark zugenommen, das belegen auch Studien. Wer zur Zeit eine Psychiaterin oder einen Psychologen braucht, muss zum Teil mehr als ein Jahr auf einen Termin warten. Die Pandemie hört nicht mehr auf, sie scheint geradezu ewig zu dauern. Es hat sich eine Art Ernüchterung eingestellt, was mir auch bei meinen beiden eigenen, adoleszenten Töchtern auffällt.

Womit hat diese Ernüchterung konkret zu tun?
Die jungen Menschen fühlen sich eingeschränkt. Druck und Tempo haben zugenommen. Schule und Leistung stehen über allem. Jede Turnübung wird benotet und man bekommt schnell den Stempel «gut» oder «schlecht» aufgedrückt. Dieses verinnerlichte Schwarzweissdenken und das ständige Bewerten von aussen fällt gerade in die Zeit, in der so viel passiert und der ganze neurobiologische Umbau des Hirns erfolgt. Dieser Umbau verunsichert, denn das Denken, Fühlen und die Selbstwahrnehmung sind davon betroffen. Social Media kann diese Verunsicherung noch verstärken. Was zählt ist das Outfit, nicht die inneren Werte. Dabei bräuchten die jungen Menschen in dieser vulnerablen Phase Raum und Zeit, um ihr eigenes Innenleben zu entdecken. Und natürlich sind Beziehungen wichtig, die helfen, die eigene Identität zu finden. Diese werden pandemiebedingt eingeschränkt.

Leistungsdruck ist aber nicht erst seit der Pandemie ein Thema.
Schon, aber Zukunftsängste haben in der Pandemie um fast 60 Prozent zugenommen. Ich kann mir vorstellen, dass es mit Leistungsansprüchen zu tun hat, mit unklaren Zukunftsaussichten, mit dem beunruhigenden Klimawandel, mit der Frage, inwieweit die Roboterisierung und die Digitalisierung den erlernten Beruf überflüssig machen wird. Manchmal sind es auch diffuse Ängste, die direkt oder indirekt mit Leistung zu tun haben. Wer etwas erreichen will, muss gut in der Schule sein. Immer mehr junge Leute wollen ans Gymnasium. Eine gute Lehrstelle zu finden, ist anspruchsvoller geworden. Die ganze Identitätsfindung, so scheint mir, ist sehr viel schwieriger geworden.

Wie meinen Sie das?
Nehmen wir als Beispiel die sexuelle Orientierung. Die LGBTQ-Bewegung ist sehr wichtig und befreiend, hat aber auch Schattenseiten. Wer bin ich? Binär oder non-binär, trans, lesbisch, schwul oder bisexuell? Es ist schwieriger geworden, sich zu positionieren. Identitätsfindung braucht, wie oben angesprochen, Zeit und Raum. Doch gerade das ist mit der ständigen Online-Präsenz alles andere als einfach. Viele finden überhaupt keine Ruhe mehr. Das Handy ist immer griffbereit. Ich weiss von Jugendlichen, die mit dem Smartphone in der Hand einschlafen. Traditionen, die Geborgenheit vermitteln und Unterbrechungen vom hektischen Alltag ermöglichen, fehlen vielerorts. Es gibt ein schönes Zitat vom katholischen Priester Jean Baptiste Metz: «Unterbrechung ist die kürzeste Form von Religion.»

Sie bringen die Religion ins Spiel. Könnte die Kirche denn mehr machen für die Jungen?
Es braucht meiner Meinung nach noch mehr niederschwellige Angebote für Jugendliche. In der Pandemie – auch das belegen Studien – sind die sozioökonomisch schlechter Gestellten psychisch häufiger krank geworden als solche aus privilegierten Verhältnissen. Viele Kirchen sind bereits aktiv geworden, versuchen die jungen Menschen in ihren Lebenswelten abzuholen. Und sind dabei sehr kreativ: Im Hiphop Center Bern, das von den Kirchen finanziert wird, gibt es die Möglichkeit, zum Coiffeur zu gehen. Der Preis wird dann von der Kundin oder dem Kunden bestimmt. An solchen Orten können niederschwellige Kontakte entstehen, die wichtig sind.

Auf Ihre Initiative hin bieten die reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn bereits bereits «ensa»-Ersthilfekurse in psychischer Gesundheit an. Was brachte Sie auf die Idee?
Im Rahmen meiner Arbeit fiel mir auf, dass es bei Pfarrpersonen sehr viele Burnouts und Suchterkrankungen gibt. Das veranlasste mich 2019, die damals von der Stiftung Pro Mente Sana neu lancierten ensa-Kurse in die Kirche zu bringen. Dann kam die Pandemie – und plötzlich war die psychische Belastung in aller Munde. Derzeit sind wir daran, den Kurs mit Fokus Jugendliche ins Programm aufzunehmen. Die EKS hat dieser Tage einen entsprechenden Vertrag mit Pro Mente Sana als Lizenzträgerin unterschrieben. Alle Kantonalkirchen können nun solche Kurse als veranstaltende Organisation anbieten. Sie richten sich an Pfarrpersonen, sozialdiakonisch und katechetisch Tätige, können aber auch für Freiwillige und Kirchgemeinderätinnen oder -räte angeboten werden. In einem dieser Kursangebote liegt der Fokus auf Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Warum ist der Fokus Jugendliche so wichtig?
Die meisten psychischen Krankheiten beginnen in der Pubertät. Wenn sich Jugendliche zum Beispiel ständig zurückziehen oder regelmässig Alkohol trinken, kann sich eine Depression dahinter verbergen. Denn es gibt einen erwiesenen Zusammenhang zwischen Sucht, Depression und Angst. Es gilt wachsam zu sein und Zeichen zu erkennen, wenn sich Jugendliche über längere Zeit sonderbar verhalten, sich zum Beispiel zurückziehen vom sozialen Leben. Es ist eine traurige Realität, dass sich die Suizidalität bei Jugendlichen in der Pandemie verdoppelt hat. Darum sind die Ersthilfekurse mit Fokus Jugendliche so wichtig. 

Interview: Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info

Helena Durtschi, 59, ist Theologin und Sozialarbeiterin. Nebenberuflich arbeitete sie während zehn Jahren als freischaffende Journalistin, unter anderem für den saemann, den Berner Vorgänger von «reformiert.» Seit 2014 ist sie Fachmitarbeiterin im Bereich Sozial-Diakonie der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn.