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Wirtschaft

Naturkatastrophen

Warum die katastrophale Dürre Äthiopien besonders trifft

15.02.2022
Es sei die schlimmste Dürreperiode seit 30 Jahren, teilt das evangelische Hilfswerk Heks mit. In Äthiopien ist rasche Hilfe gefragt, sagt ein Kenner der Region über die Hintergründe.

Katastrophe allein reicht zum Beschreiben der Lage im südlichen Äthiopien offenbar nicht. Mindestens zwei Katastrophen kommen zusammen, wie Federico Riccio sagt: Heuschrecken und Dürre. Riccio ist bei Heks verantwortlich für Programme in Ostafrika und führt aus, dass die Wüstenheuschrecke seit 2020 in der Region wüte – der zerstörerischste Wanderschädling der Welt. «Zudem hat die zunehmende Unregelmässigkeit der Regenzeiten die Produktion in der Region erheblich beeinträchtigt. Die letzten drei Regenzeiten brachten weniger als die Hälfte der erwarteten Regenmenge, und die Prognosen für die kommende Regenzeit von März bis Mai gehen in die gleiche Richtung.»

Das Fatale ist gemäss Riccio, dass die geschätzten 1,4 Millionen Menschen in der hauptsächlich betroffenen Borana-Zone zu 80 Prozent in ländlichen Gebieten mit extrem eingeschränktem Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen leben. Subsistenzlandwirtschaft – also zur Selbstversorgung –, Kleintierhaltung und Viehzucht sind üblich. Es fehlt das Trinkwasser für Menschen und Tiere, und die Weideflächen schrumpfen.

Bereits 100'000 Tiere gestorben
«Dieser eingeschränkte Zugang zu den ohnehin begrenzten natürlichen Ressourcen betrifft die gesamte Bevölkerung, vor allem aber die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen», sagt Federico Riccio. Berichten zufolgen seien in Borana bereits mehr als 100’000 Tiere verendet. Da auch weitere Länder im Sahel unter der Dürre leiden, sind gemäss Heks 1,8 Millionen Menschen in Lebensgrundlagen und Ernährungssicherheit akut bedroht.

Das Wichtigste sei deshalb, Zugang zu sauberem Trinkwasser zu verschaffen und den Menschen Bargeld zur Verfügung zu stellen, sagt der Ostafrika-Kenner Riccio: «Die Menschen dürfen nicht ihre Haupteinnahmequelle verlieren, indem sie ihr Vieh billig verkaufen, um die Krise zu bewältigen.» Das Heks leistet daher in den kommenden Monaten Hilfe im Umfang von einer halben Million Franken.

Bargeld für Arbeit
Dafür werden in Schulen grosse Wassertanks und Handwasch-Stationen installiert, während 60 Tagen Wassertransporte durchgeführt, Wasserreinigungschemikalien verteilt und Anleitungen zu Sanitär- und Hygienepraktiken vermittelt. 500 Familien sollen Futter zur Rettung des Viehbestandes erhalten. Später will das Hilfswerk die Unterstützung zur Wiederherstellung der Lebensgrundlagen weiterführen und Schulungen anbieten, um die Widerstandsfähigkeit bei Folgen der Klimaerwärmung zu fördern.

Nothilfe findet auch mit «Cash for work» statt: Bargeld für Arbeit. 500 Haushalte können dabei mitarbeiten an der Sanierung von vier traditionellen Wasserentnahmestellen, die nicht mehr funktionieren. In Zusammenarbeit mit den Gemeinden beteiligten sich Personen bei den Sanierungsarbeiten und erhielten dafür Bargeld, erläutert Federico Riccio. «Cash ist in den ländlichen Gemeinschaften äusserst wertvoll, da sie in der Regel keinen Zugang zu finanziellen Mitteln haben. Es hilft, eine Krisenzeit zu überstehen, ohne ihre Lebensgrundlage aufgeben zu müssen.»

Auch längerfristige Massnahmen
Dieser Ansatz werde von humanitären Akteuren in verschiedenen Krisen zunehmend eingesetzt, sagt Riccio. Über die positiven Auswirkungen von Bargeldhilfe gebe es eine Fülle von Studien. «Sie erhöht die Eigenverantwortung für die durchgeführten Massnahmen und das Selbstwertgefühl, da die Menschen nicht nur Empfänger der von internationalen Organisationen bereitgestellten Hilfe sind.» Zudem könnten die Menschen das erhaltene Geld so verwenden, wie sie es für sinnvoll halten.

An längerfristigen Lösungen bei Naturgefahren arbeitet das Heks gemäss dem Verantwortlichen für Ostafrika schon länger. «Mit nationalen Partnern unterstützen wir den Aufbau einer guten und partizipativen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen, um die Produktivität der Weideflächen in der Region zu erhöhen.» Auch Bodensanierungen, Schutzmassnahmen wie etwa Erdwälle oder Graseinsaat und Wiederaufforstung führe das Hilfswerk mit den lokalen Gemeinschaften zusammen durch.

Marius Schären, reformiert.info

Spendenaufruf für Äthiopien von Heks: https://www.heks.ch/medien/aethiopien-leidet-unter-duerre