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Wirtschaft

Finanzen

Geld und Geist

01.03.2022
Über Geld spricht man nicht – auch nicht in der Kirche. Gerade in der Zeit der schwindenden Finanzen ist es wichtig, aufzuzeigen, wie die Gelder in der Kirche fliessen und wem sie zugutekommen.

Susanne Widmer* ist auf Jobsuche, als die Corona-Krise kommt. Die Coiffeuse musste wegen einer -Allergie auf Chemikalien umsatteln und schloss ihre neue Ausbildung erfolgreich ab. Doch der 43-Jährigen fehlt die berufliche Praxis, die Suche nach der neuen Stelle ist schwierig. Die Pandemie und der Lockdown verschärfen die Situation zusätzlich. 

Nach zwei Jahren wird die alleinerziehende Mutter ausgesteuert und zur Sozialhilfebezügerin. Die Beiträge vom Sozialamt reichen nur knapp. Susanne Widmer und ihre Tochter leben am Existenzminimum. Widmer zahlt die Fixkosten für sich und ihre 12-jährige Tochter. Doch Mitte des Monats fehlt das Geld für die Lebensmittel. In ihrer Verzweiflung wendet sich Susanne Widmer an die Kirche. Die Sozialdiakonin hilft noch am selben Tag mit Migros-Gutscheinen aus, um den schlimmsten Engpass zu überwinden. Inzwischen hat Susanne Widmer eine Stelle in ihrem neuen Beruf gefunden.

Adriana Di Cesare kennt viele solche Schicksale. Die Sozialdiakonin der Kirchgemeinde Buchthalen weiss, wie rasch man in einem reichen Land wie der Schweiz durch die Maschen des Sozialstaates fällt. «Eine Krankheit, ein Burn-out, der Tod des Partners oder der Verlust des Jobs, schon bricht das Leben zusammen.» Di Cesare ist froh, dass die Kirche die finanziellen Mittel hat, um hier unbürokratisch und konkret zu helfen. 

Einnahmen von 1,8 Milliarden Franken

Anfang des Jahres ist die hohe Zeit der Steuererklärungen. Vielen wird beim Ausfüllen bewusst, dass sie Kirchensteuern zahlen. Doch die meisten wissen nicht, wie die reformierte, die katholische und die christkatholische Kirche zu ihrem Geld kommen. Ebenso wenig, für was die Kirchen ihre Gelder ausgeben. 

Die katholische und die reformierte Kirche in der Schweiz nehmen jedes Jahr rund 1,8 Milliarden Franken ein. 553 Millionen durch die öffentliche Finanzierung, 1,3 Milliarden durch die Kirchenmitglieder. Dies zeigen die Zahlen einer Studie  aus dem Jahr 2010.
Hinzu kommen noch all die Kollekten und Spenden, die in die Hilfswerksarbeit fliessen. 2020 erhielt das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) rund 12 Millionen Franken aus kirchlichen Kreisen.Die Kantonalkirchen und die Kirchgemeinden finanzieren sich durch Kirchensteuern, staatliche Beiträge sowie die Besteuerung der juristischen Personen. Je nach Kanton fallen diese unterschiedlich aus: Erhalten die Gläubigen in Zürich und Bern Gelder aus allen drei Töpfen, so müssen sie in Genf oder Basel-Stadt den Gürtel enger schnallen. Die Kirchen in Basel-Stadt bekommen weder Zuschüsse vom Staat noch Zuschüsse durch die Besteuerung der Unternehmen. In Genf sind Kirche und Staat wie in Frankreich strikte getrennt und als Verein organisiert. Sie leben lediglich von den Beiträgen ihrer Mitglieder. 

Die kirchliche Besteuerung der Unternehmen steht in letzter Zeit in der Kritik. In den Kantonen Zürich, Graubünden, Zug, Uri und jüngst Glarus gab es politische Vorstösse zur Abschaffung. Eine Firma habe per se keine Religion, und so würden muslimische und atheistische Unternehmer unberechtigt zur Kasse gebeten, lautet die Kritik. Alle Vorstösse sind gescheitert, die Räte oder das Stimmvolk verwarfen sie deutlich. Die Kantonsregierungen wissen um den Wert der Kirchen im sozialen und im gesellschaftlichen Bereich. Kirchliche Institutionen würden einen wertvollen Beitrag zugunsten der Gesellschaft leisten, sei es durch Seelsorge, Jugendarbeit oder Unterhalt der Kulturdenkmäler, erklärte der Urner Regierungsrat in seiner Antwort auf eine Motion.

Lediglich 12 Prozent für Gottesdienste

Die Kirchgemeinden finanzieren mit dem Grossteil der Gelder die Löhne von Pfarrschaft, Organisten, Sigristen, Sozialdiakonen, Sekretariaten, Jugendarbeitern und Jugendarbeiterinnen, Katechetinnen sowie die Liegenschaften oder soziale und kulturelle Projekte. Aufgeteilt auf die einzelnen Aufgaben, verwenden sie etwa in der Zürcher Landeskirche rund 33 Prozent für Gemeindeaufbau, 22 Prozent für Diakonie und Seelsorge, 19 Prozent für die Liegenschaften, 12 Prozent in Bildung und 2 Prozent für die Kultur. Lediglich 12 Prozent der Ausgaben fliessen in die Gottesdienste und die Verkündigung.

Die Landeskirchen bieten zahlreiche Dienste, die Menschen in allen Lebenssituationen zugutekommen, egal ob sie Kirchenmitglied sind oder nicht: angefangen bei der Seelsorge in den Spitälern und der Psychiatrie, den Gefängnissen oder bei der Polizei und den Rettungskräften. Sie helfen Arbeitslosen, Obdachlosen oder Asylsuchenden. Darüber hinaus beteiligen sich die Kirchen an Beratungsstellen für Paare und Familien und unterstützen soziale Institutionen. 

Inzwischen liegen Untersuchungen aus den Kantonen Zürich, Solothurn und dem Baselbiet zu den Leistungen der Kirchen für die Allgemeinheit vor. Es zeigt sich: Die Kirchen sind das investierte Geld wert. Im Kanton Solothurn etwa erbrachten die kirchlichen Dienststellen eine Leistung mit einem Lohngegenwert von 2,6 Millionen Franken. Durch den Einsatz der Freiwilligen und Ehrenamtlichen vervielfacht sich dieser Betrag auf etwa 31,3 Millionen Franken, wie eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz 2007 zeigt. Heute erhalten die drei Landeskirchen im Kanton Solothurn vom Kanton einen Zuschuss von 10 Millionen Franken. 

Kirchliche Sozialhilfe verfolgt einen anderen Ansatz

Für Evelyn Borer, Synodalratspräsidentin der Reformierte Kirche Kanton Solothurn, hat die kirchliche Sozialhilfe eine andere Ausrichtung als die staatliche. Evelyn Borer war Leiterin der Organisationseinheit Gesundheit und des Sekretariates Sozialhilfe der Gemeinde Reinach. Wer sich in finanzieller Not befinde, müsse das Sozialamt aufsuchen und seine Situation darlegen. Die Beiträge, die jemand bekommt, reichen für das Nötigste. Alles, was darüber hinaus gehe – der Besuch eines Theaters, eines Kinos oder eines Restaurants – werde schwierig.

Die kirchliche Hilfe verfolge einen anderen Ansatz, so Evelyn Borer. Sie sei niederschwellig und versuche, die Not in der Situation zu lindern. Die Unterstützung sei nicht unbedingt monetär, sondern könne durch Angebote etwa in der Jugend- oder Altersarbeit tatkräftig geschehen. Oftmals reichten das Zuhören und der richtige Hinweis, wo man sich Hilfe holen kann. Die kirchlichen Angebote seien meist gratis, erklärt Borer. «Dabei spielt es keine Rolle, wer man ist, welchen Glauben und wie viel Geld man besitzt.»

Evelyn Borer sieht in der Diakonie einen zentralen Auftrag der Christinnen und Christen. Deshalb dürften diese Angebote nicht leichtfertig einer Sparübung geopfert werden. Eine Kirche ohne Diakonie kann sich Evelyn Borer nicht vorstellen. «Kirche funktioniert nur, wenn man in der Gemeinschaft solidarisch lebt.»

Ähnlich formulierte es Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber: «Die Diakonie und die Solidarität braucht es, weil der Staat nicht lieben kann.» Er wolle die Obdachlosen und Randständigen nicht durch Brot heilen, sondern dadurch, dass er ihnen vor allem ihre Würde und ihr Selbstbewusstsein zurückgebe. Auf die Rolle der Freiwilligen angesprochen, meinte Sieber: «Gibt es etwas Schöneres, als Menschen zu spüren, die auf eine bessere Welt hoffen, Menschen, die wissen, dass die Liebe stärker ist als der Tod?» 

Tilmann Zuber, 1. März 2022