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Gesellschaft

Schaffhauser Landeskirchen arbeiten mit Pro Infirmis zusammen

«Zugänglichkeit auf einen Klick»

15.03.2022
Auf einen Klick feststellen, ob eine Kirche für Menschen mit Handicap zugänglich ist. Das erarbeitet ein Projekt von «Pro Infirmis» zusammen mit den Schaffhauser Landeskirchen.

«Wenn man nicht weiss, was man an einem Ort antrifft, geht man nicht hin. Das gilt für Menschen mit oder ohne Handicap», sagt Markus Böni, Leiter der Fachstelle Inklusion Ostschweiz bei Pro Infirmis, der grössten Behindertenorganisation der Schweiz. Seit 2015 sammelt der Verein Daten darüber, inwiefern Gebäude in Schweizer Städten für Menschen mit Behinderung zugänglich sind. Diese Informationen erscheinen schliesslich auf Webseiten von Städten, Tourismusbüros, Pro Infirmis und search.ch: «Man kann ein Gebäude anklicken und sich anhand von Piktogrammen, Bildern und Beschreibungen ein Bild von der Situation vor Ort machen», so Böni.

Das Projekt zieht weite Kreise, denn auch Seniorinnen und Senioren sind auf gute Zugänglichkeit angewiesen. In der Schweiz leben 1,5 Millionen Menschen ab 65 und 1,7 Millionen mit Behinderung. «So gesehen ist mehr als ein Drittel der Schweizer Bevölkerung auf Hilfe angewiesen, Familien mit Kinderwagen noch nicht eingerechnet», stellt Markus Böni fest.

«Wir sind keine Baupolizei»
Schaffhausen war die erste Kantonshauptstadt, die sich an dem Projekt beteiligte, das im Jahr 2016 startete. Im Jahr 2018 unterstützte die «Schaffhauser Bettagsaktion» das Projekt mit ihren Kollekten.

Nun sollen auch die Gebäude der drei Schaffhauser Landeskirchen digital erfasst werden. Dies sei nicht selbstverständlich. «Grade im Zusammenhang mit historischen Bauten stossen wir manchmal auf Skepsis. Doch wir sind keine Baupolizei. Wir wollen informieren und ermöglichen anstatt ausschliessen», so Böni. Es sei illusorisch, alles für alle erschliessen zu wollen. «Man muss damit leben, dass dies nicht immer möglich ist. Jemand mit einer Hörbehinderung kann sich in einem Gebäude zurechtfinden, das für jemanden im Rollstuhl nicht zugänglich ist.» Als Betroffener weiss Markus Böni, wovon er spricht. Er ist im Rollstuhl durch Kanada und Alaska gereist und hat dabei gelernt, Hindernisse zu überwinden.

Selbstbestimmt an neue Orte
Aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen möchte der Projektleiter Menschen mit Behinderung dazu ermutigen, sich selbstbestimmt an neue Orte zu wagen: «Die Leute sollen durch die Informationen auf den Webseiten entscheiden können, was für sie machbar ist. Ob sie sich begleiten lassen oder vor Ort um Hilfe fragen möchten. Vieles ist möglich, wenn man Hilfe annimmt.»

Ab Mai ist ein Team von Pro Infirmis unterwegs, um die kirchlichen Gebäude, Parkplätze und Toiletten unter die Lupe zu nehmen. Mit dabei sind Personen im Rollstuhl und Menschen mit einer Seh-, Hör- oder kognitiven Beeinträchtigung. «Seh- und Hörbehinderte haben andere Bedürfnisse als Menschen im Rollstuhl. Für sie sind Lichtverhältnisse wichtig, Blindenschrift auf Hinweisen oder im Lift, Hörschleifen an Veranstaltungsorten und Angebote in Gebärdensprache. Leute mit kognitiven Einschränkungen sind auf einfache Sprache angewiesen», erklärt Markus Böni.

Landeskirchen finanzieren die Aktion
Die drei Schaffhauser Landeskirchen finanzieren die Aktion als Teil des Projektes «Kirchen als Kulturerbe», das Einblick in die Geschichte von historischen Kirchengebäuden und Pfarrhäusern gibt: «Wir möchten Zugänge ermöglichen und für die Bedürfnisse von Menschen mit Handicap sensibilisieren», sagt Doris Brodbeck, Kommunikationsbeauftragte der Schaffhauser Kirche. Das Ziel sei allerdings nicht, grossflächige Umbauten zu planen. «Wir schauen uns zusammen mit Pro Infirmis die Auswertung an und lassen uns beraten, wie wir unsere Gebäude durch einfache Mittel zugänglicher machen können, zum Beispiel durch den Einsatz mobiler Rampen.»

Das Thema soll auch am Bodenseekirchentag im September durch verschiedene Aktionen vertreten sein, etwa indem eine Person mit einer Sehbehinderung beschreibt, wie sie Kirchenräume wahrnimmt oder jemand ohne Gehör ein Orgelkonzert.

Adriana Di Cesare, kirchenbote-online