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Gesellschaft

«You make me a good boy»

25.04.2022
Spendenpatenschaften: Heute muss Al Ahmmen, Schüler aus dem Slum von Manila, nicht mehr mit leerem Magen ins Bett. Das Hilfswerk Onesimo schenkt dort Slumkindern mit Spenden von Göttis und Gottis aus Europa Hoffnung.

Es stinkt zum Himmel und ist stickig heiss. Hinter den Wellblechdächen der Hütten erhebt sich die glänzende Skyline von Manila. Im Minutentakt erklimmen dröhnende Lastwagen die Müllhalden am Rande der Slums und entladen den Unrat der Metropole. Dutzende von Kindern stürzen sich auf die Abfallsäcke, reissen sie auf und suchen nach Verwertbarem. Der Unrat der Reichen sichert ihre Existenz. In kaum einer anderen Stadt der Welt prallt der Widerspruch von Arm und Reich so hart aufeinander wie in der philippinischen Hauptstadt.

Dem Glück auf der Spur

20000 Kilometer auf der anderen Seite der Erde. Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt, doch Zufriedenheit lässt sich bekanntlich nicht mit Geld allein erwerben. Die Suche nach dem eigenen Glück machte auch Pascale Poffet und Michael Schäppi nachdenklich. Vor fünf Jahren waren die Fachfrau Betreuung und der Sekretär in die neue Wohnung eingezogen: «Es fühlte sich an wie ein Neuanfang, es fehlte an nichts. Doch mit den Jahren wurde das Neue zur Selbstverständlichkeit.» Die beiden spielten mit dem Gedanke, umzuziehen, aus dem Gewohnten auszubrechen, als ihnen eines Tages bewusst wurde: Auch diese neue Freude wird verblassen, wenn sie nicht lernen, den Fokus auf die Fülle im Hier und Jetzt zu richten. Geprägt hat die beiden das Buch des Erfolgsautors Russ Harris, «Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei». Statt neuen Glücksgefühlen hinterherzujagen, fragten sie sich, was ihnen wirklich am Herzen liegt. «Das schenkte uns neue Vitalität und die Zufriedenheit über ein authentisch gelebtes Leben.» Das Paar entschloss sich im letzten Sommer für eine Spendepatenschaft beim Hilfswerk Onesimo.

Wer gibt, wird satt

Die Frage «Was können sie Gutes bewirken?» war für das Patenpaar schon länger ein Wegweiser. «Wir haben erfahren, wie befreiend es ist, den Blick auch mal weg von sich selbst zu richten und etwas weiterzugeben.» Poffet meinte einmal ganz nüchtern: «Wer gibt, dessen Sorgen schrumpfen.» Auch die Bibel bestätigt in der Apostelgeschichte: Geben ist seliger als Nehmen. Die Realität von Manila lasse sich jedoch nicht mit jener in der Schweiz vergleichen. Ein schlechtes Gewissen zu haben, weil man in der privilegierten Schweiz aufgewachsen sei, helfe niemandem, meint Michael Schäppi und ergänzt: «Aber manchmal können beide Realitäten ein Stück weit verwandelt werden, wenn man aus Freude etwas weitergibt.»

Bandenführer als Nachbarn

1994 zog Familie Schneider, das Gründerehepaar von Onesimo, mit ihrer gerade mal einjährigen Tochter von Basel in die Slums von Manila. Die Armut, der Dreck, die Drogendealer, Zuhälter und Bandenführer schreckten Familie Schneider nicht ab. Was sie dort mit der Gründung einer therapeutischen Wohngemeinschaft begann, ist heute ein Hilfswerk, welches jährlich 800 Kinder und Jugendliche aus den Slums begleitet. Poffet und Schäppi entschlossen sich, die Patenschaft für einen Jungen durch das Hilfswerk zu übernehmen. Sie unterstützen ihren Patenjungen zusammen mit monatlich 80 Franken. «Wenn ich gross bin, will ich Polizist werden», verrät Al Ahmmen in einem Brief an seine Paten in Englisch. «You make me a good boy», meint der Junge. Für die meisten Slumkinder ist Stehlen an der Tagesordnung. Viele suchen Trost, indem sie Leim schnüffeln. Heute ist Al Ahmmen dankbar für sein neues Leben, die Schulbildung, die warmen Mahlzeiten und die Begleitung im Alltag. Er bittet im Gebet für seine neun Geschwister. Sein Vater ist der alleinige Versorger der Familie.

Als Pascale und Michael einen Einblick ins Leben von ihrem Patenkind erhalten, werden Bilder aus der eigenen Kindheit wach. «Ich war als Kind voller Pläne», erinnert sich Poffet, «und in der Jugend hatte ich das Gefühl, die Welt steht mir offen.» Manchmal denkt sie im Alltag an Al Ahmmen. «Die Gewissheit, einem Kind eine Perspektive zu ermöglichen, freut mich dann jeweils.» Den beiden wurde bewusst, wie viel sie mit einem Bruchteil ihres Einkommens bewirken können. «Schon eine kleine Spende kann ein Leben verändern», sind die beiden überzeugt.

Michael Schäppi, 25.4.2022, Kirchenbote

Hilfswerk Onesimo: www.onesimo.ch