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Spiritualität

«Sterben ist keine Last-minute-Veranstaltung»

29.05.2022
Tod und Sterben gehören zum Menschen wie die Geburt und die Lebensfreude. Ende April erfuhren im Zwinglihaus über fünfzig Zuhörende, was der Theologe Michael Bangert zum Thema «ars moriendi» zu sagen hatte.

«Die Kunst des Sterbens ist etwas, womit sich unsere Gegenwart eher wenig beschäftigt», sagte Michael Bangert, promovierter Theologe und Pfarrer in der christkatholischen Predigerkirche. «Eher Bescheid wissen wir darüber, wie man mit Hilfe eines Vereins schweizerischen Rechts dem Leben ein Ende setzt.» Als Einstieg in seinen Vortrag und um das Eis gleich zu Beginn zu brechen, machte er mit den Anwesenden eine kleine Sehübung. Bangert zeigte das Bild eines gekreuzigten Menschen und verdeutlichte in der Folge, wie sehr wir religiös dressiert sind. Bei der vermeintlichen Christus-Figur handelte es sich nicht um Jesus von Nazareth, sondern um eine portugiesische Königstochter, die der Legende nach nicht heiraten wollte, sich einen Bart wachsen liess und zur Strafe von ihrem Vater gekreuzigt wurde. Nicht immer ist das Offensichtliche auch das Wahre.

Gersons Traktat
Als Begründer der Vorstellung des guten Sterbens gilt Jean Gerson (1363 bis 1429). Im Jahr 1399 war der französische Theologe sterbenskrank und regungslos ans Bett gefesselt und rechnete damit, das Zeitliche zu segnen. In dieser Situation diktierte er sein berühmtes Traktat «Über die Gelehrsamkeit des Sterbens». In umgangssprachlichem Flämisch – und nicht auf Latein – verfasst, richtete sich die Schrift an die ungebildete weltliche Gesellschaft. Gersons Fazit: Es kann nicht schlecht sterben, wer gut gelebt hat. Wider Erwarten erholte sich Gerson von seiner Krankheit, und sein Büchlein entwickelte sich zum Verkaufsschlager. Dazu Michael Bangert: «Erstmals tritt der Mensch als Individuum auf. Bei seinem Sterben geht es nicht um eine Last-minute-Veranstaltung. Vielmehr läuft der ganze Lebensbogen auf das Sterben zu, nachdem zuvor das Leben als künstlerischer Akt und das erreichte Alter als etwas Positives verstanden worden ist.» Heute werde Alter ausschliesslich als dermatologische Katastrophe erlebt.

Münsterland-Erfahrung
«Gibt es heute auch ohne Sterbeverein so etwas wie Selbstbestimmung am Ende des Lebens?», fragte Michael Bangert das Publikum und erzählte eine Anekdote aus dem Münsterland. An seiner ersten Stelle als Pfarrer im Norden Deutschlands wurde er mehrfach von den Bauernfamilien telefonisch kontaktiert mit den Worten: «Die Oma hat aufgehört zu trinken. Kommen Sie bitte in drei Tagen vorbei.» Das Beispiel zeige, dass Menschen auch ohne Sterbehilfe selbstbestimmt entscheiden könnten, wann sie gehen wollten. «Allerdings sollte das Sterben nie ohne ein Du stattfinden. Es braucht die Absprache mit nahestehenden Menschen», ist Bangert überzeugt. Wenn dies gegeben sei, könne der Arzt getrost weggelassen werden.

Der Tod habe viel mit dem Leben zu tun. «Empfinde ich Freundschaft für den Tod wie vorher für das eigene Leben?» Kein Leben sei perfekt, nicht alles verlaufe am Schnürchen. Man müsse ja nicht gleich Frieden schliessen mit dem eigenen Leben, aber sich vielleicht anfreunden. «Alle Menschen gehen doch in die gleiche Richtung. Da macht es Sinn, sich mit der eigenen Begrenztheit zu beschäftigen.» Als kleine, wiederkehrende Übung zu Lebzeiten empfiehlt Michael Bangert, seine Lieben und sich selbst wohlwollend anzuschauen und das Wunderbare des eigenen Lebens zu erkennen.

Gersons Hoffnung
«So wie viele bildliche Darstellungen die Seele als Kind zeigen, wie sie von den Engeln abgeholt wird, geht auch Jean Gerson in seinem Traktat davon aus, dass der Kern des Menschen, sein Wesen, erhalten bleibt», resümiert Michael Bangert. Er plädiert dafür, das eigene Leben wie ein Kunstwerk zu pflegen und zu gestalten und entsprechend die Patientenverfügung mit der eigenen Poesie zu formulieren.

Toni Schürmann