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Leben & Glauben

Glaube

Verloren geglaubt – Von der Sängerin zur Pfarrerin

09.06.2022
Trudy Walter hat an der Kirchlich-Theologischen Schule eine Maturaarbeit geschrieben über Seelsorge an Menschen aus dem kirchlichen Umfeld, die den Glauben verloren haben. Dabei hat die ehemalige Opernsängerin auch persönliche Erfahrungen eingebracht.

Von der Bühne auf die Kanzel: So könnte dereinst eine Biographie über Trudy Walter betitelt werden. Noch ist es allerdings nicht so weit. Im Herbst wird die ehemalige Opernsängerin und aktuelle Präsidentin der Kirchenpflege Brugg ihr Theologiestudium an der Universität Bern aufnehmen.

Die erste Hürde auf diesem Weg, der ihrem Leben «nochmals eine Wende» geben soll, hat sie allerdings schon gemeistert – und zwar mit ihrer Maturaarbeit an der KTS mit dem Titel: «Wenn der Glaube an Gott stirbt – auf der Suche nach relevanten theologischen Fragen in der Seelsorge im Hier und Jetzt».

«Von Gott im Stich gelassen»
Sie hat dafür einen sehr persönlichen Zugang gewählt – und zwar indem sie im Vorwort zur Arbeit in ihr eigenes Leben zurückblendet, in eine Zeit, als sie als 25-Jährige ihr Musikstudium in Italien abbrach, um die letzten Lebensmonate mit ihrer an Krebs erkrankten Mutter zu verbringen.

Der Wunsch der Tochter an Gott, ihre Mutter nicht sterben zu lassen, ging nicht in Erfüllung. «Ich fühlte mich von Gott im Stich gelassen. So wie er meine Mutter hatte sterben lassen, liess ich ihn sterben. Ich wollte ihn nicht mehr und jagte Gott und den Glauben aus meinem Leben», schreibt sie.

Es blieb nicht bei diesem Glaubensverlust – im Gegenteil: Trudy Walter ist als Präsidentin der Kirchenpflege Brugg aktives Mitglied der reformierten Kirche und will diese Kirche künftig noch stärker mitgestalten. «Mich drängt es ins Pfarramt», sagt sie. «Zu den Menschen.»

Von Nietzsche bis in die Gegenwart
Die Begegnung mit Menschen steht denn auch im Zentrum ihrer Maturaarbeit. Genauer: die Begegnung mit Menschen aus dem kirchlichen Umfeld, die den Glauben an Gott verloren haben – so wie sie als junge Frau. Ausgehend von Nietzsches Aphorismus «Gott ist tot» stellt sie sich die Frage, welche Antworten die Theologie für die Seelsorge bereit hält.

Dabei stützt sie sich auf die Theologin Dorothee Sölle und den Theologen Wilfried Härle. «Beide haben ihren Gottesglauben verloren und wieder gefunden», schreibt Walter. Die Auseinandersetzung mit ihnen sowie die Gespräche mit Seelsorger und Professor Thomas Wild von der Universität Bern und Prof. W. Härle habe ihr vor allem vor Augen geführt, «dass nichts einfach gegeben ist – auch der Glauben nicht.»

Ein fiktives Gespräch mit persönlichen Erfahrungen
Um zu illustrieren, wie praktische Seelsorge aussehen könnte, skizziert Trudy Walter in ihrer Arbeit ein fiktives Seelsorgegespräch zwischen zwei Frauen. Und auch da greift sie auf persönliche Erfahrungen zurück. «Ich gehe oft mit meinem Hund spazieren und begegne vielen Menschen. Fast alle Sätze, die in diesem fiktiven Gespräch fallen, habe ich schon mal gehört», sagt sie.

Gerade der Satz ‘wie kann Gott so etwas zulassen’ sei im Alltag immer wieder zu hören. Als sie am Totenbett ihrer Mutter sass, hat sich Trudy Walter diese Frage auch gestellt. «Ich hatte eine sehr kindliche Vorstellung vom Gott im Himmel», sagt sie. «Und heute wundere ich mich, wie viele auch ältere Menschen ein sehr kindliches Glaubensbild haben.»

Das liege daran, dass sich viele nicht mehr aktiv mit dem Glauben auseinandersetzen, ihn nicht weiterentwickeln. «Ich möchte mit meiner Arbeit meine Mitmenschen dazu ermutigen, über den Glauben zu sprechen und einander zuzuhören. Der Glaube wandelt sich – und vielleicht ist dann die Frage ‘wie kann Gott so was zulassen’ gar nicht mehr so wichtig.»

Die Kraft der Musik
Trudy Walter stand auf den Opernbühnen in Europa, hat dann aber die Karriere als Opernsängerin beendet und Musik unterrichtet – weil sie das als zweifache Mutter besser mit ihrer Familie kombinieren konnte. Und nun also nochmal was Neues: Ihr Pfarrer in Brugg wusste, dass sie «mit dem Pfarrberuf liebäugelte» und machte die Kirchenpflegerin auf die KTS aufmerksam.

«Die Ausbildung hat viel Einsatz gebraucht», sagt sie.  «Aber ich bin jetzt schon traurig, dass ich diese Talentschmiede im Muristalden bald verlassen werde. Wir wurden sehr gefordert, aber vor allem gefördert.» Sie sieht es als Privileg, dass sie in ihrem beruflichen Leben machen durfte, «was mich antreibt.» Das will sie auch künftig tun: «Mein Wunsch ist es, in der Kirche die Kraft der Musik mit dem Wort zu verbinden.»

Astrid Tomczak, reformiert.info

Eine Matura fürs Theologiestudium
Die Kirchlich-Theologische Schule KTS am Campus Muristalden in Bern richtet sich an Menschen, die sich beruflich neu orientieren und Pfarrerin oder Pfarrer werden wollen. Der Lehrgang dauert zwei Jahre und kann neu jederzeit  begonnen werden. Er wird mit einer Maturitätsprüfung inkl. Latein und Altgriechisch abgeschlossen, die zum Theologiestudium an den Universitäten Bern und Basel berechtigt. Unterrichtsgefässe, -formen und -inhalte werden den individuellen Bedürfnissen der Studierenden angepasst. Dies führt dazu, dass die Fächer im Plenum, in Einzel- oder Kleingruppen oder im Rahmen von Tutorien unterrichtet werden. Bei der KTS handelt es sich um eine Vollzeitschule.