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Kultur

Nachwuchsprobleme: Die Chöre sollten sich vermehrt öffnen

21.06.2022
Viele Kirchenchöre in der Schweiz stehen im Wandel. Auch die Neuhauser Kantorei will sich verändern, um das Aussterben des Traditionschores zu verhindern.

Die Neuhauser Kantorei blickt auf eine über hundertjährige Geschichte zurück. Sie wurde 1914 als Kirchenchor der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Neuhausen gegründet und ist regelmässig in Gottesdiensten und Konzerten zu hören. Der Chor bringt unter anderem die grossen Werke von Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Benjamin Britten, Antonín Dvořák, Anton Bruckner, Heinrich Schütz, Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart, Louis Spor und Igor Strawinsky zum Klingen. Seit fünf Monaten steht Igor Marinkovic am Dirigentenpult.

Aktuell treffen sich 62 Sängerinnen und Sänger zu den wöchentlichen Proben im Kirchgemeindehaus Neuhausen. «Die meisten unserer Mitglieder sind über 65 Jahre alt, und der Chor wird kleiner. Auch die Zusammensetzung verändert sich, Neuhauserinnen und Neuhauser machen mittlerweile den kleinsten Teil unserer Mitglieder aus», sagt Co-Präsidentin Annemarie Schultheiss. Die Kantorei leidet unter Nachwuchsproblemen. «Es ist schwierig, jüngere Leute zu finden, die bereit sind, regelmässig zu proben und in den Gottesdiensten mitzuwirken. Manche singen zwar gerne, fühlen sich aber mit der Kirche nicht sehr verbunden.» Auch die Coronakrise habe ihren Tribut gefordert. «Wir haben zwar Zoom-Proben angeboten, aber das war nicht für alle machbar. Nach zwei Jahren Zwangspause haben einige den Anschluss nicht mehr gefunden», bedauert die Co-Präsidentin.

In Projekten singen
Die Abnahme der Chöre ist auch auf der Schweizer Ebene zu spüren. Der Dachverband zählt aktuell 187 Kirchen- und Jugendchöre. «Seit einigen Jahren verlassen zehn Chöre pro Jahr unseren Verband, weil sie sich auflösen oder fusionieren», sagt Markus J. Frey vom Verband der reformierten Kirchenchöre in der deutschsprachigen Schweiz. Und er ergänzt: «Der Trend wurde durch Corona nur leicht verstärkt. Rund 20 unserer Mitglieder konnten ihre Mitgliederzahlen durch die Coronapandemie halten und erfreulicherweise sogar steigern.»

Fünfmal im Jahr singt die Neuhauser Kantorei in Gottesdiensten, vor allem an hohen Feiertagen, einmal zusammen mit dem katholischen Kirchenchor im ökumenischen Gottesdienst. Die geistlichen Werke erfordern eine grosse Besetzung. Deshalb sind Projektsängerinnen und -sänger gefragt, besonders bei den Männerstimmen: «Wir haben nur vier Tenöre und acht bis zehn Bässe in unseren Reihen. Deshalb brauchen wir jeweils Verstärkung und laden auch Gastchöre und Einzelsänger ein, um mitzuwirken», so Schultheiss.

Mobilität verändert
Entwickeln sich die traditionellen Kirchenchöre generell stärker zu Projektchören? Markus J. Frey bejaht: «Es gibt viele Kirchenchöre, die sich zu Konzertchören, Singgruppen oder Ensembles wandeln.» Frey ist überzeugt: «Offenheit ist gefragt.» Denn heute seien viele Leute mobil und dadurch nicht mehr an einen Wohnort gebunden. «Chorleitung und Angebot sind heute ausschlaggebender als die Zugehörigkeit zu einer Kirchgemeinde.»

Um die Mitgliederwerbung anzukurbeln, möchte die Neuhauser Kantorei vermehrt die sozialen Medien nutzen und das Repertoire auf Gospel und moderne Werke ausweiten. Wer befürchtet, stimmlich zu wenig geschult zu sein, irrt. «Wir nehmen auch Sängerinnen und Sänger auf, die stimmlich nicht so stark sind. Bei uns sind alle willkommen, die Freude am Singen haben. Unverbindliches Hereinschnuppern ist jederzeit möglich», betont Annemarie Schultheiss.

Markus J. Frey sieht die Chance für die Chöre insbesondere in Kirchgemeinden, die das Chor- und Gemeindesingen pflegen: «Singen ist mehr als nur Verschönerung des Gottesdienstes. Es ist Verkündigung und Seelsorge und schafft Gemeinschaft.» Dies bestätigt Annemarie Schultheiss: «Wir kümmern uns nicht nur in den Proben um einander. Auch an unseren Chorwochenenden, -ausflügen und -konzertfeiern pflegen wir den Kontakt.» Schultheiss beschreibt das Chorsingen als Kraftquelle: «Beim Singen fällt alles, was im Alltag belastet, von mir ab. Die Transzendenz der Musik ist spürbar und trägt, unabhängig vom eigenen Glauben. Das ist eine sehr eindrückliche Erfahrung, die wir gerne mit anderen teilen.»

Adriana Di Cesare

Informationen und Proben: www.neuhauser-kantorei.ch


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