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Gesellschaft

Krieg in der Ukraine

Gastfamilien bieten Flüchtlingen ein Zuhause «solange sie wollen»

13.09.2022
Gastfamilien von Ukraine-Flüchtlingen tauschen sich in Wetzikon regelmässig aus. Das Zusammenleben empfinden sie als bereichernd. Schwierigkeiten gab es vor allem am Anfang.

«Wir sind unfreiwillig Grosseltern geworden. Das ist ein Glücksfall.» Die Seniorin ist froh, dass sie diesen Schritt gewagt hat. Sie und ihr Mann nahmen Anfang Juli eine ukrainische Mutter mit zwei Töchtern im Alter von sieben und zwei Jahren in ihrem Haus auf. Die junge Familie ist im April vor dem russischen Angriffskrieg in die Schweiz geflüchtet. «Das Verhältnis ist sehr gut», sagt die Seniorin. Sie lächelt.

Zusammen mit drei weiteren Frauen und einem Ehepaar sitzt sie im Jugendraum des Pfarreizentrums Heilig-Geist in Wetzikon. Mi-Kyung Lee, Sozialdiakonin der reformierten Kirche, und Joanna Sobiecka vom Sozialdienst der katholischen Pfarrei, haben zu einer Austauschrunde für Gastfamilien von Flüchtlingen geladen. Diese findet seit Anfang Mai alle zwei Wochen am Montagabend statt. Zwei externe Moderatorinnen führen durch den Abend, an dem die Anwesenden von ihren Erlebnissen erzählen können und Antworten auf Fragen sowie Lösungen für Probleme und Anliegen finden.

Platz ist vorhanden
An diesem Abend Mitte September sind sich die Gastfamilien vor allem in zwei Punkten einig: Das Zusammenleben mit den Flüchtlingen aus der Ukraine sei sehr bereichernd. Und: Sie wollen sie so lange beherbergen, wie die Situation dies erfordert. «Solange sie wollen», ist ein oft gehörter Satz. Denn: Die Gastfamilien haben Platz. Die meisten von ihnen verfügen über eine Einliegerwohnung oder eine ganze Etage, die sie den Menschen zur Verfügung stellen können.

Waren am Anfang vor allem organisatorische und administrative Probleme das Gesprächsthema – etwa wie sie Flüchtlinge bei der Arbeitssuche unterstützen können oder wie sich das Zusammenleben gestalten lässt – so sind es mittlerweile Fragen nach der Zukunft, welche die Anwesenden beschäftigen: Was geschieht mit dem Status S? Was, wenn diese Menschen zurück in ein Land müssen, dessen Infrastruktur zerstört ist?

«Schulstoff ist zu einfach»
An diesem Abend ist auch der Schulstoff der ukrainischen Kinder und Jugendlichen ein Thema. Mehrere Anwesende berichten, dass die Kinder unter hohem Druck stünden. Sie müssten neben dem Schweizer Schulstoff auch den ukrainischen bewältigen. Online verfolgen sie den Unterricht in ihrer Heimat. Denn: «Sie wollen den Anschluss nicht verlieren», sagt eine Frau. Eine andere erzählt: «Die Mütter finden die Schule hier zu wenig streng, den Stoff zu einfach.»

Moderatorin Therese Halfhide rät, die Schulsysteme nicht gegeneinander auszuspielen. Eine Gastmutter schlägt vor: «Wenn ich der Mutter sage, dass ich glaube, ihrem Kind ginge es nicht gut, nimmt sie meinen Rat vielleicht eher an.» Und zwar den Vorschlag, den Schulunterricht mit Ausnahme der Sprache nur in der Schweiz zu verfolgen. Die anderen nicken. Auch das Essen kommt zur Sprache. Es schmecke gut, doch die ukrainischen Familien würden riesige Mengen kochen. Eine Anwesende liefert eine Erklärung: «In der Heimat kochen sie am Wochenende für die ganze Woche vor.» Sie sieht darin einen Vorteil: Das habe ihr den Druck genommen, jeden Tag etwas anderes kochen zu müssen.

60 Prozent privat untergebracht
Gemäss einer neuen Erhebung der Sozialdirektorenkonferenz sind rund 60 Prozent der ukrainischen Flüchtlinge in der Schweiz privat untergebracht. Das entspricht etwa 40 000 Personen. Im Kanton Zürich liegt die Zahl bei rund 4000 Personen, in Wetzikon leben 42 privat. Nur etwa fünf bis zehn Prozent mussten schweizweit bis zu den Sommerferien umplatziert werden.

In der Austauschrunde in Wetzikon erzählen die Gastfamilien, dass sie von ihrer Gemeinde zwar finanzielle Unterstützung für die Miete erhielten, dafür aber bei der Gemeinde vorstellig werden müssen. «Das Geld kommt nicht automatisch.»

Sozialdiakonin Mi-Kyung Lee stellt fest, dass sich die Einstellung vieler ukrainischer Familien geändert habe. Gingen die meisten am Anfang davon aus, dass sie bald in ihre Heimat zurückkehren würden, so sähen sie heute in der Ukraine keine Zukunft mehr. «Sie konzentrieren sich daher darauf, eine Arbeit zu finden, bei der sie mehr verdienen, damit sie nicht mehr von der Asylfürsorge abhängig sind.»

Kirchen sind Vorreiterinnen
Die Reformierte Kirche und die katholische Pfarrei Wetzikon waren in der Region die ersten, die einen solchen Austauschabend organisierten. Die Initiative geht auf die Zürcher Moderatorinnen Brigitte Minder und Therese Halfhide zurück, zwei Coaches, die Erfahrung in der Beratung von Stellensuchenden mitbringen und in der Flüchtlings-Krise ehrenamtlich einen Beitrag leisten wollten.

Sie schrieben ein Konzept und wandten sich an den Wetziker Integrationsbeauftragten. Dieser verwies an die Kirchen. Innerhalb von nur zwei Wochen fanden sich zehn Interessierte für die Gesprächsrunde. Immer wieder treten Personen aus der Gruppe aus, oder neue kommen hinzu, da manche Flüchtlinge beschliessen, in ihre Heimat zurückzukehren oder neue in den Ort ziehen.

Die Gastfamilien schätzen den Austausch in der Gruppe, das Netzwerk der Kirchen und den Zugang zu Angeboten, die sie bisher nicht kannten. Bei vielen sind die Kinder längst ausgezogen, mit Fragen zur Schule, zu Deutsch-Kursen oder zum Sozialdienst mussten sie sich noch nie oder schon lange nicht mehr beschäftigen.   

Nadja Ehrbar, reformiert.info