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Gesellschaft

Extraheft zu Glauben und Kirche

«Wo ist Gott, der am Anfang der Verfassung steht?»

16.09.2022
Die Landeskirchen stellen zusammen mit der Schweizer Illustrierten zum Bettag die Gretchenfrage: Wie hast du es mit der Kirche? Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Kirchen, darunter alt Bundesrat Pascal Couchepin, liefern Antworten.

Wie stehen Schweizerinnen und Schweizer zur Kirche? Warum und wie glauben sie? Ein «Special» in der Schweizer Illustrierten SI und dem französischsprachigen Pendant l’Illustré geht diesen Fragen just vor dem Eidgenössischen Buss- und Bettag nach, den die Schweiz am kommenden Sonntag feiert. Die Spezialausgabe, die heute Freitag erscheint, wird von den beiden grossen Landeskirchen mitverantwortet. Bekannte Persönlichkeiten aus der ganzen Schweiz erzählen, welche Rolle die Kirche in ihrem Leben spielt.

Die Zürcher Regierungsrätin Jaqueline Fehr, der als «Mister Corona» bekannt gewordene ehemalige BAG-Chefbeamte Daniel Koch und «Fernsehwanderer» Nik Hartmann etwa stellen sich religiöse Fragen, die viele in der Öffentlichkeit meiden, denn Glauben gilt heute gemeinhin als Privatsache.

Rita Famos spricht mit Pascal Couchepin
Das Herzstück des Extrahefts bildet das Interview mit Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS, und alt Bundesrat Pascal Couchepin. Im Gespräch finden sie Bezugspunkte zwischen Kirche und Staat.

Der Beitrag «10 Fragen, 10 Antworten» bietet ökumenische, reformierte und katholische Informationen, die von Grundlegendem (Ist Maria reformiert oder katholisch?) bis zu brisanteren Themen (Kirchensteuern der juristischen Personen) reichen.

Die Schweizer Illustrierte und L’Illustré setzten die Publikation redaktionell um. Sie unterscheiden sich leicht in der Wahl der Persönlichkeiten für die Deutschschweiz und die Romandie. Die Römisch-Katholische Zentralkonferenz und die EKS «wirkten ideell, finanziell und personell an diesem Vorhaben über die Sprachgrenzen hinweg mit», heisst es in der Medienmitteilung.

Die EKS-Synode sprach 80'000 Franken
Die Synode der EKS sprach im vergangenen Juni total 80'000 Franken für das Projekt, womit zwei Ausgaben mitfinanziert werden sollen. Die zweite Ausgabe ist für nächsten Frühling geplant. Mit dem gleichen Beitrag beteiligt sich die Römisch-Katholische Zentralkonferenz. Die Zusammenarbeit mit den Kirchen habe Werner De Schepper, katholischer Theologe und Chefautor der Schweizer Illustrierten, angestossen, erklärt Dominic Wägli, Leiter Kommunikation bei der EKS. Eine ökumenische Begleitgruppe entwickelte inhaltliche Vorschläge.

Positive Presse, aber keine PR-Aktion
Manche Persönlichkeiten, die zu Wort kommen, haben einen Bezug zur Kirche wie etwa Jacqueline Fehr, unter deren Direktion die Kirchen fallen. Bei anderen wie der Bergsteigerin Evelyne Binsack oder André Schneider, dem Generaldirektor des Genfer Flughafens, erscheint diese Verbindung weniger offensichtlich. «Die Spezialausgabe soll keine PR-Aktion der Kirche sein», betont Wägli, «sondern Raum bieten für Diskussionen und die Institution Kirche nahbar machen.» Vielen sei heute weniger bewusst, wofür die Kirche stehe und wo sie überall drin sei, «nämlich in vielen Menschen». Diese Lücke wolle das Vorhaben etwas schliessen. Weil die Kirchen zurzeit medial eher negativ assoziiert würden – von sexuellen Übergriffen bis zur Beschwerde im Zusammenhang mit dem ehemaligen Präsidenten der EKS, Gottfried Locher – wolle man mit diesem Extraheft ein positives Bild präsentieren, so Wägli.

Die Kirchen möchten ein Publikum ansprechen, das sie mit ihren üblichen Angeboten nicht erreichen, das durch die Mitgliedschaft aber weiterhin mit der Institution verbunden ist. Bei der Lektüre des Hefts seien Glauben und Zweifeln erlaubt, wie Werner De Schepper im Editorial schreibt.

Staat und Kirche gemeinsam am Bettag
Dass die Kirchen für dieses Vorhaben den Bettag als Anlass gewählt haben, ist kein Zufall. Mit der Gründung des schweizerischen Bundesstaates im Jahre 1848 erhielt der Bettag seine staatspolitische Bedeutung. Nach dem verheerenden Sonderbundskrieg wollten die Behörden den Respekt vor dem politisch und konfessionell Andersdenkenden fördern und verordneten zur Versöhnung den Bettag. Bis heute gilt er etwa in Zürich und Bern als hoher Feiertag.

Mittlerweile pflegten Staat und Kirche «freundliche Distanz», schreibt Werner De Schepper und «die Kirchen suchen die Menschen mehr als die Menschen die Kirchen». Die Spezialausgabe sieht De Schepper als Beitrag zu «einem grossen Tabu dieser Zeit: Wie hast du es mit der Religion? Warum Kirche? Und wo ist Gott, der am Anfang der Verfassung steht?». Der Bettag biete sich geradezu an, zu diesen Fragen auch die Politiker ins Boot zu holen, ergänzt Dominic Wägli.

Karin Müller, kirchenbote-online