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Kirche

Das Fach «Religionen» am Gymnasium

Wissen beugt der Radikalisierung vor

27.11.2022
Der Bund möchte die religiöse Bildung an den Gymnasien aufwerten. Die Landeskirchen setzen sich dafür ein, dass das Grundlagenfach «Religionen» obligatorisch wird.

Der Bund arbeitet an einer neuen Verordnung über die Anerkennung der gymnasialen Maturitätszeugnisse MAV und lud auch die Landeskirchen zur Vernehmlassung ein. Diese möchten das Fach «Religionen» als obligatorisches Grundlagenfach im Stundenplan verankern.

Wie das Thema «Religionen» auf der Gymnasialstufe vermittelt wird, regelt zurzeit jeder Kanton anders. Die fünf Baselbieter Gymnasien können «Religionslehre» als Ergänzungsfach und Wahlkurs für das letzte Schuljahr anbieten, es gilt dann als Maturfach.

Kirchen möchten mehr
Der Entwurf zur MAV sieht vor, das Fach «Religionen» auf die Liste der möglichen Schwerpunktfächer zu setzen, wie etwa Physik und Mathematik, Wirtschaft und Recht, Bildnerisches Gestalten oder Latein. Dies begrüssen die Kirchen. Zudem sieht der Bund vor, dass die Gymnasien «Religionen» als Grundlagenfach anbieten können. Die Kirchen möchten hier weitergehen und das Fach «Religionen» oder «Philosophie und Religionen» den obligatorischen Grundlagenfächern gleichstellen, also Fächern wie Geschichte, Deutsch und Mathematik.

Die Landeskirchen betonen, wie wichtig die Auseinandersetzung mit Religion «in einer weltanschaulich und religiös pluralen Gesellschaft» sei: «Der Austausch über Religion dient der Dialogfähigkeit, dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Stärkung der Zivilgesellschaft.» Im Fach «Religionen» würden «religiöse und ethische Fragen aufgenommen» und Maturanden «zu existentiellen Fragen herausgefordert».

Gegen die Polarisierung
Die Baselbieter Kirchenrätin Katharina Gisin und Roland Dobler, Leiter der kirchlichen Fachstelle Unterricht, unterstützen die Argumentation der Landeskirchen. «Die gesellschaftliche Polarisierung nimmt weltweit zu», sagt Gisin. «Es ist wichtig, dass sich die Schülerinnen und Schüler Gedanken darüber machen, welche Wurzeln wir in der Schweiz haben, und woher die Migrantinnen und Migranten, die mit uns leben, kommen.»

«Wer radikalste religiöse Ansichten vertritt, weiss oft nur sehr wenig über seine eigene Religion», dies hätten Untersuchungen gezeigt, ergänzt Roland Dobler. Er unterrichtete bis 2018 «Religionslehre» am Gymnasium Liestal und kennt die Schwierigkeiten, die mit dem Unterricht und der Anerkennung des Fachs verbunden sind. Er betont aber auch, dass die jetzt vom Bund vorgeschlagene neue Regelung bereits eine Verbesserung gegenüber heute sei.

In der Primar- und Sekundarschule sind die Landeskirchen mit einem von ihnen verantworteten «Religionsunterricht» vertreten, der von Religionslehrpersonen und Pfarrpersonen bestritten wird. In den Gymnasien unterrichten in der Regel Gymnasiallehrpersonen mit entsprechender Ausbildung das Frei- und anschliessende Ergänzungsfach «Religionslehre». Im Idealfall haben sie eine religionswissenschaftliche Ausbildung. Ob das Fach angeboten werden kann, hänge davon ab, ob sich genügend Schüler anmelden, aber auch, ob sich eine Lehrperson findet, die das Freifach anbieten kann und will, so Roland Dobler.

Immer wieder Vorurteile
Immer wieder war er auch mit Vorurteilen konfrontiert. Die Vorstellung, dass die Schüler im Fach «Religionslehre» religiös beeinflusst würden, sei verbreitet. Obwohl die Landeskirchen die Fachbezeichnung «Religion» bevorzugten, biete die Bezeichnung «Religionen» im Revisionsentwurf die Chance klarzustellen, dass das Fach rein religionswissenschaftlich ausgerichtet sei, findet Dobler. Katharina Gisin kann nicht nachvollziehen, warum die Frage, in welchem Masse die Schüler beeinflusst werden, regelmässig bei der Religion auftauche. Sie ist überzeugt, dass jede Lehrperson eine Haltung vertritt, die in ihren Unterricht einfliesst. Solange dies reflektiert werde und transparent sei, sieht sie kein Problem. Sie findet es sinnvoll, das Fach «Philosophie und Religionen» verbindlich in die Liste der Grundlagenfächer aufzunehmen, wie es die Landeskirchen empfehlen. Ob dieser Vorschlag politisch eine Chance hat, beurteilen Gisin und Dobler skeptisch.

Karin Müller