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Gesellschaft

Humanitäre Hilfe

«Es fehlt den Erdbebenopfern an allem»

17.02.2023
Viele vom Erdbeben betroffene Gebiete in Syrien sind von Hilfe abgeschnitten. Ein Thuner Hilfswerk ist vor Ort. Die Menschen hätten Angst vergessen zu werden, sagt Matthias Schwab.

Herr Schwab, wie ist die Lage in Nordsyrien?
Die Lage ist verworren, und die Menschen sind verzweifelt. Eine Region, in der die Menschen sowieso schon unter Krieg, Mangel und Versorgungsengpässen leiden, wurde von einem der stärksten Erdbeben getroffen. Viele Orte sind durch Frontlinien abgeschnitten und gar nicht zu erreichen. Einige Gebäude waren nach Bombenangriffen schon vor den Erdbeben eingestürzt. Jetzt ist das Ausmass der Zerstörung riesig.

Wie leben die Menschen unter diesen Umständen?
In den Städten schlafen die Menschen immer noch draussen. Es gibt niemanden, der ihnen hilft, ihre Wohnungen vom Schutt zu befreien. Viele von ihnen fliehen in die Flüchtlingscamps vor den Städten. Doch auch dort herrscht Mangel – es gibt kein Material zum Heizen, kein Trinkwasser, kein Essen.

Was sind die Bedürfnisse der Erdbebenopfer?
Viele haben ihr Zuhause panisch verlassen. Sie haben nur das dabei, was sie in diesem Moment in der Hand hatten – vielleicht ein Handy. Deshalb fehlt es ihnen an allem: Kleidung, Decken, Essen und Wasser. Jetzt ist auch in Syrien Winter, und es ist kalt. Die Menschen brauchen dringend Heizmaterial, um sich in den Ruinen und draussen warm halten zu können.

Wie geht es den Menschen psychisch?
Am heftigsten sind die Angst und die Verzweiflung. Die Angst um das eigene Leben ist nach wie vor gross. In den Städten kam es auch zu Massenpaniken. Wenn jemand sich einbildete, ein Nachbeben zu spüren, verliess die ganze Nachbarschaft das Viertel. Dazu kommt die Verzweiflung: Es gibt Menschen, die ihre Liebsten verloren haben und andere, denen durch das Erdbeben alles genommen wurde. Sie haben schon so viele Jahre im Krieg überlebt, und fragen sich nun, wie sie sich je wieder aus diesem Elend befreien können.

Wie arbeiten Sie vor Ort?
Wir haben unsere Nothilfe-Teams in Regionen, die mit am stärksten betroffen sind – in Aleppo, Afrin und Al-Shahbaa. Seit Jahren engagieren wir uns mit einheimischen Partnern für die Menschen in diesem schwer gebeutelten Kriegsgebiet Nordwestsyriens und hatten glücklicherweise unsere Infrastruktur für Nothilfe schon vor dem Beben einsatzbereit. Unsere Leute vor Ort wissen, was gebraucht wird, und wir organisieren und koordinieren den ganzen Einsatz jetzt auch für die Erdbebenopfer. Mit unseren lokalen Partnern können wir auf viele freiwillige Helferinnen und Helfer zählen, die unsere Hilfsgüter verteilen.

Was tun Ihre Partner, um den Menschen zu helfen?
Zum einen arbeiten wir in den Flüchtlingslagern nördlich von Aleppo, die immer wieder vergessen gehen, weil sie zwischen den Frontlinien schwer zu erreichen sind. Seit vier Jahren haben wir dort Teams vor Ort, die Essen, Kleidung und Zelte verteilen. Auch jetzt sind diese stark gefordert, denn viele Familien sind aus Furcht vor weiteren Nachbeben aus den Städten geflohen.

Wie sieht die Hilfe vor Ort konkret aus?
Unsere Partner in den Städten wie Aleppo haben Kirchengebäude und Schulen rund um die Uhr geöffnet, damit die Menschen sich aufwärmen können. Sie verteilen Brot, Wasser, Jacken und Decken an diejenigen, die noch in den Parks der Stadt schlafen. Sie leisten auch wichtige Seelsorgearbeit, indem sie zuhören, trösten und ermutigen und auf die dringendsten Nöte der Menschen reagieren. Bald wollen unsere Partner damit beginnen, zerstörte Gebäude zu sichern und zu renovieren, damit Menschen wieder in ihre Wohnungen zurückkehren können.

Wie können wir aus der Schweiz die betroffenen Syrer unterstützen?
Die beste Hilfe sind Geldspenden – die Menschen dort brauchen dringend unsere Unterstützung. Aus meiner Sicht können wir auch für Trost und Stärke beten – auch für die Leiter, die so viele Menschen unterstützen.

Weshalb gelangt nicht mehr Hilfe nach Syrien?
Leider ist es nicht möglich, Hilfsgüter oder Helfer aus dem Ausland nach Syrien zu bringen. Das Land wird weiterhin vom Westen sanktioniert. Aber wir können unsere einheimischen Partner bei ihrer Nothilfe unterstützen. Das ist umso wichtiger, weil sie teilweise die Einzigen vor Ort sind, die mit Hilfe unserer Ressourcen anderen helfen. In manchen Flüchtlingslagern, in denen unsere Teams arbeiten, ist noch nicht einmal die UNO vertreten.

Was bedeutet das für die betroffenen Menschen und die Helfenden?
Das Wichtigste dazu sagt einer unserer Teamkoordinatoren aus einem Flüchtlingslager in Nordsyrien: «Jetzt will die internationale Gemeinschaft uns helfen. Aber wenn die Kamerateams wieder abgereist sind, sind wir schnell vergessen. Das haben wir in den letzten Jahren schon so oft erlebt.» Das ist die syrische Realität – leider. Unsere Verantwortung ist es, den Menschen zu zeigen, dass wir sie auch langfristig unterstützen, und dass ihr Schicksal für uns wichtig ist.

Sehen Sie Hoffnung in all dem Leid?
Im Kleinen dürfen wir miterleben, wie Menschen neue Hoffnung schöpfen. Erst vor kurzem konnte unser Team in das abgesperrte kurdische Stadtviertel von Aleppo Hilfsgüter bringen. Die Menschen dort haben alles verloren und hatten keinen Zugang zur Aussenwelt. Sie litten massiven Durst und Hunger, und wir konnten mit unserer Lieferung einen grossen Unterschied für sie machen.

Syrien ist ein Land im Konflikt. Wie bewältigen Menschen eine Katastrophe wie das Erdbeben?
Die Gräben zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen haben sich im Krieg noch vertieft. Die jetzige Situation, in der alle aufeinander angewiesen sind, kann ein Gefühl von Zusammengehörigkeit erzeugen. Unsere Teams, die aus vielen Christen, aber auch Muslimen bestehen, helfen allen – unabhängig von ihrem Glauben. Sie leben damit Versöhnung in einer unversöhnten und gespaltenen Gesellschaft.

Interview: Miriam Grün, Mirjam Messerli, reformiert.info

Das Hilfswerk
«Hilfe für Mensch und Kirche», kurz HMK, ist ein weltweit tätiges christliches Hilfswerk mit Sitz in Allmendingen bei Thun. HMK arbeitet vor allem mit Einheimischen zusammen, die sich für ihre Gesellschaft engagieren. Deshalb konnten diese auch schnell reagieren, als nach dem verheerenden Erdbeben in der abgeschlossenen Region zwischen den Frontlinien hunderttausende Stadtbewohner obdachlos wurden.

Matthias Schwab ist bei der HMK für die Koordination der Hilfsprojekte in Nordsyrien zuständig. Er steht in engem Kontakt mit den Helfenden und einheimischen Partnern vor Ort und unterstützt sie. Das Interview mit ihm führte Miriam Grün, die als Redaktorin Social Media beim Hilfswerk tätig ist.