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600. Todestag von Jan Hus: Der frühere Luther

01.01.2016
Vor sechshundert Jahren wurde der böhmische Reformator am Konzil von Konstanz verhaftet und als Ketzer verbrannt. Seine Lehre und sein Weg glichen dem des deutschen Reformators Martin Luther. Nur sein Ende war anders und brutal.

Seit letztem Jahr feiert Konstanz das Jubiläum des Konzils von Konstanz. Vor sechshundert Jahren versammelten sich 6000 Kardinäle, Bischöfe, Äbte, Gelehrte und Fürsten in der Stadt am Bodensee. Der deutsche König Sigismund hatte sie einberufen. Er wollte die Einheit der Kirche herstellen und sie an «Haupt und Gliedern» reformieren. Seit 1378 bestand ein Schisma. 1414 erhoben drei Päpste ihren Anspruch auf den Thron Petri. Doch das Konzil bildet nur einen weiteren Höhepunkt in der mittelalterlichen Kirchengeschichte, die vom Spiel um Macht, Korruption und Intrigen geprägt war. Statt die Kirche zu reformieren, setzte sich Oddo Colonna durch und beendet als Papst Martin V. die Kirchenspaltung.

Kein Widerruf seiner Lehre vor der Inquisition
Opfer dieser Machtpolitik wird der böhmische Reformator Jan Hus, dem König Sigismund «freies Geleit» zum Konzil zugesagt hat. Als der Theologe in Konstanz ankommt, wird er nach wenigen Tagen verhaftet und eingesperrt. Im Prozess weigert sich Hus, seine Lehre zu widerrufen. Wiederholt bietet ihm das Gericht Gnade an. Hus erklärt, er werde sich da, wo er sich geirrt habe, demütig korrigieren. Er verlangt jedoch den Nachweis seiner Irrtümer aufgrund der Bibel.
Als ihm König Sigismund den Schutz entzieht, ist Jan Hus Schicksal besiegelt. Das Konzil erklärt ihn im Juli 1415 zum Ketzer. Ihm wird seine Priesterkleidung ausgezogen. Mit einer mit Teufeln bemalten Papiermütze führt man ihn zum Scheiterhaufen vor die Stadt, wo er verbrannt wird. Knechte verstreuen später seine Asche im See. Nichts sollte an den tschechischen Reformator erinnern. Auch nach seinem Tod könnten er und seine Lehre der Kirche gefährlich werden.
Jan Hus wird 1371 als Kind einer armen böhmischen Familie geboren. In Prag studiert er Philosophie und Theologie. An der Bethlehemskapelle übernimmt er das Predigtamt und predigt in tschechischer Sprache anstatt in Latein. Tausende strömen zu seinen Messen. 1401 wird er Rektor der Universität Prag.
In seinen Auftritten und Schriften geisselt Hus den weltlichen Besitz der Kirche, ihre Korruption, Unzucht und den Ablasshandel. In seiner Kritik lehnte sich der Böhme an den englischen Theologen John Wyclif. Wie er hält er fest, dass sich kein Mensch auf Erden, nicht einmal der Papst, der göttlichen Gnade gewiss sein könne. Jan Hus erkennt als Haupt der Kirche allein Christus und als ihr wahres Fundament die Bibel. Mit diesen Thesen erschüttert er das Selbstverständnis und die Hierarchie des Klerus.
Rom reagiert sofort auf die Reformvorschläge und belegt den Theologen mit dem Kirchenbann. Doch Hus Popularität ist gross. In der böhmischen Bevölkerung findet er zahlreiche Anhänger. Selbst König Wenzel hält seine schützende Hand über ihn. Auf Druck Roms lässt ihn der König jedoch fallen. Jan Hus flüchtet aus Prag aufs Land und revidiert die Bibel in tschechischer Sprache. 1488 wird sie erstmals gedruckt.
Mit dem Kirchenbann spitzt sich der Konflikt mit Rom zu. In seinem Traktat «De ecclesia» formuliert Jan Hus 1413, dass jeder Christ ein Widerstandsrecht gegen unrechtmässig handelnde Vertreter der Kirche habe. Ein Befehl, der nicht dem Gesetz Christi entspreche, dürfe nicht ausgeführt werden.
Als ihm König Sigismund seinen Schutz zusichert, verlässt Jan Hus das sichere Prag und reist nach Konstanz. Vor dem Konzil will er seine Reformvorschläge der Kirche verteidigen.

Kreuzzug gegen die böhmischen Ketzer
Die Hinrichtung des Reformators wird in Böhmen zum Fanal: 1417 können seine Anhänger wesentliche Forderungen wie die Predigtfreiheit, die evangelische Armut der Priester und den Laienkelch durchsetzen. 1420 reagiert die Kirche abermals. Papst Martin V. ruft zum Kreuzzug gegen die böhmischen Ketzer auf. Die blutigen Hussitenkriege ziehen sich über 15 Jahre hin.
Vieles, was der deutsche Reformator Martin Luther ein Jahrhundert später predigte und forderte, hatte Jan Hus vorweggenommen. Luther selbst beschäftigte sich erst einige Zeit nach der Niederschrift seiner Thesen mit dem Tschechen. «Wir sind alle Hussiten, ohne es gewusst zu haben», stellte er fest.
Mit der Hinrichtung von Jan Hus hatte es die Kirche verpasst, am Konzil in Konstanz die Reformschritte einzuleiten. Der Weg zur Spaltung der abendländischen Kirche war damit vorgezeichnet.



Zum Bild: Jan Hus war seiner Zeit voraus: In Konstanz wurde er deshalb hingerichtet. Bild aus der Spiezer Chronik. |zvg

Tilmann Zuber


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