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Den politischen Kräften ausgeliefert

01.01.2016
Mehr als eine Million Menschen aus dem Südsudan sind auf der Flucht. Und in der Ukraine droht Bürgerkrieg und Verarmung. Eindrücke aus dem kenianischen Kakuma und von der westukrainischen Grenze, wo Hilfswerke wie mission21 und Heks im Einsatz stehen.

Karfreitag in Kakuma, einem Flüchtlingslager unweit der Grenze zum Südsudan. Über 160 000 Menschen unterschiedlichster Herkunft leben hier zusammen am Rande der Wüste in Nordkenia. Viele von ihnen stammen aus dem Südsudan. Manche leben hier bereits seit dem letzten Bürgerkrieg, andere kommen erst jetzt. Nach offiziellen Schätzungen der Vereinten Nationen hat die jüngste Gewalt im Südsudan bereits über 10 000 Menschen das Leben gekostet; mehr als eine Million Menschen sind auf der Flucht. Viele davon sind Frauen und Kinder.

Karfreitagsfeier im Flüchtlingslager
Bereits kurz nach Sonnenaufgang liegt sengende Hitze über den Hütten und Zelten des Lagers. Der Staub treibt uns Tränen in die Augen. Rund achthundert Kinder, Frauen und Männer vom Stamm der Nuer versammeln sich an diesem Karfreitagsmorgen auf Tüchern und mitgebrachten Plastikstühlen vor dem noch unfertigen Lehmbau ihrer Kirche. Eine von ihnen ist Maria: 42 Jahre, Mutter von acht Kindern. Ihr Mann war Pfarrer in Juba. Er wurde von Regierungstruppen im Dezember vergangenen Jahres erschossen, weil man ihn als Nuer verdächtigte, auf der Seite der Rebellen zu stehen. Wie Maria haben viele Frauen ihre Männer verloren und Kinder ihre Eltern. Gerade gestern noch erreichte das Lager die Schreckensnachricht, dass Regierungstruppen das Flüchtlingslager der Vereinten Nationen in Bor beschossen haben, in dem fast ausschliesslich Nuer leben. Rund 80 Menschen sollen getötet und über 200 verletzt worden sein. Die Sorge um die Angehörigen in der Heimat ist gross, der Schmerz fast physisch spürbar.
In den Liedern der Jugend- und der Frauengruppen geht es um Jesus, der für uns gestorben ist: gekreuzigt von den Mächtigen seiner Zeit. Es geht um die Überwindung von Hass und Gewalt. Zum Fürbittegebet wenden sich die Besucher gegen Nordwesten: in Richtung Südsudan.
Eines der zentralen Themen in sämtlichen Bereichen kirchlicher Arbeit wird die Trauma- und Versöhnungsarbeit sein, denn nichts wünschen sich die Menschen sehnlicher, als nach 40 Jahren Bürgerkrieg endlich versöhnt und in Frieden miteinander zu leben. «Meinen Mann bringt mir niemand mehr zurück», sagt mir die junge Pfarrwitwe Maria am Karfreitagsmorgen in Kakuma. «Aber wenigstens für meine Kinder wünsche ich mir einen Ostermorgen.»
Bedrohliche Auswirkungen der Krise im Westen der Ukraine
So schnell und freundlich ging der Grenzübertritt von Ungarn in die Ukraine noch nie. Eine junge Grenzwächterin in Uniform nahm die Pässe entgegen und verschwand im Büro. Anstatt uns mürrisch anzuschauen und lange warten zu lassen, lächelte sie uns zu und kam bereits wenige Minuten später wieder mit unseren Reisedokumenten zurück. Zu lachen hat die Grenzwächterin jedoch wenig. Seit März hat sie keinen Lohn mehr erhalten und ihr Chef hat seinen Posten verlassen müssen.
Während die medialen Scheinwerfer in den Osten der Ukraine leuchten, wo russische Separatisten  die neue ukrainische Regierung unter Druck setzen, gerät auch der Westen des Landes immer stärker in den Strudel der Krise allerdings von der Weltöffentlichkeit völlig unbemerkt. Die instabile Situation der Ukraine und das Machtvakuum werden hier von den ukrainischen Nationalisten ausgenutzt, welche von der schwachen Regierung in Kiew nichts zu befürchten haben. In den vergangenen Wochen haben sie mehrfach Amtsstellen gestürmt, hohe Beamte bedroht und sie zum «freiwilligen» Rücktritt gezwungen, weil sie zu wenig patriotisch seien. Die Auswirkungen der Unsicherheit im Osten des Landes sind auch hier stark zu spüren. Die Angst vor einer Eskalation der Krise und einem Bürgerkrieg ist gross. Junge Männer befürchten, von der ukrainischen Armee eingezogen zu werden.
Immer schwieriger wird auch der Alltag für die Bevölkerung. Seit Januar hat der ukrainische  Hrywnja im Vergleich zum Schweizer Franken über 50 Prozent an Wert verloren. Wer noch einen Lohn bekommt, kann immer weniger mit dem Geld kaufen, weil die Preise von Nahrungsmitteln und anderen Gütern ins Unermessliche steigen. Staatliche Angestellte erhalten seit März gar keinen Lohn mehr. Wegen leerer Kassen kann auch kein Sozialhilfegeld mehr ausbezahlt werden.
Die Krise bekommt auch die Partnerorganisation von Heks, das Diakoniezentrum  der Reformierten Kirche in Transkarpatien, zu spüren. Seit Jahren verteilt das Diakoniezentrum in der Stadt nahe der ungarischen Grenze täglich an 280 arme Menschen und 50 Kinder Suppe und Brot. Zu diesen Bedürftigen kommen immer mehr hinzu, die um Hilfsgüter oder Suppe bitten. Viele müssen abgewiesen werden. Hält die Krise an, befürchtet der Direktor des Diakoniezentrums, Béla Nagy, dass im Winter weite Kreise der Bevölkerung Hunger leiden.

Zum Bild oben: Das Brot ist bereit: Täglich gibt das Diakoniezentrum der Reformierten Kirche Suppe und Brot an Bedürftige in der West­ukraine aus. | zvg Heks

Zum Bild unten: Karfreitagsgottesdienst im Flüchtlingslager in Kakuma: Die Menschen beten für die Überwindung von Hass und Gewalt. | zvg mission21

Jochen Kirsch mission21, Matthias Herren Heks



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