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«Die Braut möchte Prinzessin sein»

01.01.2016
Martha Ceber verkauft Träume. In ihrem Brautmodegeschäft «merys» suchen sich Bräute das Kleid ihres Lebens aus. Fast immer ist es ein Prinzessinnenkleid.

Im Frühling geben sich die zukünftigen Bräute im «merys» die Türklinke in die Hand. Im Brautmodegeschäft, das Martha Cebers Mutter aufgebaut hat, möchten ­alle beraten werden. Ob jung oder alt, Christin oder Muslima, ob erste oder dritte Ehe beim Brautkleid geht es nicht um ein Kleidungsstück: Für den Bund fürs Leben suchen Frauen einen Traum.

Dem Adel abgeschaut
Wer dabei denkt, dieser könne von so verschiedener Eigenart sein wie die Lebensliebe, der irrt. An den goldenen Stangen des «merys» sind die Traumkleider alle weiss. Man wähnt sich in vergangener Zeit an einem Königshof. Taft knistert, Tüll verführt das Auge, dazwischen Spitze, Stickereien, glitzernde Swarovski-Steine. Das weisse Brautkleid ist dem Adel abgeschaut: Noch vor hundert Jahren heirateten gewöhnliche Paare in ihrem besten Kleid, oft schwarz.
Bräute wollen am schönsten Tag des Lebens eine Prinzessin sein. Auch Martha Ceber war eine, als sie vor den Altar trat. Ihre Mutter hatte das Kleid persönlich geschneidert: weiss und prächtig, die Schleppe vier Meter lang. «Natürlich trug ich auch eine Krone.» Martha Ceber holt das grosse Fotobuch hervor und kommt ins Schwärmen.

Als Christen unerwünscht
Auch wenn sie für einen Tag Prinzessin war: Martha Cebers Schicksal ist nicht das einer verwöhnten Adligen. Ihre Eltern sind in den Siebzigerjahren in die Schweiz geflüchtet. «Wir sind Aramäer, orthodoxe Christen aus Midyat in der Türkei. Damals fand ein Glaubenskrieg zwischen Islamisten und Christen statt», erzählt sie. Martha Ceber war noch nie im Herkunftsland ihrer Familie. «Als Christen sind wir nicht gern gesehen», ist sie überzeugt. Während des Ersten Weltkriegs wurden Aramäer massakriert und vertrieben.
Schneidertradition
Aramäer sind traditionellerweise Schneider oder Gold- und Silberschmiede. «Und wir sind Händlertypen.» Ihre Mutter habe in der Schweiz als Erstes mit Schneider- und Flickarbeiten angefangen. Mit Erfolg. Inzwischen hat das Familienunternehmen Filialen in vier Schweizer Städten.
Martha Ceber ist religiös aufgewachsen. Eine Hochzeit nur auf dem Standesamt das wäre für sie nie infrage gekommen. «Den Bund fürs Leben wollte ich vor Gott schliessen», sagt sie. Gegen den Trend: Während in den letzten Jahren wieder mehr Paare den Gang aufs Standesamt wagen, sind die kirchlichen Hochzeiten zurückgegangen.
Die Religion oder Konfession der Braut spiele beim Stil des Brautkleides eine Rolle: Orthodoxe Jüdinnen trügen Kleider mit Ärmeln. Schlüsselbeine und manchmal müssten sogar die Handgelenke bedeckt sein. Dafür liebten es Muslima weit ausgeschnitten und erotisch: Sie dürfen dies, denn bei ihnen feiern Männer und Frauen getrennt. Türkinnen kämen manchmal in Begleitung ihrer Schwiegermutter: Wenn die Familie des Mannes die Hochzeit zahle, bestimme die Schwiegermutter, ob das Kleid im Budget liege. Albanerinnen wiederum kauften gleich mehrere Kleider: Bei ihnen sei es üblich, sich nach der Zeremonie umzuziehen. Moderne Schweizerinnen liebten es oft eher nüchtern.
Martha Ceber nimmt eines der Modellkleider von der goldenen Stange und verschwindet fast unter dem Prunkstück. Das schulterfreie Kleid ist oben ganz mit Perlen besetzt und bietet den Rahmen für ein üppiges Dekolleté. Märchenhafte Prinzessinnenkleider seien in dieser Saison ebenso en vogue wie die elegante Schlichtheit, mit welcher Kate Middleton gleichfalls einen Trend setzte. Vor allem Migrantenfamilien aus südlichen Ländern, so die Fachfrau, liebten es prunkvoll und traditionell.
Viele würden für den wichtigsten Tag im Leben erstaunlich viel ausgeben. Ab 1200 Franken ist man dabei: Martha Ceber zeigt ein schlichtes weisses Festkleid. Es gebe Bräute, die leisteten sich erst bei der dritten Ehe und im fortgeschrittenen Alter ein klassisches Hochzeitskleid. Dennoch würden ältere Bräute oftmals cremefarbige oder farbige Kleider wählen.

Stoff für ein Taufkleid
Was passiert eigentlich später mit dem Kleid des Lebens? «Meine Mutter hat ihres vielen Freundinnen und Bekannten ausgeliehen», sagt Martha Ceber. Ihr eigenes hat sie sorgfältig aufbewahrt als Erinnerungsstück. Italienerinnen würden aus dem Kleid später gerne das Taufkleid für die Kinder schneidern.
Die Beratung im Laden beträgt bei den meisten rund zwei Stunden. «Wenn die Tränen fliessen, wissen wir: Das ist das richtige Kleid», sagt Martha Ceber.

Barbara Helg


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