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Politik

Warum Israel ein heisses Thema ist

Israel – das Thema bewegt die US-Wähler speziell im evangelikalen Lager. Was für historische Aspekte in diese Beziehungen zwischen USA und Israel hineinspielen, erläuterte jüngst der Politologe Walter Russell Mead an der Universität Luzern.

Plötzlich steht Donald Trump, der bisher die Gefahr des islamistischen Terrors erfolgreich politisch bewirtschaftete, als Freund palästinensischer Terroristen da. Denn der bisherige Spitzenkandidat im republikanischen Bewerberfeld will als «ehrlicher Makler» ganz neutral den «schwierigsten Deal» möglich machen, nämlich Palästinenser und Israelis wieder an den Verhandlungstisch zurückbringen.

Neutralität gegenüber Palästinensern – das ist für Marco Rubio, Liebling des republikanischen Partei-Establishments, ein Tabu. Denn die palästinensische Autonomiebehörde sei aufs Engste mit dem Terror verknüpft. Rubio wörtlich: «Sie trichtern den fünfjährigen Kindern ein, dass das Töten von Juden ruhmreich sei.»

Zionismus – Made in USA
Israel ist eines der wenigen aussenpolitischen Themen, das bei der amerikanischen Wählerschaft auf Interesse stösst. Seit Jahrzehnten hat sich eine besondere Beziehung zwischen Israel und den USA herausgebildet. Walter Russell Mead, ein prominenter politischer US-Publizist und Politologe, sagte sogar jüngst bei seinem Vortrag vor Studenten an der Universität Luzern, dass sich die amerikanisch-jüdische Zusammenarbeit bereits im 19. Jahrhundert in der politischen Kultur der USA verwurzelt habe. «Bevor Theodor Herzl in Basel die Gründungsakte für den modernen Zionismus vorlegte, wurde bereits vom gesamten amerikanischen Establishment eine Heimstätte in Palästina gefordert», so der Professor vor den Studierenden des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik. Tatsächlich hatte unter dem Eindruck der russischen Pogrome gegen Juden William E. Blackstone Unterschriften gesammelt, damit sich die USA für ein jüdisches Territorium im «Heiligen Land» stark mache. Einflussreiche Milliardäre wie der Erdöl-Magnat John D. Rockefeller oder der Bankier JB Morgan setzten ihre Unterschrift unter die Petition, die an den damaligen Präsidenten Benjamin Harrison gelangte.

Aus historischer Perspektive spielen in die enge Allianz zwischen den USA und Israel auch theologische Gründe hinein. In Reden und Episteln betonen viele der amerikanischen Gründungsväter die Parallelen zwischen dem eigenen Land und dem hebräischen Volk. Dass den Juden von Gott versprochene Land und auch der von Gott formulierte Auftrag, für Werte einzustehen, wurde von ihnen oft gleichgesetzt. Der Bezug zum «Heiligen Land» ist nicht nur für viele Israelis, sondern auch für viele US-Amerikaner bis heute von hoher symbolischer Bedeutung. Religionsgeschichtlich kommt hinzu: Die schriftorientierte Theologie der Reformation stellte in den USA die biblische Auserwähltheit der Juden durch Gott nicht in Frage.

Martin Luther King: Pro Israel
Für die schwarze Bürgerrechtsbewegung wiederum bildete der Auszug aus Ägypten eine biblische Rechtfertigung für ihren Kampf für Gleichberechtigung. Der Exodus der Juden wurde immer als eine Befreiungsgeschichte eines versklavten Volkes gelesen. So wundert es nicht: In den 1950er Jahren sind viele jüdische Persönlichkeiten aufs Engste mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung verknüpft. Der Politologe Mead betonte es bei der Luzerner Veranstaltung: Noch kurz vor seinem Tod bezog Martin Luther King eine prononcierte Pro-Israel-Position.

Heute sind indes die traditionell reformierten Kirchen der USA tief gespalten. Ob Presbyterianer oder Methodisten: In den Kirchen wird gestritten, ob Firmen wie Caterpillar, die mit dem Verkauf von Bulldozern bei der Zerstörung von palästinensischen Häusern mitwirken, boykottiert werden sollen. Für die Evangelikalen steht dagegen das enge Band mit Israel nie in Frage. Ein gutes Beispiel ist Jerry Falwell, der die neue christliche Rechte in den USA zu einem Block zusammenführte und Ronald Reagans Wahl massgeblich ermöglichte. Er war gut befreundet mit dem rechtsnationalistischen israelischen Premier Menachem Begin und zugleich überzeugt: Die Wiederkunft Jesu hängt nach biblischer Weissagung davon ab, dass die in aller Welt verstreuten Juden wieder ins Heilige Land zurückkehren.

Evangelikale Aussenpolitik
Dies belegt auch die These von Professor Mead: Nicht die oft in Europa unterstellte «jüdische Lobby» sei der Motor der Sonderbeziehung zwischen USA und Israel, sondern die vielen evangelikalen Gruppen, welche die unverbrüchliche Freundschaft mit Israel zu ihrem aussenpolitischen Programm erheben. Und so schliesst sich der Kreis: Wenn Rubio oder auch Ted Cruz, Sohn eines evangelikalen Pastors, in ihrem Wahlkampf das Thema Israel herausstellen, geht es um eines: attraktiv für die evangelikalen Wähler zu sein, die bisher nach Umfragen mehr Trump zuneigen – trotz dessen wenig christlichen Lebenswandels.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Delf Bucher / reformiert.info / 1. März 2016