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Gesellschaft

Macht Arbeit krank?

Von der Chefetage in die Psychiatrie: Heute fühlen sich viele gestresst und erschöpft. Bei manchen verschlimmert sich der Zustand bis hin zum Burn-out und zur Depression. Der Weg zurück in den Alltag gestaltet sich schwierig.

«Ich stellte das Telefon auf Bereitschaftsmodus, schaltete den Ton aus und liess das Gerät auf der Couch liegen. Mit unsicheren Beinen schaffte ich es ohne einzuknicken bis ins Bett. Ich konnte nicht mehr und wollte nicht mehr. Ich wollte nur eines: in Ruhe schlafen.» Wenn Daniel Göring von seinem Suizidversuch berichtet, dann schwingt die Erregung in der Stimme mit. Vor drei Jahren nahm er eine Überdosis Tabletten. Der Magen rebellierte. Der Medikamentencocktail verfehlte die tödliche Wirkung. Göring wachte in der Notaufnahme auf. Seine Familie hatte ihn noch rechtzeitig gefunden.

Für den Familienvater folgte eine lange Zeit, in der er Kliniken aufsuchte und sich zurück ins Leben kämpfte. Über seine Erschöpfungsdepression hat der 49-Jährige ein Buch geschrieben, das unaufgeregt dokumentiert, wie leicht die Psyche in die Schieflage gerät. Göring war Leiter der Kommunikation des Bundesamtes für Zivilluftfahrt. Er stand im Auge des medialen Taifuns, als die Swissair groundete und über Überlingen zwei Flugzeuge zusammenstiessen. 71 Menschen, darunter 49 Kinder, starben. Göring verdrängte, wie sehr ihn die Arbeit Substanz und Kraft kostete.

«Ich wollte mich nur auflösen»

Später wechselt Göring die Stelle und übernimmt die Leitung eines interna­tionalen Bau- und Tourismuskonzerns. Mehr und mehr zieht er sich zurück, bricht die Kontakte ab und flüchtet sich in die Arbeit. Die Abende verbringt er alleine, ist müde und wortkarg und reagiert zynisch. Der Plan, sich das Leben zu nehmen, nimmt Konturen an: «In der Leere der spärlich beleuchteten Küche spürte ich plötzlich, dass ich nicht alleine war. Meine alte Freundin war zu Besuch gekommen. Meine alte Freundin, die Sehnsucht, sich in nichts aufzulösen, das Verlangen, einfach zu verschwinden», liest Göring aus seinem Buch an einer Veranstaltung des Pfarramts für Wirtschaft in der Basler Peterskirche vor. Der Abend trägt den sinnigen Titel «Macht Arbeit krank?».

Mit diesem Schicksal steht Daniel Göring nicht alleine da. Burn-out heisst das Phänomen, das in den Teppichetagen wie auch in den unteren Chargen auftritt. 18 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz kreuzten bei der Frage, ob sie sich bei der Arbeit «emotional verbraucht fühlten», «eher» oder «vollständig» an. Selbst Prominente sind davor nicht gefeit. Geschockt reagierte die Öffentlichkeit, als der Moderator Ruedi Josuran und die Politikerin Natalie Rickli sich als Burn-out-Betroffene outeten. Immer mehr Mitarbeitende fühlten sich psychisch schlecht, stellt Niklas Baer, Psychologe und Leiter der Fachstelle für psychiatrische Rehabilitation Baselland, fest. «In den letzten Jahren nahmen die Ausgliederungen am Arbeitsplatz stark zu.» Viele der Betroffenen landen später bei der Invalidenversicherung. Grund: Burn-out. Obwohl dies keine medizinische Diagnose darstellt.

1974 prägte erstmals der Psychoanalytiker Herbert Freudenberg den Begriff «ausgebrannt sein». Ihm war aufgefallen, wie sehr das medizinische Personal in den Spitälern an Müdigkeit, Reizbarkeit, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit und anderen Beschwerden litt.

Anfangs werden die Symptome nicht zur Kenntnis genommen. Es ist normal, dass man nicht jeden Tag vor Energie strotzt, vertrösten sich die Betroffenen. Sie verdrängen die Erschöpfung und versuchen, die Aufgaben mit doppeltem Energieaufwand zu erledigen. Doch es geht schleppend vorwärts. Die Kreativität und Freude bleiben aus. «Als er fünfzig wurde, hatte er eine mühsame Klasse, die seine ganze Kraft kostete», erklärt die Ehefrau eines betroffenen Lehrers. «Am Ende der Ferien bereitete er jeweils das nächste Quartal vor. Doch diesmal fühlte er sich nur matt und ausgebrannt. Er lag stundenlang auf der Couch in seinem Arbeitszimmer und mochte sich nicht hinter seine Arbeit machen.»

Das Umfeld am Arbeitsplatz reagiere kaum, wenn ein Kollege oder eine Kollegin psychische Probleme hat, weiss Nik- las Baer. Solange die Leistung stimme. Eine Befragung von 1500 Vorgesetzten zeigte, wie stark die Hemmungen sind, die Schwierigkeiten anzusprechen. «Meist reagieren sie zu spät», sagt Niklas Baer. «Löst der Chef das Problem, bedeutet dies in 90 Prozent der Fälle Kündigung.»

Die Leute liessen einen in Ruhe, wenn sie merkten, dass etwas nicht stimmt, erzählt Daniel Göring. Sein Chef und das Umfeld realisierten nicht, wie schlecht es ihm ging. Oder sie dachten, das sei nur vorübergehend. Göring hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als jemandem sein Herz auszuschütten. «Selbst wenn die Betroffenen nicht bereit sind, darüber zu reden, sollte man nicht aufgeben und immer wieder nachfragen», sagt er.

Nadine Gempler, Leitung Personal bei Coop national, führt dieses Wegschauen darauf zurück, dass psychische Probleme nach wie vor tabuisiert werden. Sie regte die Betroffenen an, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Doch die kam nie zustande. Zu gross ist die Scham, sich öffentlich zu outen. «Ein Beinbruch verheilt, eine Depression kann sich über lange Zeit hinziehen.» Das brauche einen langen Schnauf. Mit der Zeit verlieren die Mitarbeitenden die Geduld und das Team reagiert frustriert.

Vertrauen in die Unvollkommenheit

Der Theologe und Autor Christoph Hürlimann führt das Phänomen des Burn-outs auf eine spirituelle Dimension zurück. Die heutige Welt fordere hundertprozentige Leistung und Perfektion. «Verkauft werden nur die vollkommenen Früchte. Gefeiert werden nur die Schönen und Erfolgreichen.» Doch das Leben bleibe Bruchstück und Torso. Sei es in der Ehe, in den Beziehungen oder am Arbeitsplatz. Die Erfahrung des Scheiterns, des Unvollkommenen und der zerbrochenen Träume gehören zu unserer Existenz. Nur indem wir lernten, im Fragmentarischen das Vollkommene zu sehen, erhielten wir die Gelassenheit, uns an dem zu erfreuen, was wir erreicht haben. «Wir müssten wieder das Vertrauen zum Unvollkommenen finden», sagt Christoph Hürlimann und zitiert den Philosophen Blaise Pascal: «Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen.»

Auch Ruedi Josuran erkennt im Burn-out auch eine spirituelle Krise, in der man den Bezug zu den Ressourcen und Quellen verliert. Für ihn war eine solche Quelle Gott. «Er nimmt mich so an, wie ich bin. In dem Moment, als ich realisierte, dass ich mit all meiner Unvollkommenheit gut bin, erlebte ich eine Kraft und Grundmotivation, die mich ins Leben führte.»

Tilmann Zuber, 24.3.2016

Buch:

Daniel Göring, Der Hund mit dem Frisbee, Der Weg in eine Depression und zurück ins Leben, Verlag elfundzehn, Fr. 23.90