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Leben & Glauben

Garten als Bild der Bibel

02.04.2016
Der Bibelgarten Gossau SG war 2005 der erste in der Schweiz. Bis vor einem Jahr stand er unter der Leitung von Alois Schaller. Anhand von Garten und Pflanzen dekodiert er die ganze Theologie.

Der Park auf der Südseite der Andreaskirche in Gossau misst eine Hektare und wird überragt von einer mächtigen Zeder – in der Bibel Symbol für Pracht und Schönheit. Das Gelände umfasste früher den Friedhof. Im Mittelteil liegt der Bibelgarten. Friedhof für die Endlichkeit und der Garten als Symbol immer wieder neuen Lebens – es ist ein starkes Bild. 

Erster internationaler Kongress

Der Bibelgarten entstand nach der Friedhofsaufhebung. Auf einen Tipp der Chemikerin und Botanikerin Ursula Tinner hin entwickelte die Landschaftsarchitektin Ursula Weber-Böni bei einem Wettbewerb die Idee für den Garten. «Da lachte entzückt mein biblisches Herz», bemerkt der langjährige Seelsorger Alois Schaller. Als Alois Schaller 2006 an einem Kongress in Passau teilnahm, wo bis dahin nur deutsche Bibelgärten vertreten waren, wurde daraus der 1. Internationale Bibelgartenkongress.

Am Klostergarten orientiert

Bibelgärten können Privatgärten im biblischen Land, Palastgärten, Tempelgärten oder Gärten einer Klostergemeinschaft sein. Der Garten in Gossau umfasst neun streng von Metallborden eingefasste Beete: Reben; Gartennutzpflanzen; Gräser; Gewürze, Kräuter, Duftpflanzen; Wasserpflanzen; Zierpflanzen; Dornen, Disteln und Nesseln; Feldfrüchte. Die Bibel erwähnt 130 Pflanzen – 60 gedeihen hier.

Bezug nimmt die Anlage auf den Klosterplan St.Gallens von 819 mit Kreuzgang, Friedhof mit Bäumen sowie Gemüsegarten – das älteste schriftliche gartenarchitektonische Zeugnis Europas und der Vorschlag eines Reichenauer Mönchs für Abt Godzberg, wie ein Klostergarten aussehen könnte.

Die Distel macht es einem schwer

Die Bibel selber ist übervoll mit Garten- und Pflanzengleichnissen (siehe Interview): Der auferstandene Jesus begegnet Magdalena in einem Garten; sie hält ihn für den Gärtner. Die Rebe liefert das Festgetränk aller Bibelfeste. Das Getreide bietet das Mehl fürs tägliche Brot.

Alois Schaller nennt aber die Dornen als Lieblingsbeet. «Dornen und Disteln soll der Acker dir tragen ... Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest ...», erklärt Gott Adam, als er und Eva von der verbotenen Frucht gegessen hatten. «Die Distel», sagt Schaller, «macht es einem nicht einfach. Sie steht aber auch für Schönheit.» 

Rebe und Feige jedoch symbolisieren Frieden, Sicherheit, Wohlstand: «... dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum. Niemand schreckt ihn auf», heisst es, nach dem Propheten Micha, eingraviert in einer Bodenplatte im Bibelgarten. 

Nachdem Schaller 2015 die Bibelgartenleitung aufgab, betreut er immer noch die Führungen. Es ist nicht das Einzige. Er begründete auch den Kinderspielplatz beim Schwimmbad Gossau, und bekannt ist auch seine Kinderbibelsammlung – über 700 Stück, die grösste in der Schweiz.

Die Bibel dekodieren

Wenn Schaller über den Bibelgarten spricht, dekodiert er die ganze Bibel. In seinem eigenen Garten, unweit des Kirchenparks, pflegt er selber einen Feigenbaum. Bis 200 Früchte erntet er im Jahr. Er liebt sie wegen der Süsse und heilenden Kraft. Neben der Haustür gedeihen Salbei, Melisse, Lavendel und Rosmarin. «Dumme rennen, Kluge warten. Weise gehen in den Garten» – nach Rabindranath Tagore – heisst es auf dem Schild seiner Gartentür. 

Bibelgarten Gossau, Führungen, 071 388 18 48, sekretariat@kathgossau.ch.

 

Text und Foto: Michael Walther, Flawil   – Kirchenbote SG, April 2016

 

«Leben und Garten sind aufs Innigste verbunden»

Beim Bibelgarten denkt man an die Wörter Leben oder gar Lebensgarten.

Alois Schaller: Zunächst steht das Wort Garten im Bewusstsein der Menschen wohl fürs Paradies – abgeleitet vom altpersischen «pardes», Garten. Man stellt sich ewiges Leben in einem Garten vor – vollkommen wie das Paradies, dessen wir verlustig gingen. Leben und Garten sind jedenfalls innig verbunden. 

Immerhin ist auf Erden noch viel schöner Garten übrig geblieben.

Wir haben auch den Schöpfungsauftrag, dem Sorge zu tragen. Das Herrschen über Tier und Pflanzen, wie es im Schöpfungsbericht heisst, versteht sich, wie ein idealer König Sorge für seine Leute trägt. Es ist eine Hirtenaufgabe – nicht Ausbeutung und Dominanz.

Ihr neues Buch über den Bibelgarten enthält die Kapitelüberschrift «Neuer Trieb der Wurzel Jesse».

In einem umgeschlagenen, scheinbar toten Baum kann noch Leben stecken. Dass es wieder Frühjahr wird, ist das Sicherste, was man wissen kann. Für die Glaubensgemeinschaft bedeutet es, dass die auf König David zurückgeführte Dynastie weitergeht – nicht als historischer Tatsachenbericht. Jesus nutzte Bilder, um den Glauben zu erklären.

Hat auch Seelsorge mit Gartenarbeit zu tun?

Christliche Seelsorge bedeutet die Weitergabe des Anliegens von Jesus, das Reich Gottes aufzubauen. Das werden wir nicht in Vollendung erleben, aber wir können schon etwas wie
einen Himmel auf Erden erreichen. Gartenarbeit ist ein Beitrag zum Gedeihen der Pflanzen. Parallelen zur Seelsorge bestehen beim Gleichnis vom Feigenbaum, der keine Früchte, also keine guten Taten vollbrachte, sodass ihn der Gutsbesitzer umhauen wollte. Aber der Gärtner wollte seine Wurzeln lockern und ihn nochmals wässern. Auch wir haben die Chance, noch gute Taten zu vollbringen. Man soll niemanden zu früh aufgeben.

Welche Pflanze bewundern Sie am meisten?

Den Feigenbaum. Als einer der wenigen Bäume in der biblischen Landschaft verliert er im Winter die Blätter. Jesus sagt: «Wenn der Feigenbaum ausschlägt, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.»

Welche Pflanze tut heute besonders Not?

Die Rizinuspflanze, die Gott für Jona als Schattenspender wachsen lässt, um dessen Zorn zu kühlen und wieder verdorren lässt.
Jona bewirkt im zweiten Anlauf, dass die Bewohner von Ninive Busse taten – mit gerade mal einem Satz: «Noch vierzig Tage, und Ninive geht unter.» Aber Gottes Barmherzigkeit auch gegenüber Ninive passt Jona nicht. Doch nicht wir sollen Gott vorschreiben, wen er zu lieben oder zu bestrafen hat.