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Kirche

Russisch-Orthodoxe machen zu Ostern gegen Abtreibung mobil

Wenn das orthodoxe Ostern und der Kampftag der Arbeiterklasse, der 1. Mai, zusammenfallen, zeigt sich in Russland besonders prägnant: Auch die Kirche kann die weltanschaulichen Brüche nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht kitten.

1. Mai in Moskau: Zehntausende von Demonstranten ziehen zum Roten Platz. Nationalisten mit rot-blau-weissen Fahnen, der Nationalflagge Russlands, dominieren die Szene. Aber mit roten Fahnen schwärmen auch die alten Kommunisten am «Kampftag der Arbeiterklasse» aus. Marx, Engels und Lenin sind wieder auferstanden. Mancher trägt auch Stalins Porträt bei sich.

Kommunistische Jesus-Liebe
Das Überraschende: Bei den Kommunisten ist heute ebenso die Auferstehung von Jesus gewünscht – als Mitkämpfer für die gerechte Sache. Jedenfalls hat sich kurz vor Ostern der Parteichef von Russlands Kommunisten, Gennady Zyuganov, so vernehmen lassen: «Ich bin mir sicher, wenn Jesus heute leben würde, reihte er sich bei uns am 1. Mai ein. Denn er leidet mit den Waisen, Unterdrückten und Kranken.»

Der Zufall wollte es in diesem Jahr, dass Ostern und der Feiertag der Arbeiterklasse auf den 1. Mai fiel. Denn Russlands Kirchenjahr organisiert sich immer noch nach dem julianischen Kalender und so war der russische KP-Chef beinahe zu einem jesuanischen Bekenntnis gezwungen. Früher war das anders. Zu Sowjetzeiten umringten Kommunisten oft die Kirchen vor Ostern, um die Gläubigen davon abzuhalten, die Osterfeier zu besuchen. Aber heute ist Russlands Orthodoxie wieder erstarkt.

Im Wettstreit um die Mobilisierung ist nun die orthodoxe Kirche voraus. Sechs Millionen Menschen fanden sich in der Osternacht ein, um stundenlang die Auferstehung von Jesus zu zelebrieren. Unter den 5000 Gläubigen in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale fand sich auch Staatspräsident Wladimir Putin ein. Mit der Kerze in der Hand stand er in der Ehrenloge, lauschte den Gesängen und Gebeten, deren Widerhall durch den hohen Kuppelbau erklang.

Seine Heiligkeit, der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Kyrill I., stellte die Nächstenliebe ins Zentrum seiner Osterpredigt. Aber nach dem Gottesdienst schwärmten Helfer in allen Kirchen Russlands aus, damit die Millionen von Gläubigen ihre Unterschrift unter ein Anliegen setzten, das den Patriarchen besonders umtreibt: die Abtreibung.

Abtreibung als Verhütungsmethode
Schon 2015, als der Patriarch mit den guten Beziehungen zu Putin erstmals im russischen Parlament, der Duma, auftreten durfte, redete er den Abgeordneten ins Gewissen. Die erschreckend hohe Abtreibungsrate schwäche das russische Volk. Wenn nur die Hälfte der Abtreibungen unterbleiben würde, könnte Russland auch demografisch wieder wachsen. Tatsächlich weist Russland mit 1,2 Millionen Schwangerschaftsabbrüchen jährlich eine der höchsten Abtreibungsraten weltweit aus.

Bereits 1920 hat die UdSSR als erster Staat der Welt die Abtreibung legalisiert. In der Sowjetzeit entwickelte sich so der Schwangerschaftsabbruch zu einem verhütungstechnischen Routineverfahren. Kyrill machte aber in seiner Rede nicht diese russische Eigenart zum Thema. Den Grund für die hohe Abtreibungsquote schrieb er, ganz ähnlich wie bei der Homosexualität, der «westlichen Dekadenz» zu.

Das Problem dabei: Die Russinnen und Russen applaudieren grossmehrheitlich Kyrills schrillen Antischwulen-Tiraden. Aber von einem Abtreibungsverbot wollen sie nichts wissen: Nach Umfragen befürworten dies nur 31 Prozent der Orthodoxen. Das deutet darauf hin, dass auch in Russland wie in Westeuropa die Kirche in ethischen Fragen wie Verhütung und Abtreibung längst die Deutungshoheit verloren hat.

Auf das Grunddilemma der russischen Kirche weist der Slawist Ulrich Schmid von der Universität St. Gallen hin: «Jeder dritte Russe, der sich zur Orthodoxie bekennt, bezeichnet sich gleichzeitig als Atheist.» Für Schmid ist klar: Nicht Religiosität steht hinter dem Bekenntnis von 80 Prozent der Russen zur Orthodoxie, sondern ein «kulturelles und patriotisches Statement».

Die Orthodoxie sorgt so für den gesellschaftlichen Kitt. Sie erinnert mit ihrem Versprechen, das «Neue Rom» zu sein, an ihre moralische Überlegenheit gegenüber dem verwahrlosten «Gayropa» – eine Wortschöpfung, die sich aus dem englischen «gay» für Schwule und Europa zusammensetzt – und auch an frühere Weltmachtsträume.

Zwischen Armutsideal und Luxus
Im «Neuen Rom» passen aber noch nicht alle Puzzle-Teile des imperial-orthodoxen Weltbilds zusammen. Dafür steht auch die schillernde Figur des Patriarchen selbst. Während er bei der Ostermesse die Selbstlosigkeit von Jesus Christus herausstreicht, parkiert in den unterirdischen Gewölben der in der Rekordzeit von drei Jahren zwischen 1995 und1997 erbauten Erlöser-Kathedrale seine Luxuslimousine, ein Maybach.

Patriarch Kyrill, der gerne den Materialismus und Konsumismus des Westens angreift, ist selbst ein Freund des Luxus und nicht nur Besitzer einer 30 000 Franken teuren Rolex-Uhr, sondern eines Milliardenvermögens. Es ist wahrscheinlich, dass Jesus, wenn er denn unter uns weilen würde, sich weder beim Kommunisten Zyuganov unter Stalinbildern einreihen noch in der Patriarchenresidenz Kyrills sein Haupt betten wollte.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Delf Bucher / reformiert. / 2. Mai 2016