Logo
Gesellschaft

Annäherung an die Wahrheit

Engagiert diskutierten die Chefredaktoren der drei Basler Lokalblätter und verpackten «Wahrheit» und «Lüge» in die Begriffe «Verantwortung» und «Haltung» und: «Wahrheit im Journalismus ist immer subjektiv».

«Was unterscheidet einen B-Club wie die drei Basler Lokalblätter BaZ, BZ Basel und Tageswoche von den Zürcher A-Clubs NZZ und Tagesanzeiger?», fragte Moderator Frank Lorenz zum Einstieg des Podiums mit dem Thema «Journalismus – Wahrheit – Lüge? ». Und damit war das Thema bereits lanciert, noch bevor Markus Somm (BaZ), David Sieber (BZ Basel) und Christian Degen (Tageswoche) eine Antwort geben konnten. Der Sportvergleich ist nicht falsch, aber nicht mehr wahr, denn er stammt aus einer Zeit, als es noch eine Nationalliga A und B im Fussball gab.

Journalismus ist subjektiv

Wie es mit der Wahrheit im Journalismus steht, umschrieb David Sieber treffend: «Objektiven Journalismus gibt es nicht, er ist immer subjektiv geprägt, es gibt nur die grösstmögliche Annäherung an die Wahrheit.» Für diesen Wahrheitsgehalt stehe eine Zeitung in der Verantwortung, sagte Markus Somm, ebenso für die Fehlleistungen, die es auch gebe. Christian Degen legte dar, dass man Objektivität nur insoweit herstellen könne, als dass verschiedene Meinungen und Sichtweisen im Artikel Eingang fänden, und Markus Somm erinnerte daran, dass Journalismus eben keine Wissenschaft sei.

Eine journalistische Fehlleistung sprach ein Votant aus dem Publikum an, der unbekannt bleiben wollte. Er erzählte seine leidige Lebensgeschichte, die von den Medien nicht oder falsch dargestellt worden war. In gleicher Weise monierte ein junger Mann, dass auf einem Youtube-Kanal eine Studie belege, dass die NZZ sehr Nato-freundlich, aber äusserst Russland-kritisch berichte, «also die Wahrheit sehr verzerre». David Sieber reagierte darauf heftig. «Woher wissen Sie, dass dieser Kanal nicht von russischen Sympathisanten betrieben wird und welche Kriterien liegen der Studie zugrunde?», fragte er den Votanten. «Wer garantiert mir, dass das, was ein Informant sagt, der Wahrheit entspricht?» Markus Somm fügte bei, dass eine bürgerliche ausgerichtete Zeitung wie die NZZ selbstverständlich der Nato näher stehe als Russland, daran sei nichts falsch, sondern es sei eine Haltung. Womit die Diskussion auf den Begriff «Haltung» überging.

«Mehr Haltung, bitte!»

Markus Somm forderte explizit, dass wieder mehr Haltung gezeigt werde. «Es gibt heute kaum Leute, die hinstehen und zu einer Meinung stehen und damit Haltung zeigen.» Er bezog sich dabei auf ein Thema, das an diesem Gesprächsabend des Längeren und Breiteren debattiert worden war: die Handschlaggeschichte von Therwil. Konkret sprach Somm mit seinem Votum die Bildungsdirektorin Monika Gschwind an, die ein juristisches Gutachten erstellen lässt, «statt hinzustehen und diesem Gebaren Einhalt zu bieten». Gerade Geschichten wie diese seien die Butter auf dem Brot des Journalismus, weil keine Zeitung ohne das Lokale überleben könne, «auch die New York Times nicht».

Punkto Überleben von Zeitungen wurde ein Blick auf deren Finanzierung geworfen. So verschieden sich die drei Blätter in ihrer Ausrichtung – oder eben Haltung – geben, so unterschiedlich sind sie auch wirtschaftlich aufgestellt. «Die Tageswoche ist in der komfortablen Lage, eine Stiftung im Rücken zu wissen, was die finanzielle Situation vereinfacht », sagte Christian Degen. Die BZ Basel ist Teil der AZ Medien mit der Aargauer Zeitung als Hauptblatt. Drei potente Geldgeber besitzen die Basler Zeitung, die, so Somm, «so lange besteht, wie sie wirtschaftlich rentiert ». Alle drei hoffen, dass sie in fünf Jahren noch auf dem Markt sind – Zeitungen und Chefredaktoren. Das Schlusswort kam von einer Stimme aus dem Publikum: «Ich lese jeden Tag vier Tageszeitungen. Und dann bilde ich mir meine Meinung» – Punkt.

Franz Osswald, 6. Mai 2016