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Spiritualität

Glaube und Spiritualität in der Schweiz

Männer glauben anders. Frauen auch.

12.05.2016
Männer sind weniger gläubig und spirituell als Frauen. Das belegt die neuste Studie des Bundesamts für Statistik. Was wollen denn die Männer? Ihre Spiritualität auch beim Joggen oder beim Campieren in der freien Natur praktizieren, meint der Theologe Michael Bangert.

Sex, Geld und Religion. Darüber sprechen wir, wenn überhaupt, nur im kleinen, im freundschaftlichen Kreis. Zu schnell könnten Äusserungen falsch interpretiert werden und die Gefühle in Wallung geraten. Nun liefert das Bundesamt für Statistik zum ersten Mal umfassende Informationen zum religiösen Selbstverständnis der Bevölkerung in der Schweiz.

Die Erhebung aus dem Jahr 2014 fragt nach religiösen und spirituellen Praktiken und den vielfältigen Glaubensformen in unserem Land. Aus den Ergebnissen wird deutlich, wie stark sich die Religionslandschaft in den letzten Jahren verändert hat. Rund 60 Prozent der Befragten besuchen keinen Gottesdienst, aber nur 12 Prozent bezeichnen sich als Atheisten. Der Anteil der Katholiken hat seit 1970 um 20 Prozent abgenommen, die Anzahl Protestanten hat sich fast halbiert. Dennoch geben die meisten der Befragten an, dass sie an irgendeine Gottheit glauben oder an eine höhere Macht, die unser Schicksal lenkt.

Viele Zahlen, Interpretationen und Fragen
Die Ergebnisse der Studie – man kann sie auf der Homepage des Bundesamts für Statistik nachlesen – bieten viele Fakten und erste Interpretationen. Es ergeben sich daraus aber auch etliche Fragen. Zum Beispiel aus der Tatsache, dass Frauen mehr beten als Männer. Oder dass Männer weniger an Engel und andere übernatürliche Wesen glauben und generell weniger spirituelle Praktiken ausüben als Frauen. Ist das ein Problem? Wie soll man diese Unterschiede deuten?

Der Theologe Michael Bangert befasst sich seit Jahren mit der Frage nach männlicher und weiblicher Spiritualität. Als Pfarrer an der christkatholischen Predigerkirche in Basel beobachtet er keinen markanten Männerschwund. «In unseren Gottesdiensten gibt es mindestens so viele Männer wie Frauen.» Auch in den Fastenkuren, die er in der Gemeinde anbietet, welche auch eine Art spirituelle Praxis seien, gebe es immer wieder Männer. Seine Erfahrungen decken sich also keineswegs mit den Ergebnissen der Studie.

Fromm und männlich geht zusammen
Grundsätzlich sieht er aber den Verlust an männlichen aktiven Gläubigen mit Besorgnis: «Wenn Glauben und Frömmigkeit ausschliesslich weiblich wird, dann haben wir ein Problem. Es darf nicht sein, dass die weibliche Herangehensweise und die weiblichen Sprachcodes in Glaubensangelegenheiten allzu sehr dominieren. Darin findet sich der eher traditionell geprägte Mann nicht wieder.» So sei beispielsweise auch vieles in der christlich geprägten Literatur zu einseitig auf Gefühle und Intuition ausgerichtet, meint Bangert. «Die Sprache, die hier gepflegt wird, wirkt auf Männer oft seicht und zu gewollt lyrisch. Damit können sie wenig anfangen und reagieren verunsichert oder ablehnend.»

Gott erleben beim Joggen
Dabei seien Männer sehr wohl an Spiritualität interessiert und wollten diese praktizieren, allerdings auf ihre Art. Sie suchen die Herausforderung draussen in der Natur, verbunden mit körperlicher Anstrengung. Das Zusammensein mit anderen, in freundschaftlich kompetitiver Umgebung. «Männer suchen vermehrt Frömmigkeitsformen mit körperlicher Anforderung. Sie gehen den Pilgerweg, machen Zen-Meditation oder kampieren allein in der Wildnis. Da kann viel an Gotteserfahrung passieren, ganz ohne Worte.»

Es braucht die Polarität
In der Arbeitswelt beobachtet man, dass vormals männerdominierte Berufe an Bedeutung und Prestige verlieren, sobald mehr Frauen als Männer darin beschäftigt sind. Und es sinkt der Lohn. Verliert auch die Religion durch eine frauendominierte Glaubenspraxis an Wert? «Ja, leider», sagt Michael Bangert. Wie jedes andere System brauche auch das spirituelle die Polarität des Weiblichen und des Männlichen. «Wenn wir nicht lernen, mit den Unterschieden zu leben und das Andersartige im Anderen zu schätzen, dann ersticken wir mit der Gleichmacherei viel Lebendigkeit. Lebendigkeit, die die Kirche dringend braucht.»

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Katharina Kilchenmann / reformiert. / 12. Mai 2016