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Kirche

Happy-End am Gotthard

Nun also doch: An der Segnung des Gotthard-Eisenbahntunnels wird auch die reformierte Seite vertreten sein. Und zwar von einer Frau.

Die drohende Abwesenheit sorgte für rote Köpfe: Die interreligiöse Segnungsfeier des Gotthard-Basistunnels am 1. Juni hätte ohne eine reformierte Vertretung über die Bühne gehen sollen. Alt-Verkehrsminister Adolf Ogi forderte auf der Titelseite des «Blicks» unmissverständlich: «Ein Protestant muss her!». CVP-Präsident Gerhard Pfister sprach von einem «unsensiblen Entscheid». Beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund SEK wurde die Forderung laut, den «politischen Fehler» auf Bundesebene zu korrigieren. Und das, obwohl sich die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz AGCK – in der auch Reformierten vertreten sind – noch vor einem Jahr offiziell für den ehemaligen Abt des Klosters Einsiedeln, Pater Martin Werlen, als Delegierten ausgesprochen hatte.

Doppeltes Zeichen
Doch das ist passé. Am Donnerstag trafen sich Vertreter des SEK, der AGCK und des Bundes zu einem Gespräch. Mit Erfolg für die Reformierten: «Wir konnten eine Frau an den Gotthard delegieren», sagt Anne Durrer vom SEK. Damit wollen die Reformierten ein doppeltes Zeichen setzen. Einerseits als starke Glaubensgemeinschaft Präsenz markieren und andererseits die gleichberechtigte Rolle der Frauen in der reformierten Kirche hervorheben: «Denn dies zeichnet uns aus». Man werde nun in Absprache mit der AGCK eine reformierte Pfarrerin aus dem Tessin oder der Zentralschweiz bestimmen. In einem Communiqué meldete sich am Abend auch SEK-Präsident Gottfried Locher zu Wort: «Ein solches Werk erfordert nicht nur Ingenieurskunst und harte Arbeit unter Tag, sondern auch Gottvertrauen. Katholiken und Protestanten haben hier gemeinsam ein Jahrhundertwerk geschaffen.»

Wirksames Wort Gottes
Nicht alle Reformierten nahmen die Ausgangslage derart schwer. Christina Aus der Au ist theologische Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung in Zürich. Für sie war es kein Problem, dass keine protestantische Vertretung vorgesehen war. «Es ist ja eher katholische Tradition, Mähmaschinen und Tunnels zu segnen», sagt sie auf Anfrage. Bei der Segnung der 57 Kilometer langen Doppelröhre hätte sie sich von Pater Werlen und den Katholiken, die darin Erfahrung haben, auch vertreten gefühlt. Dass nun eine Frau dabei sei, sei allerdings «bestimmt ein dynamischer Faktor im gemeinsamen Gespräch».

Fraumünster-Pfarrer Niklaus Peter bläst ins gleiche Horn: «Wir segnen keine Sachen», erklärt er. Im reformierten Verständnis sei ein Segen ein «wirksames Wort Gottes», das nur Menschen zugesprochen werden kann. Er geht davon aus, dass die reformierte Pfarrerin nicht den Tunnel, sondern die Menschen, die hindurchgehen, in einer Geste segnen wird.

Wie auch immer: Am 1. Juni werden nun ein Katholik, ein Imam, ein Rabbi, eine Konfessionslose – und eine reformierte Pfarrerin – die Segnungsfeiern begehen.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Sandra Hohendahl-Tesch / reformiert. / 20. Mai 2016