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Gesellschaft

Mentalität des Südens und Ordnung des Nordens

Regula Stern-Griesser kennt beides: Das Tessin und die Deutschschweiz. Die Zürcherin lebt seit Jahrzehnten im südlichsten Kanton und weiss, dass Integration nicht immer leicht fällt.

Frau Stern, Tessin bedeutet für Deutschschweizer Palmen, Sonne und italienische Offenheit. Sind das nur Klischees?

Die Sonne stimmt, die Palmen stimmen. Nur die Offenheit muss ich etwas relativieren. Tessiner sind weniger offen, wie es den Anschein hat. Das darzulegen, würde zu weit führen. Ich will auch nicht generell über die Tessiner urteilen.

Warum sind Sie ins Tessin ausgewandert?

Ich bin am Zürichsee aufgewachsen. Durch Heirat kam ich nach Italien, denn mein Mann war Auslandschweizer. Eigentlich wollten wir in die Deutschschweiz zurück. Als er sich 1972 bei einer Zürcher Firma bewarb, teilten sie ihm mit, sie suchten jemanden für die italienisch-sprechende Schweiz. So zogen wir ins Tessin. Das war eine gute Lösung. Wenn man in Italien gelebt hat, hätte ich Schwierigkeiten gehabt, mich in der Deutschschweiz wieder einzuleben.

Da bildete das Tessin den Kompromiss?

Ja, das Tessin hat die Mentalität des Südens und die Ordnung der Schweiz.

Wie gelingt die Integration?

Die Sprache ist das Wichtigste. Sie ist der Schlüssel. Und natürlich die eigenen Kinder, die einem helfen, sich zu vernetzen. Mit dem Einleben hatte ich keine Probleme, ich arbeitete schon von Anfang an bei den «Konsumentinnen» und in der reformierten Kirche mit. Anfangs war ich die einzige Deutschschweizerin unter lauter italienisch-sprachigen Kolleginnen. Deshalb schickte man mich gerne an die Sitzungen und Veranstaltungen in der Deutschschweiz.

Sind Sie auch auf Mauern gestossen?

Ja, wenn man als Deutschschweizerin etwas Neues anreissen will, beisst man plötzlich auf Granit. Da reagieren die Tessiner eher empfindlich. Sie haben schnell das Gefühl, wir Deutschschweizer glaubten, alles besser zu wissen. Ob da noch die historische Zeit der Landvögte mitschwingt, als das Tessin Untertanengebiet der Innerschweiz war? Solche Ressentiments sitzen tief. Als Mitarbeiter schätzen sie uns jedoch.

Vor allem Rentner ziehen ja den Lebensabend im südlichsten Kanton vor.

Dieser Trend ist eher rückläufig. Vor zwanzig Jahren wanderten viele Pensionierte ein und integrierten sich da, wo man deutsch sprach. In der Zwischenzeit ziehen auch Familien hierher. Und Deutschschweizer übernahmen wichtige Jobs in der Wirtschaft. Es leben jedoch nach wie vor viele Pensionierte aus der Deutschschweiz im Tessin, vor allem stark rund um den Lago Maggiore.

Haben sich deren Erwartungen erfüllt?

Teils. Anfangs erhielten die Pensionierten so viele Besuche, fast zu viele. Doch dann brechen die Kontakte in den Norden ab. Der Freundeskreis wird auch älter und Kinder und Enkel kommen immer seltener. Das führt zur Vereinsamung. Bei Ehepaaren wollte oft der Mann im Tessin leben. Wenn er stirbt, bleibt die Witwe zurück, die keinen Freundeskreis aufbauen konnte und die Sprache oft nicht beherrscht. Eigentlich will sie in die alte Heimat zurückkehren. Doch auch die Deutschschweiz hat sich in der Zeit verändert. Die Wohnungen sind teuer, gute Pflegeplätze rar und oft nicht mehr sofort zugänglich für «Auswärtige». Ich kenne mehrere solcher Geschichten.

Kann man im Alter so leicht seine Wurzeln ins Tessin verpflanzen?

Viele bilden sich dies ein. Ich glaube jedoch nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, nach Rüschlikon zurückzukehren. Wir haben über die Hälfte unseres Lebens hier verbracht. Unsere Freunde leben hier. Unsere Söhne sind hier aufgewachsen, auch wenn einer heute wegen der Arbeit in der Deutschschweiz lebt. Man macht sich Illusionen, wenn man meint, der Ortswechsel sei einfach.

Welche Probleme haben die Deutschsprechenden im Alter?

Schon allein die Sprache. Solange man rüstig ist, bewegt man sich in den deutschsprachigen Clubs und Vereinen. Doch wird man gebrechlich und krank und muss in ein Heim ziehen, versteht einen häufig das Personal nicht mehr. Mit zunehmendem Alter vergisst man die Zweitsprache. Das Italienisch wird schlechter, bis es fast völlig verschwindet. Es ist wichtig, dass es künftig im Tessin Alters- und Pflegeheime mit Abteilungen gibt, in denen man Schweizerdeutsch oder Deutsch spricht. In der Deutschschweiz bieten die Heime Stockwerke für Italiener an, in denen sie ihre Heimat über die Sprache, das Essen und die Musik finden. Alt zu werden, ist nicht einfach – in der Fremde ist es umso schwieriger.

Gibt es im Tessin solche Vorstösse?

Nein. Solche Ideen sind noch nicht angedacht. Vor drei Jahren hatte ich deswegen einen heftigen Diskurs mit einem Politiker in Altersfragen. Er konnte nicht verstehen, was es bedeutet, in einer fremden Kultur alt zu werden. Lediglich das Alters- und Pflegeheim Montesano in Orselina ist ein solches Angebot, wo das Personal vorwiegend Deutsch versteht und spricht.

Frau Stern, Sie leben im Tessin in einer zweifachen Minorität.

Als Deutschschweizerin, Reformierte und Frau sogar in einer dreifachen Minorität.

Wie gehen Sie damit um?

Sehr selbstbewusst. Gerade kürzlich besuchte ich einen Anlass mit über dreihundert Leuten, auch vielen Reformierten, bei dem der Bischof ein Grusswort überbrachte. Von reformierter Seite war offenbar niemand eingeladen, obschon die beiden Kirchen im Kanton gleichberechtigt sind. Das geschieht häufig. Ich stellte mich deshalb dem Bischof als ehemalige Synodenpräsidentin der reformierten Tessiner Kirche vor. Wir sollten selbstbewusst auftreten und müssen es nicht akzeptieren, dass man so tut, als seien wir Reformierte ein Betriebsunfall der Kirchengeschichte. Natürlich gibt es viele Reformierte, die schweigen und ganz froh sind, dass man sie übersieht und vergisst.

Wird dieses Selbstbewusstsein geschätzt?

Ja. Als ich zur Präsidentin der Synode gewählt wurde, gratulierten mir viele Katholikinnen. Sie freuten sich, dass nun eine Frau dem Kirchenparlament vorstand. Ich war die erste Frau als Präsidentin.

Deutschschweizer Hilfsvereine unterstützen die reformierte Kirche im Kanton Tessin. Würde es ohne diese finanziellen Beiträge für die Kirchgemeinden schwierig?

Sehr! Im Tessin sind Kirche und Staat getrennt. Der Staat erhebt keine Kirchensteuern und wir haben keinen Zugang zu den Adressdaten der politischen Gemeinden. Deshalb wissen wir nicht, wer eigentlich reformiert ist. Jedem Mitglied ist es selbst überlassen, welchen Beitrag es bezahlt. Die reformierten Kirchen leisten vieles, auch für Leute, die nie in der Kirche waren. Immer wieder fragen Familien für eine Beerdigung nach, die der Pfarrer noch nie gesehen hat. Trotzdem erhalten sie die Abdankung, jedoch gegen Bezahlung. Und eine zunehmende Zahl Deutschsprachiger besucht den offenen Seniorenzmittag der Kirche Ascona. Hier bei den Reformierten finden sie ein Stück Heimat. Für all diese Aufgaben erhalten die reformierten Kirchgemeinden wenig bis nichts. Wie lange man sich dies noch leisten kann, weiss ich nicht. Aber es darf ruhig auch daran erinnert werden, dass viele der Zugezogenen «ein Leben lang» Kirchensteuern in der deutschen Schweiz bezahlt haben und jetzt ihre Ansprüche an die reformierten Pfarrämter des Tessins stellen.

Zum Schluss: Haben Sie noch einige Tipps für Tessin-Besucher?

Man sollte unbedingt in Bellinzona das Unesco-Kulturerbe der drei Burgen samt gut erhaltenen Stadtmauer-Teilen, die Altstadt und den Wochenmarkt am Samstag besuchen. Dieser Besuch lohnt sich auf jeden Fall. 

Regula Stern-Griesser war über zwanzig Jahre Synodale und davon während mehr als zwölf Jahren Synodenpräsidentin, bis 2002, der Reformierten
Kirche Kanton Tessin und Redaktorin der «Voce evangelica».

Interview: Tilmann Zuber / 25.5.2016