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Gesellschaft

Reformierte in der Sonnenstube

Die reformierte Kirche des Kantons Tessin ist eine der jüngsten und kleinsten Kirchen in der Schweiz. Die Reformierten bilden im katholischen Kanton eine Minderheit. Noch immer spürt man in den Gemeinden das Selbstbewusstsein der Pionierzeit.

Der Vorfall scheint eine Bagatelle. Am 1. Juni wird der Basis-Gotthardtunnel mit einer feierlichen Segnung eingeweiht. Eingeladen sind ein katholischer Geistlicher, ein Rabbi, ein Imam und eine Konfessionslose. Die Reformierten sind nicht dabei. Man hatte keinen Pfarrer angefragt. Die Proteste häuften sich. Schliesslich nimmt nun eine italienisch sprechende Pfarrerin an der Segnung teil. Nur arbeitet sie im Bergell/GR.

Der Vorfall ist symptomatisch: Wurden die Reformierten in Uri und im Tessin in der Vergangenheit vertrieben, so werden sie heute übersehen. Zudem zeigte man wenig historisches Fingerspitzengefühl. Die Entstehung der reformierten Kirchgemeinden in der südlichen Schweiz ist eng mit dem Gotthardtunnel und der Bahn verbunden.

170 Reformierte aus Locarno vertrieben

Seit Jahrhunderten leben die Reformierten im Kanton Tessin in der Diaspora. 1850 gibt es lediglich 50 Protestanten im katholischen Kanton. Die Gegenreform hatte im 16. Jahrhundert den neuen Glauben ausgemerzt. 1555 mussten 170 Reformierte die Vogtei Locarno verlassen. Sie flüchteten nach Zürich, wo sie die Bevölkerung herzlich empfing.

Während Jahrhunderten sorgen die Innerschweizer Landvögte im Tessin dafür, dass dieses katholisch bleibt. Mit der Annahme der Bundesverfassung (1848) dürfen sich die Protestanten in der Südschweiz niederlassen. Der Durchstich durch den Gotthard beschleunigt die Einwanderungen. Viele Deutschschweizer ziehen hierher – Ingenieure, Eisenbahner, Hoteliers und Gastronomen. Die Deutschschweizer lassen sich entlang der Bahnstrecke in Bias-ca, Bellinzona und Chiasso nieder. Waldenser predigen in Chiasso und Como. In Lugano, Locarno, Bellinzona und Airolo entstehen mithilfe der protestantisch-kirchlichen Hilfsvereine Gemeinden. Die ersten Touristen verbringen ihre Ferien am Lago Maggiore. In der einstigen Kirche Santa Elisabetta besuchen die anglikanischen Gäste des Albergo del Parco, später Palace, den Gottesdienst.

Die Anfänge der evangelischen Kirche sind bescheiden: 1917 reist der bald 70-jährige Prediger Jakob Mörgeli in die Gemeinde Monti (Locarno), um sich am Lago Maggiore zu erholen. Er mietet das Haus «Sopra Verbano», eine ehemalige Wirtschaft mit Tanzsaal. In der Küche hält er Bibelstunden. Dank einer grosszügigen Spende aus Bern kauft er die Liegenschaft. Der Tanzsaal wird zum Predigtraum, an der Wand prangt ein grosses Kreuz.

Flucht vor den bürgerlichen Zwängen

Mit dem Anbruch des 19. Jahrhunderts kommen die Deutschen, oftmals Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller wie Hermann Hesse, Erich Maria Remarque und Philosophen wie Max Horkheimer und Erich Fromm. Sie fliehen vor den bürgerlichen Zwängen und der preussischen Zucht, später vor dem Nationalsozialismus. Die sonnigen Hänge oberhalb der Seen versprechen Freiheit. Am Monte Verità ob Ascona experimentieren sie mit Lebensformen und Kunststilen. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgen Industrielle und Unternehmer aus der jungen Bundesrepublik. Heute leben rund 3000 Deutsche im Kanton Tessin.

Olaf Schmalstieg kann die Begeisterung für den südlichsten Kanton gut verstehen. Die Palmen und der spiegelglatte See, hinter dem sich schneebedeckte Berggipfel erheben, seien ein wunderbarer Anblick. Und während im Februar der Norden unter Nebel und Frost leide, schlagen in Locarno die Kamelien aus. Seit 16 Jahren lebt der ehemalige Pfarrer von Bellinzona im Tessin. Seine Liebe zur Region geht auf seine Jugend zurück. Damals verbrachte er seine Ferien am Lago Maggiore. Einmal schwamm er mit Freunden über den See. Das Erlebnis prägte ihn und führte den gebürtigen Deutschen zurück in den Süden.

Nach seiner Pensionierung zog er mit seiner Frau in die malerische Altstadt von Gerra. Dort kauften sie ein altes «Häuschen», renovierten es und vermieten zwei Ferienwohnungen. Er schwärmt vom alten Mauerwerk im Dorf, der Lebensfreude, dem lebhaften Palaver, wenn sich die Tessiner im Bus unterhalten, und vom Lago Maggiore, der ihn magisch anzieht. Im Sommer geht er zweimal am Tag schwimmen.

Man trifft sich auf der Piazza in Locarno

1966 schliessen sich die Kirchgemeinden zusammen und nennen sich «Chiesa evangelica riformata nel Ticino» CERT. Durch die Volksabstimmung wird die CERT öffentlich-rechtlich anerkannt. Sie kann damit Religionsunterricht an den Schulen erteilen.

1976 nimmt der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK die CERT als eigenständiges Mitglied auf. «Die Erwartungen, dass der SEK auch das italienisch-sprachige Element des Schweizer Protestantismus wahrnimmt, wird oft enttäuscht», erklärt Tobias Ulbrich, Synodalratspräsident der CERT. «Alle finden uns Tessiner nett.» Einmal pro Jahr treffe man sich am Filmfestival von Locarno auf der Piazza und beim Essen, zu dem die ökumenische Film-Jury einlädt. Doch ansonsten sei man eine kleine Minderheit auf der evangelischen Landkarte. Und bekomme dies auch zu spüren. So muss die CERT regelmässig um italienische Übersetzungen der Broschüren und Unterlagen bitten.

Die Kantonalkirche besteht aus drei Kirchgemeinden: Dem Sottoceneri, der sich von Lugano bis Chiasso erstreckt, Locarno, das über Ascona ins Maggiatal und Onsernonetal reicht, und Bellinzona mit der ganzen Leventina. Das Einzugsgebiet der Kirchgemeinden erstreckt sich über etliche Kilometer.

Heute sind gemäss Volkszählung 2012 4,4 Prozent der Bevölkerung reformiert. Lediglich 6000 hätten sich als Mitglieder in den Kirchgemeinden eingeschrieben, sagt Tobias Ulbrich. Der Datenschutz verhindere, «dass wir erfahren, wer reformiert ist. Das erschwert unsere Arbeit in den Spitälern und Heimen. Wer sich nicht meldet, ist bei uns nicht registriert.» Meist melden sich die Angehörigen erst bei einem Todesfall, einer Taufe und einer Trauung bei der Kirchgemeinde. Auch ohne Mitgliedschaft werden sie kirchlich bestattet.

Schwierige finanzielle Situation

Im Kanton Tessin sind Kirche und Staat weitgehend getrennt. Die Kirchgemeinden leben von Spenden, freiwilligen Mitgliederbeiträgen, Legaten und Zuschüssen der protestantisch-kirchlichen Hilfsvereine und der Kirchgemeinden aus der Deutschschweiz. Auch wenn die finanzielle Situation angespannt sei, wolle man die Dienste einer öffentlich anerkannten Kirche in Zukunft weiterhin bieten, sagt Tobias Ulbrich.

In Locarno und Bellinzona gibt es Angebote für Deutsch- wie auch für die Italienischsprachigen. Pfarrerin Brigitte Schäfer betreut seit drei Jahren die Deutschsprachigen in der Gemeinde Bellinzona. Regelmässig besucht sie die Altersheime. Einige der Senioren seien einsam. «Der Freundeskreis ist weggestorben, die Verwandten kommen selten zu Besuch und das Italienisch fällt ihnen immer schwerer.» Die reformierte Kirche stelle für viele ein Stück Heimat dar. Hier können sie Schweizerdeutsch reden und sie werden verstanden. Und man bekomme nicht ständig Polenta zu essen, wie sich ein älterer Herr bei der Pfarrerin beklagte.

Wie sieht die Zukunft der Reformierten im Tessin aus? Die Kirchgemeinden würden kleiner, italienischsprechender und tessinerischer, meint Tobias Ulbrich. Die Generation der Deutschsprachigen, die im letzten Jahrhundert in den Tessin zog, stirbt langsam aus. Olaf Schmalstieg ist davon überzeugt, dass die Tessiner Kirche auch künftig ihren Weg finden wird. In der CERT herrsche noch der kreative Geist einer Pionierkirche. Während seiner Amtszeit hatte er nie das Gefühl keine Lösungen zu finden. Das liege vermutlich an der einmaligen Atmosphäre aus Inspiration, Bereitwilligkeit und Kreativität, die hier in der Sonnenstube herrscht.

Tilmann Zuber, 25.5.2016