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Kirche

Fundamentalisten hüben und drüben

Können Homosexuelle ein Pfarramt wahrnehmen? Das Geschehen rund um die missglückte Pfarrwahl in Dussnang und Bichelsee hat im Thurgau eine hitzige Grundsatzdiskussion ausgelöst, weil ein Teil der Kirchbürgerschaft keinen schwulen Pfarrer wollte.

Vermittelnd und doch Stellung beziehend, äussert sich Ralph Kunz, Professor für praktische Theologie an der Universität Zürich. Er sieht sich selber als Verfechter einer bibelorientierten Theologie und warnt, aus der Homosexualität ein Thema zu machen, das die Kirchen spaltet.

«Lehrblätz» für Kirche
Die aktuelle Diskussion sei ein «Lehrblätz» und eine Gelegenheit für die christliche Gemeinde, nicht Menschen mit Worten zu schlagen, sondern sich – wenn schon – mit dem Wort Gottes herumzuschlagen. Männliche Homosexualität werde zwar in der Bibel negativ bewertet, aber meistens in einem Zusammenhang, der auch heute kriminell wäre: also Vergewaltigung, Kindsmissbrauch und (erzwungene) Prostitution. Hingegen gebe es keine Stelle, die sich ausdrücklich zur gleichgeschlechtlichen Liebe äussere. Das heisse wiederum nicht, dass die Bibel in Geschlechterfragen neutral sei: «Die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein Gleichnis der Lieben zwischen Christus und der Kirche.» Kunz doppelt nach: «In der Schöpfungsgeschichte steht der Spitzensatz, dass Gott den Menschen nach seinem Bild, als Mann und Frau, geschaffen hat.» Diese Aussage berge einen «revolutionären Tiefensinn», der das Mann- und Frau-Sein zu einer geistlichen Lebensaufgabe mache. Dies dürfe jedoch nicht dazu verleiten, gleichgeschlechtliche Liebe moralisch zu verurteilen, für kriminell oder krank zu erklären. Denn in der Bibel stehe auch, in Christus sei weder Mann noch Frau, noch Jude noch Heide. Daraus könne man ableiten, dass für die Christuszugehörigkeit die geschlechtliche Orientierung gleichgültig sei. Weder sei sie eine Sünde noch eine Krankheit. «Ich bin der Überzeugung, dass diese Auslegung den Geist der Heiligen Schrift wahrt.»

Wertschätzend begegnen
Der ehemalige Frauenfelder Pfarrer Ernst Gysel sieht aufgrund biblischer Aussagen die Ehe von Mann und Frau als die «Beziehungsform, die von Gott gesegnet ist». Praktizierte Homosexualität entspreche aus biblischer Sicht nicht dem Wort und den Absichten Gottes. Die Ehe von Mann und Frau sei das «Erfolgsmodell der Menschheit, auch wenn die meisten Ehen unvollkommen und zerbrechlich seien.» Der ehemalige Lengwiler Pfarrer Peter Keller ergänzt, die Familie sei überdies die Grundlage für eine solide Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Gysel wie Keller halten es für abwegig, homosexuelle Paare mit kirchlichen Leitungsaufgaben zu betrauen – Gysel: «Eine Kirche, welche dies tut, setzt ein falsches Signal. Sie stellt sich über Gottes Wort und provoziert damit Spaltungen.»

Fundamentalisten zurückbinden
Der Thurgauer Synodale und Pfarrer Peter Kuster schlägt andere Töne an und bezeichnet diese Haltung als fundamentalistisch: «Fundamentalisten kann man nicht bekehren. Aber wir können ihren Einfluss in einer Landeskirche reduzieren.» Fundamentalisten müssten sich einige Fragen stellen lassen: «Wenn sie die Bibel wörtlich nehmen, warum gelten nicht alle Anweisungen, zum Beispiel kultische Opfervorschriften, auch heute? Warum dürfen Frauen in der Kirche stimmen und wählen? Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bibelstellen aus, die für sie gelten?» Was dem Doppelgebot Jesu der Nächsten- und Fremdenliebe widerspreche, habe nicht mehr das Gewicht einer zwingenden Anweisung. Die Landeskirchen hätten eine schwierige Aufgabe vor sich: «Die Bibel ernst nehmen und sich doch nicht von Fundamentalisten die Traktandenliste diktieren zu lassen.»

Entsetzter Alt-Dekan
Derselben Meinung ist Peter Schüle, früher Pfarrer in Sirnach. Als ehemaliger Dekan der Region Frauenfeld sage mit Blick auf die Vorkommnisse in Bichelsee und Dussnang deutlich, «dass solch fundamentalistische Schriftauslegung in unserer Evangelischen Landeskirche nichts zu suchen hat, weder das einseitige Zitieren einzelner Bibelverse – aus dem biblischen und historischen Zusammenhang gerissen – noch die Reduzierung des Menschen auf die Sexualität und gar die Einschränkung der Ethik auf zu verurteilende Sexualmoral. Als Reformierte sind wir befreit, dürfen und sollen uns in unserer eigene Lebensart vielfältig entwickeln, Christsein und unserem Meister nachfolgen auf das Reich Gottes hin.» Die Landeskirche und der Kirchenrat seien dazu gerufen, «sich nicht einfach rechts-evangelikal und fundamentalistisch zu ‹verschweigern› und damit zu verbandeln, sondern klar und unmissverständlich und öffentlich Stellung zu beziehen.»

Vorbildfunktion des Pfarrers
Peter Keller betont, eine Kirchgemeinde habe das Recht, im Pfarrhaus eine Pfarrfamilie zu wünschen, die aus ihrer Sicht dem biblischen Ideal nahe komme und Vorbild für die Jugend sein könne. Diese Vorbildfunktion sehe er bei einem homosexuellen Pfarrer nicht. Genau so wenig wie Paulus Polygamisten als Bischöfe oder Diakone akzeptiert habe. Er will aber Brücken schlagen: «Ich habe einige homosexuell empfindende Menschen in meinem Bekannten- und Freundeskreis und schätze sie sehr. Ich habe kein Recht, sie in irgendeiner Form zu verurteilen. Sie sollen ihren Platz in der christlichen Gemeinde haben.»

«Fühle mich ausgegrenzt»
Peter Keller wünscht sich, «dass die reformierte Kirche mehr den Mut hat, die biblischen Ideale mutig zu vertreten», und sich nicht immer mehr «mit den Gesellschaftstrends anbiedert». Das mache auch das ökumenische Gespräch schwierig. Dass er Gefahr läuft, deswegen als Fundamentalist bezeichnet wird, stimmt Keller nachdenklich: «Ich fühle mich ebenfalls ausgegrenzt. Neben bibeltreuen gibt es eben auch liberale Fundamentalisten, die ausser ihrem Weltbild nichts anderes akzeptieren.»

Differenzierter Ansatz
Marc Jost, Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz und dieses Jahr Grossratspräsident im Kanton Bern, betont, dass grundsätzlich Kirchenverbände «im Detail entscheiden». Reformierte Landeskirchen entschieden teilweise anders als evangelische Freikirchenverbände. Er differenziert: «Ein schwuler Lebensstil ist eine Handlung, für die ich Verantwortung trage. Wer homosexuell empfindet, jedoch bewusst keine gleichgeschlechtliche Beziehung oder Partnerschaft pflegt und somit enthaltsam lebt, sollte keinerlei Einschränkungen betreffend Leitungsverantwortung erfahren.»

Normen, die Menschen dienen
Eine intensive kircheninterne ethisch-theologische Debatte sei wichtig. Die Kirche habe die Aufgabe zu zeigen, weshalb biblische Normen letztlich dem Menschen und menschlichen Beziehungen dienen, sagt Jost. Als ausgrenzend könnten ohnehin viele weitere Überzeugungen erlebt werden, die nicht mit der Ethik oder dem Bekenntnis der Kirche übereinstimmen. Es gelte, in diesem Spannungsfeld die Einheit zu fördern.

Roman Salzmann / Kirchenbote TG / Juni 2016