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Gesellschaft

«Die Bedeutung der Feier erschöpft sich nicht im Akt der Segnung»

Simona Rauch wird bei der Eröffnung des Gotthardtunnels am 1. Juni die Reformierten vertreten. Die Pfarrerin aus dem Bergell sieht ihre Identität als Reformierte, Frau und Italienischsprechende nicht im Gegensatz zu anderen, sondern im Dialog mit ihnen.

Frau Rauch, Sie vertreten die Reformierten an der Segnungsfeier des Gotthard-Basistunnels. Sie sind Pfarrerin im Bergell, im Bündnerland. Warum hat man keine amtierende Pfarrperson aus den «Gotthard-Kantonen» Tessin oder Uri gewählt?
Wer nicht weiss, dass ich Bündnerin bin, meint oft, ich sei Tessinerin. Ich habe einen Bündner Nachnamen und einen Tessiner Vornamen. Ich bin im Bündnerland zur Welt gekommen, aber im Tessin aufgewachsen. Ich verstehe Deutsch und Romanisch, doch ich spreche italienisch. So wie der Gotthardtunnel die Kantone Uri und Tessin verbindet, so verbindet mein Leben das Tessin mit dem Bündnerland. Das könnte ein Grund dafür gewesen sein, dass ich als Vertreterin der Reformierten delegiert worden bin. Aber im Ernst, diese Frage müssen Sie dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund und der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz AGCK stellen. Sie haben mich ausgesucht. So viel ich weiss, kommt auch von den anderen Repräsentanten niemand aus den Kantonen Uri und Tessin. Ich bin Pfarrerin im Bergell, wurde jedoch von der Tessiner Kirche ordiniert und habe mehrere Jahre als Pfarrerin in Lugano gearbeitet. Ich fühle mich auch als Vertreterin eines Teils des Tessins. Vor allem hoffe ich, dass ich generell die italienisch sprechenden Schweizerinnen und Schweizer repräsentieren kann.

An der Einweihung des Lötschbergtunnels hat der reformierte Pfarrer dem katholischen Kollegen den Weihwasserkessel hinterhergetragen. Was wird Ihre Aufgabe sein?
Ein Teil der religiösen Zeremonie besteht in der Aspersion, dem Besprengen mit Weihwasser. In der katholischen Tradition ist dies eine wichtige Handlung. Aber die Bedeutung der Zeremonie erschöpft sich nicht darin, sondern ist vielfältig. Der Akt der Segnung ist ein massgeblicher Teil, aber die Einweihung, die Begegnung, die spirituelle Sammlung und das Gebet gehören ebenso dazu.

Fühlen Sie sich als Reformierte neben Martin Werlen als gleichberechtigte Vertreterin der Christen?
Ja, die AGCK und das Bundesamt für Verkehr haben uns beide mit dieser Aufgabe betraut.

Die Reformierten segnen keine Dinge. Wäre es aber nicht einleuchtender anstatt dieses grossen Lochs die Menschen zu segnen, die den Tunnel benutzen und ihn gebaut haben? Diese sind ja bedroht.
Es stimmt, dass die Reformierten keine Objekte segnen. Gott segnet die Menschen, ihr Leben, ihre Geschichten und ihre Wege. Der längste Tunnel der Welt konnte dank der Arbeit von Technikern, Ingenieuren und mehr als 2000 Mineuren in 17 Jahren gebaut werden. Von jetzt an lebt der Tunnel durch all jene, die durch ihn die Alpen überqueren. Als Christen glauben wir, dass unsere Werke auch und vor allem lebendig werden durch Gottes gütige und wohlwollende Augen. Der Segen spiegelt das Wort, mit dem Gott seine Schöpfung segnete. In der Bibel hat Gottes Segen den Charakter des Anfangs. Der Segen erinnert daran, dass Gott der Urheber all unserer Anfänge ist. Am 1. Juni werden wir innehalten und bewundern, was geschaffen wurde, und dafür den Segen Gottes erbitten. Wir bitten darum, dass der Gotthardtunnel als Ort der Durchreise die Begegnung, den Austausch und das Verständnis zwischen den Regionen, Sprachen, Kulturen, Traditionen und Religionen fördern wird.

Martin Werlen sagte, er vertrete alle Christen. Man hätte sich ja auch vorstellen können, dass eine reformierte Frau anstatt eines katholischen Mannes die Christen vertritt. Ist es dafür noch zu früh?
In der Debatte geht es nicht darum, ob ein Mann oder eine Frau die Christen vertritt. Die Reaktionen der Leute zeigen vielmehr, dass sie vor dem historischen und kulturellen Hintergrund der Schweiz auch heute die Anwesenheit eines Vertreters aus jeder der beiden grossen Landeskirchen fordern. Mir ist es wichtig, dass ich berufen wurde, um die Christen zusammen mit Martin Werlen zu repräsentieren, nicht an seiner Stelle. Ich sehe meine Identität als reformierte Pfarrerin, als Frau und als Italienischsprechende nicht im Gegensatz zu anderen, sondern im Dialog mit ihnen. Wir begehen diese Zeremonie gemeinsam. Wir fünf Repräsentanten sind wie eine Schweiz im Kleinen, wenn wir am 1. Juni mit einer Segnungsfeier den Gotthardtunnel eröffnen. Damit senden wir ein Zeichen in die Welt: Die Schweiz ist ein vielsprachiges, multikulturelles und multireligiöses, pluralistisches und offenes Land.

Das Bergell ist eine ursprüngliche Gegend, in der die Leute mit den Bergen und der Natur verbunden sind. Hat hier der Segen noch eine besondere Bedeutung?
Die Natur und die Berge des Bergells sind wunderbar. Sie laden uns dazu ein, in ihnen die Schönheit von Gottes Schöpfung zu erkennen und durch den Blick Gottes unsere eigene Perspektive zu erneuern.

Was zeichnet die Reformierten im Bergell aus?
Das Bergell ist die einzige italienischsprachige Region, wo die reformierte Kirche ohne Unterbrechung von der Reformation bis heute besteht. In der Regel verbindet man die Reformation mit der deutschen Sprache. Doch im Bergell geht sie Hand in Hand mit dem Italienischen. Im Bergell spricht man italienisch, aber die Mehrheit der Bewohner ist reformiert. Dies ist zweifellos ein besonderes Merkmal dieses Tals. Wir wollen dieses historische Vermächtnis zum Reformationsjubiläum erneut bezeugen.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Interview: Karin Müller / Kirchenbote / 27. Mai 2016