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Spiritualität

Fahrtwind und Freiheit

30.05.2016
Im Mai beginnt die Saison der Bikers. Manchmal mit einem Motorradgottesdienst wie in Oensingen-Kestenholz. Eindrücke von einer Feier mit Weihwasser und dröhnenden Maschinen.

Sie schwingt sich auf den ledernen Sattel und lächelt in die Kamera. Er, den rot-weissen Helm in der Linken, setzt seinen Fuss auf das Pedal der blauen Harley. Die Rede ist von Pfarrerin Yvonne Gütiger und Sozialdiakon Urs Wieland. Mit ihrem Auftritt zerstreuen die beiden die letzten Zweifel, ob sich harte Biker mit Gottesdienst und Talar vereinen lassen. Und dies, obwohl der diesjährige Motorradgottesdienst in der reformierten Kirche Oensingen- Kestenholz erst in einer halben Stunde anfängt.

Im Frühling beginnt die Saison der Biker und damit die der Motorradgottesdienste. Spektakulär ist der Bikergottesdienst von Hamburg, bei dem jeweils bis zu 40 000 Maschinen losdröhnen. In Oensingen geht es bescheidener zu. Vor gut einem Jahr äusserte Toni Wüthrich bei einem Feierabendbier die Idee eines Töffgottesdienstes. Der Vorschlag des Besitzers des Töffparks, der gegenüber der Kirche liegt, stiess auf Zustimmung. «In unseren Gottesdiensten greifen wir oft Themen aus dem Umfeld auf, das gehört zu meiner Aufgabe als Predigerin», sagt Yvonne Gütiger.

Im letzten Jahr veranstalteten die beiden Oensinger Kirchgemeinden den ersten Töffgottesdienst. Die Reaktionen fielen positiv aus. Bei traumhaften 20 Grad und Sonnenschein parkten gegen die 60 Maschinen vor der Kirche, erzählt die Pfarrerin. «Manche Vorbeifahrende hielten spontan an, als sie die Motorräder vor der Kirche sahen, um den Gottesdienst zu besuchen.

«Highway to Heaven»

Als der letzte Schlag der 10-Uhr-Glocke verhallt, erklingt in der Western-Kulisse die helle Stimme des Sängers Andreas Wildi. Mit seiner Gitarre stimmt er den Song «wake me up» von Avici an. Die Kulisse in der Kirche ist beeindruckend: Links neben der blauen Harley steht der Saloon, rechts hängen an einem grossen Kreuz befestigte Strassenschilder. «Highway to Heaven» geht es mir spontan durch den Kopf. Im blitzblank polierten Chromstahl der Harley spiegeln sich die Kirchenorgel und die in Leder gekleideten Gottesdienstbesucher. In der Predigt und einem humoristischen Theater erzählen die Pfarrerin und der Sozialdiakon, dass die Bibel ein Buch der Reise sei und «Gott «on the road again ist – quasi auf der «Strasse des Lebens ». Das Christsein sei etwas für Leute, die gerne unterwegs sind. Auch Abraham, Isaak und Jakob wanderten als Viehhirten umher», erklärt die Pfarrerin. «Christen sind unterwegs zum Leben, unterwegs in Freiheit, befreit durch die Hoffnung auf das Reich Gottes. Sie sind nicht gezwungen, alles in das irdische Leben packen zu müssen.»

Nach dieser Botschaft des leichten Gepäcks geleitet der Sänger die Gottesdienstbesucher mit einem Lied aus der Kirche hinaus auf den Vorplatz, auf dem es nach Motorenöl und Leder riecht. Von der Motocross- bis hin zur ausladenden Goldwingmaschine stehen hier alle Kaliber fein säuberlich in Reih und Glied. Die leichte Brise gibt eine Vorahnung auf den Fahrtwind und ein Gefühl der Freiheit. Segnung der Motorräder Die Motorradfahrer wollen nicht auf die Segnung ihrer Motorräder verzichten, bevor sie sich in die Saison aufmachen. Mit wehendem Gewand tritt der katholische Pfarrer Charles Onuegbu vor. Nach dem Gebet sprengt er in der feierlichen Zeremonie das Weihwasser auf den Fuhrpark. Das Ritual bedeute, dass Gott seine schützende Hand über sie halte, sagt die Pfarrerin. Die Segnung von Maschinen sei für sie als reformierte Pfarrerin eher unüblich. «Ich segne eigentlich nur Menschen, habe aber grossen Respekt vor den Zeremonien der katholischen Kirche. Da die Mehrheit der Oensinger wie auch der Töffgottesdienst-Besucher katholisch sind, gehört die Segnung ihrer Motorräder dazu.» Gerade in der heutigen hektischen und anspruchsvollen Verkehrslage seien die Biker dafür dankbar.

Um 12 Uhr werden die Motoren angeworfen. Die Auspuffe dröhnen, die Luft vibriert. Unter der Leitung von Toni Wüthrich starten die Gottesdienstbesucher geräuschvoll zur dreiviertelstündigen Sternfahrt. «Diesen Frühling haben wir leider Pech mit dem Wetter, Schnee bis ins Mittelland, meldet die Prognose», erklärt Gütiger. Dass dennoch ungefähr 30 Motorräder vor dem Gotteshaus parken, freut die Pfarrerin und den Sozialdiakon umso mehr. Wie letztes Jahr stehen die Oensinger Feuerwehrfahrzeuge und der Barwagen auf dem Kirchplatz, der eigens kreierte alkoholfreie Drinks ausgibt. Die Feuerwehrleute, die sich «nicht nur mit Kühler-, sondern auch mit Kohlegrill bestens auskennen », offerieren nach der Sternfahrt zum Abschluss knackige Würste.

Michael Schäppi, Text und Bild