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Gesellschaft

«Die Reformierten sollten selbstbewusster auftreten»

Matthias Zehnder wird im Oktober neuer Informationsbeauftragter der reformierten Kirche Basel-Stadt. Im Interview erklärt er, was ihn an der Arbeit für die Landeskirche reizt, welche Chancen in den Sozialen Medien liegen und warum es den Reformierten gut tun würde, selbstbewusster aufzutreten.

Herr Zehnder, Sie waren zuletzt drei Jahre Chefredaktor bei der bz Basel und davor fünf Jahre bei der Coopzeitung. Was reizt Sie an einem Mandat für die Landeskirche?
Nach meinen Jahren als Angestellter mache ich mich als Autor, Referent und Moderator wieder selbständig. Das ist eine spannende Herausforderung. Das Mandat als Informationsbeauftragter habe ich angenommen, weil die Kirche inhaltlich viel zu bieten hat. Ich denke, dass ihre Bedeutung deshalb wieder grösser wird. Das zeigt sich zum Beispiel an der Herausforderung unserer Gesellschaft durch den Islam. Sie zwingt uns vermehrt zur Frage nach unserer eigenen Identität. Wer sind wir denn eigentlich? Und zu dieser Identität gehören eben auch Religion, Christentum und Kirche. Zudem steht nächstes Jahr das Reformationsjubiläum an und in drei Jahren das Münsterjubiläum in Basel. Auch das ist ein spannendes Themenfeld.

Haben Sie zur Kirche und zum Glauben einen persönlichen Bezug?
Ja, biographisch hat die Kirche in meinem Elternhaus immer irgendwie dazugehört. Mein Vater war lange Jahre Kirchenpräsident der Zwinglikirche in Winterthur. Ich persönlich halte es allerdings eher mit Luther. Zwingli ist mir zu sehr Landsknecht und zu wenig Intellektueller. Bei Luther schätze ich die starke Auseinandersetzung mit dem Wort. Beeindruckend finde ich auch den Reformator Ökolampad, der hier in Basel wirkte und zwischen Luther und Zwingli vermittelte. Zur Frage nach dem Glauben: Ich bin kein besonders aktiver Kirchgänger, aber ich setze mich sehr intensiv mit diesen Fragen auseinander.

Welche Aspekte interessieren Sie speziell?
Ich halte den Glauben für etwas sehr Wichtiges in einer extrem säkularisierten und ökonomisierten Gesellschaft. Allerdings ist er heute eine sehr persönliche Angelegenheit geworden. Das Kollektive und damit das Verbindende ist verloren gegangen. Es ist nicht mehr so, dass der Einzelne ganz selbstverständlich an den Ritualen teilnimmt und im Gemeinsamen aufgeht. Dieses Verhältnis sollte wieder stärker ausbalanciert werden. Durch ihre lange Geschichte und ihre Verwobenheit mit der Gesellschaft haben die Landeskirchen die besten Voraussetzungen, dazu einen Beitrag zu leisten.

Auch als Journalist haben Sie sich immer wieder mit Religion beschäftigt. Wie muss man über religiöse Themen schreiben, damit die Debatte nicht wie im Fall des verweigerten Handschlags völlig eskaliert?
Die Geschichte mit dem Handschlag wurde stark boulevardisiert. Ziel solcher kampagnenartigen Debatten sind einzig und allein Aufmerksamkeit und Einschaltquoten. Religion hat aber in den letzten Jahren immer sehr polarisiert. Wenn Sie die Leser zu heftigen Reaktionen provozieren wollen, müssen Sie über religiöse Themen schreiben. Inzwischen lassen die Medien lieber die Finger von diesen Themen. Es gibt ja neben den Einschalt- auch die Ausschaltquoten - Religion ist deshalb vielen Medien zu riskant. Ich selber habe versucht, religiöse Themen so darzustellen, dass sie auch für Leser annehmbar sind, die mit Glauben nicht viel anfangen können. Konkret heisst das: Ich greife zuerst den kulturellen Aspekt eines religiösen Themas auf. Zum Beispiel habe ich als Journalist jeweils vor kirchlichen Feiertagen Bildbesprechungen mit Pfarrpersonen gemacht. Wir haben zusammen etwa ein Passionsbild betrachtet, und die Pfarrerin oder der Pfarrer haben kommentiert, was sie sehen.

Welche Rolle kann die Kirchenpublizistik in solchen öffentlich geführten Debatten einnehmen?
Zunächst muss sie Stellung beziehen und sich einbringen. Das ist im Zeitalter des Internets nicht mehr eine Frage der Mittel. Heute braucht es Ideen, Tempo, Witz und natürlich das handwerkliche Rüstzeug, um sich in den Diskurs einzubringen. Das ist grundsätzlich ein Vorteil für alle, die Inhalte anbieten. Die Kirche hat diese Inhalte. Bei den Reformierten ist es ja zusätzlich so, dass sie aus einer Medienrevolution hervorgegangen sind. Ohne Buchdruck wäre die Reformation nicht denkbar gewesen. Momentan sind wir wieder Zeugen einer Medienrevolution, nämlich der digitalen. Auch von dieser Revolution könnte die Kirche profitieren.

Ist es nicht eher so, dass die Neuen Medien die Qualität von Inhalten gefährden?
Man muss da drei Effekte unterscheiden. Der erste ist die Digitalisierung, die vor allem dazu führt, dass Inhalte sehr viel schneller zur Verfügung gestellt werden können als in den traditionellen Medien. Der zweite Punkt ist die Interaktivierung, also die Tatsache, dass Medien heute keine Einwegpublikationen mehr sind, sondern in Dialog mit ihrem Publikum treten. Da sehe ich eine Chance für die Kirche. Und dann gibt es eine dritte Entwicklung, die eher fatal ist und sich darin zeigt, dass im Gratismarkt Internet die traditionelle Beziehung zwischen Medium und Abonnent wegfällt und allein der Aufmerksamkeitsaspekt im Vordergrund steht.

Sie sprechen die Interaktivierung an, also die Sozialen Medien wie Facebook und Twitter. Der Vatikan hat kürzlich gerade wieder seine Social Media-Strategie aufgefrischt, und Papst Franziskus hat die Instagram-Gemeinde in einer Botschaft angesprochen. Für die Reformierten, die über keine solche Überfigur wie den Papst verfügen, dürfte es deutlich schwieriger sein, in den Sozialen Medien Erfolg zu haben.
Ja, das ist sicher ein Nachteil. Der Papst ist ein Popstar, der entsprechend viele Follower anzieht. Trotzdem: Es gibt ja nicht nur die globale Ebene. Die Gegenfigur zum Papst wäre der Pfarrer in der Gemeinde. Es kann aber auch eine Kirche sein. In Basel ist das Münster immer noch etwas ganz Wichtiges mit einer Magnetwirkung auf alle Besucher von Basel. Diese Bedeutung des Münsters steht in merkwürdigem Widerspruch zur Bedeutung, die sich das Münster selbst zuspricht. Und das ist bei vielen Kirchen ähnlich.

Wie würden Sie die gegenwärtige Nutzung von Social Media durch die Reformierten beurteilen?
Gar nicht mal so schlecht. Das Problem ist, dass Facebook und Twitter vom Persönlichen, einem oft etwas selbstironischen Ton und von einem gewissen «kommunikativen Risiko» leben. Das bieten die Präsenzen reformierter Kirchen, soweit ich es gesehen habe, nicht. Das führt zu einer relativ kleinen Zahl von Kommentaren und Weiterempfehlungen und davon leben die Sozialen Medien letztlich. Jede Medienpräsenz muss sich an ihrer Wirkung messen lassen. Vielleicht wirken die Sozialen Medien der Reformierten ja stärker, als es den Anschein hat. Allerdings sieht es mancherorts eher danach aus, dass eine eher zufällige Präsenz im Vordergrund steht und nicht eine planvolle Wirkung. Vielleicht liegt das Problem auch tiefer. Vielleicht gehen viele Gläubige in der Schweiz davon aus, dass es ernst zugehen muss, wenn jemand etwas ernst nimmt. Sie fühlen sich veräppelt, wenn der Ton etwas leichter ist oder der Dialog mit einem Lächeln geführt wird. Das Resultat sind dann gehässige Kommentare von Menschen, die sich nicht ernst genommen fühlen. Ich kann den Reformierten diesbezüglich nur Mut zum Risiko wünschen. Im Zweifelsfall Luther zur Hand nehmen. Der hat sprachlich aus dem Vollen geschöpft und verbal kein Risiko gescheut.

Sie sagen, die reformierten Kirchen unterschätzen ihre eigene Bedeutung. Sollten die Reformierten generell selbstbewusster kommunizieren?
Ich denke, das wäre nicht schlecht. Das widerspricht auch gar nicht der reformierten Kultur des Zweifels und des Logos. Im Gegenteil: Das argumentierende und diskutierende Wort macht die reformierte Kirche sehr modern. Sie sollte in diesem argumentativen Raum daher auch selbstbewusst auftreten.

Heute reagiert die Gesellschaft sehr schnell allergisch auf jegliche Ansprüche der Kirche …
Ja, das ist ein heikler Punkt und eine Gratwanderung. Anderseits: Die Kirchenbesetzungen in der Westschweiz und Basel zeigen doch, wie wichtig diese Räume sind. Unwichtige Räume werden nicht besetzt. Die gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen ist immer noch vorhanden.

Darf Kirche auch politisch auftreten?
Ich denke, sie muss sogar politisch auftreten, um glaubwürdig zu sein. Man kann Ethik nicht aufs Sterbebett und aufs Taufbecken reduzieren. Die Kirche muss politisch sein, sie darf aber nicht parteiisch sein. Im Alltag ist diese Grenze manchmal sicher nicht einfach zu ziehen.

Welche Chance bietet das anstehende Reformationsjubiläum, Kirche noch mehr in die Gesellschaft einzubringen?
Das ist eine sehr grosse Chance. Das Jubiläum bietet die Möglichkeit, die zentralen Themen der reformierten Kirche anzusprechen und einen historischen Bogen zu schlagen. Vielen ist gar nicht bewusst, wie stark gerade Zürich oder Basel von der Reformation geprägt sind. Dazu kommt: Geschichtsthemen sind heute generell gefragt. Es besteht eine Nachfrage nach Inhalten, die sich mit unserer Identität befassen. Und genau hier liegt die Chance der Kirche. Wenn sie diesen historischen Bogen schlagen kann, wird sie vielleicht auch wieder gesellschaftlich besser akzeptiert.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Heimito Nollé / ref.ch / 31. Mai 2016

Matthias Zehnder

Matthias Zehnder Zehnder studierte Philosophie und Germanistik in Zürich und promovierte in Basel. Er war von 2007 bis 2012 Chefredaktor der Coopzeitung und danach der bz Basel. Seit diesem Jahr arbeitet Zehnder selbständig als Publizist und Berater.