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Peter Wuffli: «Mehr Verantwortung für Privilegierte»

01.01.2016
Einst wurde er als Banker des Jahres gefeiert, heute setzt sich Peter Wuffli mit seiner Stiftung «elea Foundation for Ethics in ­Globa­lization» für die Armen in der Dritten Welt ein. Er will ihnen den Zugang zur Globa­li­sierung ebnen und ruft die Wirt­schaftsführer auf, mehr Ver­antwortung zu übernehmen.

Herr Wuffli, vor Kurzem protestierten Tausende in der Occupy-Bewegung gegen die Finanzwelt. ­Verstehen Sie die Kritik?
Peter Wuffli: In einer offenen Gesellschaft ist Kritik nötig und gut. Schade finde ich, dass die Bewegung bis jetzt kaum inhaltliche und konstruktive Lösungen präsentiert.

Viele fordern von der Finanzwelt mehr Ethik.
Das betrifft nicht nur die Finanz­welt. Die Schulden- und Finanzkrise, die wir seit gut vier Jahren durchleben, hat verschiedene Verantwortliche, zu denen sicher die Banken, aber auch Staaten, Pensionskassen und andere institutionelle Investoren, sowie überschuldete private Haushalte gehören. Es ist falsch und zu einfach, wenn man die Probleme nur bei der Finanzwelt ortet.

Auch für Sie hat Ethik Bedeutung: Nach Ihrem Rücktritt als CEO der UBS haben Sie ein Buch über «liberale Ethik» geschrieben. Warum?
Ethik beschäftigt mich seit meinem Studium. Ich wollte damals eine Dissertation über dieses Thema schrei­ben, fand aber, dass mir die praktische Erfahrung fehlte. Als ich nach meinem Rücktritt mehr Zeit hatte, faszinierte es mich, den theoretischen Aspekten meine praktischen Erfahrungen aus der Finanzwelt sowie aus Politik, Bildung und Kunst gegenüberzustellen.

Was ist der Kern Ihrer liberalen Ethik?
Wie schon der Name besagt, bringe ich Liberalismus, einen Begriff aus der Politikwissenschaft, mit Ethik, einer Paradedisziplin der Philosophie, zusammen. Gemäss meiner Überzeugung hat der Liberalismus die ethische Frage zu sehr verdrängt. Gleichzeitig fehlt vielen ethischen Ansätzen der Bezug zur Freiheit. In einem plakativen Satz: Liberalismus braucht mehr Ethik, und Ethik braucht mehr Freiheit.

Wieso?
Durch die Globalisierung haben die Freiheiten enorm zugenommen. Wir können Güter aus aller Welt konsumieren und in die verschiedensten Länder reisen. Wir können unterschiedlichste Religionen und Wert­systeme auswählen. Unternehmensführer können heute Strategien realisieren, die noch vor zwanzig Jahren undenkbar waren.

Sie sehen dies anders als die klassischen Liberalen?
Ja. Traditionell betonen die Liberalen den Schutz der Freiheit vor absolutistischen Herrschern und totalitären Systemen, die negative Freiheit also. Gemäss meiner Auffassung ist im Zeitalter der Globalisierung die Frage zentral, wie wir alle,­ Individuen aber auch Organisationen, mit den neuen Freiheiten umgehen. Die positive Freiheit steht für mich im Vordergrund. Dabei geht es vor allem auch um die ethischen Anforderungen an jene, welche über besonders aus­geprägte Freiheiten, Mittel und Fähigkeiten verfügen.
Statt für staatliche Einschränkungen einzutreten, rufen Sie die Privilegierten dazu auf, mehr ­Verantwortung zu übernehmen?
Als Liberaler glaube ich an individuelle Freiheit und Verantwortung. Wer privilegiert ist und mehr Freiheiten hat, soll auch mehr Verantwortung übernehmen. Das betrifft nicht nur Wirtschaftsleute, sondern auch andere Menschen mit Einfluss, seien es Politiker, Experten oder Journalisten.

Doch genau aus Wirtschaftskreisen­ hört man oft, dass der Konkurrenzdruck den Rahmen für ethische Entscheide schwierig macht.
Sicher gibt es heute gerade bei börsenkotierten Unternehmen neben den zusätzlichen Freiheiten auch mehr Sachzwänge als früher, etwa Konkurrenzdruck oder detaillierte Transparenzvorschriften. An der Notwendigkeit ethischer Reflexion ändert dies nichts. Jeder Chef trifft täglich Entscheidungen, die mehr oder weniger ethisch sein können, sei es bei strategischen oder organisatorischen Fragen, sei es im direkten Umgang mit den Mitarbeitenden.

Findet ethische Reflexion zu selten statt?
Es gibt viele ermutigende Anzeichen. In vielen Unternehmen ist der Umgang heute weniger autoritär als früher. Konsumenten achten bei den Produkten vermehrt auf ökologische Verträglichkeit und Beiträge zur Armutsbekämpfung. Manche Unternehmen richten ihre Strategien gezielt auf günstige Produkte für ärmere Menschen aus, beispielsweise die boomende Mobiltelefonie in Afrika.

Lohnt sich dies wirtschaftlich?
Ich bin davon überzeugt. Immer mehr Aktionäre orientieren sich an Kriterien des «Social responsible Investing». Junge Hochschulabsolventen wählen heute eher als vor dreis­sig Jahren einen Arbeitgeber, der gesellschaftlichen Nutzen schafft. Das sind Signale, welche Unternehmen motivieren, soziale Verantwortung zu einem Kernelement ihrer Strategie zu machen. Ethik fragt nach Gerechtigkeit.

Zwischen dem reichen Westen und der Dritten Welt besteht eine ­massive Ungerechtigkeit.
Konkretes Engagement kann in armen Ländern Chancen eröffnen und damit Gerechtigkeit fördern. Das war einer der Anstösse, warum meine Frau und ich vor knapp fünf Jahren die Stiftung «elea» gegründet haben. Wir haben in der Schweiz von der Globalisierung profitiert, während Hunderte von Millionen armer Menschen keinen Zugang zu solchen Chancen haben.

Wie arbeitet Ihre Stiftung?
Wir identifizieren und unterstützen Personen und Organisationen, welche in armutsbetroffenen Gebieten mit unternehmerischen Initiativen Lebensperspektiven und Verdienstmöglichkeiten verbessern. Zum Beispiel: Wir sind an einer kleinen innovativen Zürcher Firma beteiligt, die gemeinsam mit einem Partner in Südindien biologisch angebaute und «Fair-trade» zertifizierte Cashewnüsse in der Schweiz vertreibt. So steigern wir die Einkommensmöglichkeiten für 4000 arme Bauern in Indien und befriedigen in der Schweiz das Bedürfnis nach schmackhaften, qualitativ hochstehenden Cashewnüssen. Oder wir helfen einem Sozialunternehmer in Madagaskar bei der Elektrifizierung von Dörfern mit Windenergie, was Zukunftsperspektiven schafft und die Landflucht verringert.

Wie unterscheiden Sie sich von ähnlichen Institutionen, wie etwa Max Havelaar?
Wir sind keine Zertifizierungsorganisation, sondern ein aktiver Investor von philanthropischem Kapital. Wir tragen mit Geld und Know-how dazu bei, dass sich soziale Unternehmen entwickeln können. Ziel der von uns unterstützten Projekte ist die soziale Wirkung ohne Abhängigkeit von Spenden.

Heute steht auch die Entwicklungs­hilfe immer wieder in der Kritik.­ Was sind Ihre Erfahrungen als Entwicklungshelfer?
Ich finde den Begriff Entwicklungshelfer ethisch fragwürdig. Er geht von der Asymetrie eines Spenders und eines Hilfsbedürftigen aus. Wir arbeiten mit unseren lokalen Partnern auf Augenhöhe. Erfahrungen aus der klassischen Entwicklungshilfe können dabei genau so nützlich sein, wie Erkenntnisse aus der Wirtschaftswelt. Entscheidend ist die positive Wirkung vor Ort.

Worin besteht die Motivation, sich ethisch und sozial zu verhalten?
Gemäss meiner liberalen Ethik ist das Sache jedes Einzelnen. Viele vermögende Personen engagieren sich vielfältig, sei es als Unternehmer, Kunstmäzen oder Philanthrop. Für mich persönlich ist die konkrete Wirkung unserer Projekte sehr befriedigend. Ich hatte schon während meines Studiums eine Passion für Entwicklungsökonomie.

Das klingt gut, doch heute fehlt weitgehend das Vertrauen, dass sich die Verantwortlichen in der Wirtschaftswelt von sich aus ethisch verhalten. Wie kann man dies wiedergewinnen? Braucht es nicht staatliche Regelungen?
Ich glaube nicht, dass staatliche Lösungen durch Vorschriften und mehr Regulierungen grösseres Vertrauen schaffen. Es braucht überzeugende, glaubwürdige Einzelinitiativen sowie einen gesellschaftlichen Dialog, der die positiven Möglichkeiten in der Schweiz in den Vordergrund stellt. Wir dürfen uns nicht ständig auf das Negative und Des­truktive fokussieren.

Wie wichtig sind in der Wirtschaft­ calvinistische Tugenden wie Bescheidenheit und Demut?
Bescheidenheit ist nötig, aber es braucht auch Engagement. Wir Menschen machen Fehler. Diese Einsicht kommt nicht zuletzt aus dem Christentum. Unsere Nullfehlertoleranz ist nicht realistisch und führt zu enttäuschten Erwartungen sowie zu Doppelmoral und Heuchelei. Unsere Welt ist neben vielem Schönen sehr verletzlich. Misstrauen und Missgunst bringen uns nicht weiter. Nur wenn einzelne Menschen konkrete Lösungen für konkrete Probleme erarbeiten, verbessert sich etwas. Wir brauchen in der Schweiz eine Aufbruchstimmung, um unsere Chancen besser zu nutzen.



Peter Wuffli studierte Wirtschafts- und Sozial­wis­sen­schaften an der Universität St. Gallen.
2001 wurde er zum Konzern­chef der UBS ernannt.
2007 trat er aus dem Unternehmen zurück. 2006 ­gründete er mit seiner Frau die Stiftung «elea». Peter Wuffli ist Verwaltungsrat der Partner Group in Zug.

Interview: Tilmann Zuber

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