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Ein dem Wort verpflichteter Denker

01.01.2016
Zum Hinschied von Pfarrer Clemens Frey-Denzler. Mit dem Tod von Pfarrer Clemens Frey verliert die Titusgemeinde und das reformierte Basel einen profilierten Theologen, dem das Ringen um den genauen sprachlichen Ausdruck und die Inter-pretation des Gegenwartsge-schehens ein Anliegen waren.

Am vergangenen Donnerstag, 5. Januar, ist Pfr. Dr. theol. Clemens Frey-Denzler, seit 1998 Gemeindepfarrer an der Tituskirche in Basel, kurz nach seinem 55. Geburtstag im Amt verstorben. Er war verheiratet und Vater von drei Kindern. Clemens Frey hat in Basel, Neuchâtel und Edinburgh Theologie studiert. Nach dem Lehrvikariat in Kleinhüningen wirkte er bis 1997 als Pfarrer in Ardez und Ftan GR und promovierte daneben 1992 zum Doktor der Theologie. Seine Dissertation verglich Albert Schweitzers christliche Verantwortungsethik mit dem Denken des deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer.

Von Albert Schweitzer geprägt
Das Denken des liberalen Theologen Albert Schweitzer und dessen sozialer Einsatz im von ihm gegründeten Spital in Lambarene haben aber nicht nur Clemens Freys wissenschaftliches Werk, sondern auch sein Handeln geprägt. Und es gelang ihm, durch ständige Auseinandersetzung mit den drängenden Zeitfragen und deren durchdringenden theologischen Reflexion auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Eine seiner vielen, immer wieder neu beeindruckenden Gaben war das sichere Gespür für die Verschiebungen anthropologischer Selbstverständnisse, die sich in neuen Sprachbildern oder umgangssprachlichen Unbedachtheiten artikulieren. Ein Beispiel dafür ist die von ihm oft kritisierte Mutation der Wendung «um Entschuldigung bitten» zu «sich entschuldigen». Immer wieder stellte er richtig: Wer sich selbst entschuldigt, dem ist die Entschuldigung nichts wert eine Diagnose, die eine entscheidende Verschiebung des Umgangs mit der Schuldfrage in der Öffentlichkeit konstatiert.

Vielseitig begabt
Doch solch feinsinnige und zugleich theologisch hochaktuelle Wortmeldungen bisweilen auch auf der Leserbriefseite dieser Zeitung sind nur die Spitze dessen, was sich wie ein cantus firmus der Gelehrsamkeit durch sein Leben zog. Zu seinen vielfältigen Interessen zählten auch der «Genfer Psalter» und das Hugenottentum in Geschichte und Gegenwart. Trotz seinem konzisen Denkvermögen, das bisweilen auch streng wirken konnte, lebte er höchste und herzlichste Verbindlichkeit im Kontakt mit Menschen, sei es als Lehrer, Seelsorger oder Prediger in der Gemeinde, sei es als Kollege, Freund und Mitstreiter.

Engagierter Lehrer
Pfarrer Frey war ein respektierter Lehrer, der seine Präparanden und Konfirmanden gleichermassen forderte wie die Pfarramtsvikare in den praktischen Prüfungen, die er im Auftrag des Konkordats zur Ausbildung Evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer der Deutschschweiz bis vor einem Jahr abgenommen hat. Mit welch innerem Engagement Frey als Pfarrer wirkte, eröffnet sich einem bei einem Besuch des Unterrichtsraums, in dem er seine Konfirmanden unterrichtete: Ein liebevoll und gepflegt eingerichtetes Zimmer, das auf den ersten Blick sowohl hohe Intellektualität wie auch grosse Wärme und Lebensnähe ausstrahlt. Bilder, Bücher, Zeitungsseiten und Zeugnisse von Menschen unterschiedlichster Religions- und Milieuzugehörigkeit aus Geschichte und Gegenwart begleiten das Lehrgespräch als Kabinett der feinsten religiösen Bildung.
Clemens Frey trug die Last seiner schweren Krankheit dank der Kraft, die er aus dem Evangelium und vielleicht dem Diktum seines Vorbilds ­Albert Schweitzer schöpfte: «Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.» Die Kirchen und das ganze Gemeinwesen von Basel-Stadt haben einen hoch geschätzten Theologen und Gegenwartsinterpreten verloren.

Von Lukas Kundert


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