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«Alles Menschliche ist endlich, ausser der Sehnsucht.»

01.01.2016
Für den Dichter und Theologen Ernesto Cardenal bedeutet Befreiung, Revolution und Sterben Eingehen in Gott. Nach wie vor gibt sich der 86-Jährige kämpferisch und fordert eine Kirche der Armen.

Herr Cardenal, vor einem Vierteljahrhundert haben Sie einen Theologenstreit durch die Äusserung provoziert, Auferstehung sei kein individueller, sondern ein kollektiver Akt, identisch mit der Befreiung aller Menschen. Sie sind unterdessen über achtzig. Da denkt man auch über das Sterben und Auferstehen nach. Wohin gehen Sie nach dem Tode?
Zu Gott. Ich glaube, dass der Mensch in dem Moment, in dem er stirbt, aufersteht. Die Auferstehung Christi vollzog sich nicht erst am dritten Tag, sondern im Moment seines Sterbens. Und mit uns wird es ebenso sein.
Sie haben also keine Angst vor dem Sterben?
Ich bestreite nicht, dass ich Angst vor dem Tod habe, auch wenn ich ihn eigentlich nicht fürchten müsste. «Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn», wie Paulus schreibt. Sterben heisst Eingehen in Gott.
Wenn Sie das Rad der Zeit zurück drehen könnten auf den Punkt, da Sie 18 Jahre alt waren: Was würden Sie anders machen?
Ich würde mich Gott ganz ergeben. Das habe ich dann viel später getan, mit 31 Jahren. Vorher spürte ich zwar, dass Gott mich rief, aber ich getraute mich noch nicht, allem anderen abzusagen. Achtzehn Jahre das war das Alter meiner ersten Liebe! Damals liebte ich ein Mädchen wirklich abgöttisch.
Und später?
Später dann habe ich begriffen, was der Heilige Augustinus meinte: «Suche, was du suchst, aber nicht dort, wo du suchst!» In dem Sinne, dass man nach dem Glück der Liebe suchen soll, jedoch nicht bezogen auf ein Geschöpf, sondern auf Gott. Denn nur Gott kann wahrhaft glücklich machen. Auch habe ich begriffen, was Thomas von Aquin meinte. Alles Menschliche ist endlich, ausser der Sehnsucht. Sie ist unendlich, und allein Gott kann sie stillen.
Sie sind 1965 zum katholischen Priester geweiht worden. ­Zwanzig Jahre später wurden Ihnen Ihre Priesterrechte aberkannt. Wie geht es Ihnen heute damit?
Mich beeinträchtigt dieses Verbot nicht, denn ich bin nicht Priester geworden, um Sakramente zu spenden oder irgendeine pastorale Tätigkeit auszuüben, sondern um ein kontemplatives Leben zu führen.
Johannes Paul II hat die Befreiungstheologie systematisch geschwächt und sie am Ende totgesagt. Hat er damit Recht behalten?
Der letzte Papst sagte einmal, die Theologie der Befreiung sei keine Gefahr mehr, da der Kommunismus tot sei. Darauf hat der brasilianische Bischof Pedro Casaldáliga eine Antwort gegeben, der ich vollauf zustimme: «Solange es Arme gibt, gibt es auch Befreiungstheologie.»
Was für eine Bedeutung hat diese Theologie heute?
Theologie der Befreiung bedeutet Theologie der Revolution. Diesen Namen hätte man ihr von Anfang an geben sollen. Aber man tat es nicht, denn als sie in Lateinamerika das Licht der Welt erblickte, da hatten die Bischöfe Angst, das Wort «Revolution» zu gebrauchen. Stattdessen wird fast euphemistisch von «Befreiung» gesprochen. Viele Fragen, wie die von ihnen jetzt gerade zum Beispiel, würden sich schlichtweg erübrigen, wenn von «Revolution» gesprochen würde. Denn jeder, ob dafür oder dagegen, weiss genau, was das bedeutet: raschen sozialen Wandel.
Wie steht es um den nicaraguanischen Traum, mit Ihrem Traum?
Ja, «Traum», das ist das richtige Wort! Als die Revolution siegte, da glaubten viele von uns zu träumen und fürchteten uns vor dem Erwachen. An dem Tag, als wir die Revolution durch Verlust der Wahlen verloren ein Effekt US-amerikanischer Einmischung , da war das ein Albtraum für uns, aus dem wir gern erwacht wären.
Also alles vergeblich?
Nein, einige ­Errungenschaften der Revolution sind erhalten geblieben. Die allerwichtigste: Demokratie. Die Revolution hat Nicaragua von einer fünfzig Jahre währenden Diktatur befreit. Und jetzt haben wir zwar keine Revolution, aber wir haben Demokratie. Es ist eine neoliberale Demokratie, durchsetzt von Korruption, aber es ist eine Demokratie. Auch im kulturellen Bereich sind viele Errungenschaften der Revolution erhalten geblieben.
Mit Ihren Lesungen treten Sie auch immer wieder in der Schweiz auf. Warum?
Die Schweiz ist ein reiches Land, und so viel ich weiss herrscht bei Ihnen ein hohes Mass an sozialer Gerechtigkeit. Aber ich möchte die Schweizerinnen und Schweizer doch an den Satz erinnern, den Paulus schrieb, als er für die verarmte Gemeinde in Jerusalem sammelte: «Es geht um einen Ausgleich.» Solidarisieren Sie sich mit den Armen der Dritten Welt. Das tun bereits viele Menschen in der Schweiz, insbesondere auch Nicaragua betreffend. Ausserdem möchte ich Sie bitten, nicht nur für die Armen zu spenden, sondern sich auch politisch dafür einzusetzen, dass international tätige Schweizer Firmen aufhören, in der Dritten Welt Arme zu produzieren.
Können die Kirchen da etwas ausrichten?
Ich bin überzeugt: Wenn alle Kirchen, welchen Namens und welchen Bekenntnisses auch immer, sich zusammentäten, um die Armut in der Welt zu bekämpfen, dann wäre sie in kurzer Zeit überwunden. Tun sie es nicht, machen sie sich schuldig.
Wie beurteilen Sie in dieser Hinsicht die Protestanten hier und in Lateinamerika?
Ich glaube unter ihnen gibt es, eben­so wie unter Katholiken, solche, die für die Armen einstehen und solche, die den Interessen der Reichen dienen. Diejenigen, die für die Ausgebeuteten einstehen und jene, die zu den Ausbeutern halten. Diejenigen auf Seiten der Unterdrückten und jene, die die Unterdrücker unterstützen. Das ist so in Lateinamerika, in den Vereinigten Staaten, in Europa ja selbst in Rom! Überall gibt es diese zwei Kirchen. Aber nur eine ist die Kirche Jesu Christi: die Kirche der Armen.



Ernesto Cardenal
Der Poet, Priester und Politiker Ernesto Cardenal gehört zu den weltweit bekanntesten Dichtern Lateinamerikas. Durch seine Texte und sein politisches Engagement wurde er zu einer ebenso umstrittenen wie geliebten Symbolfigur für Christentum und die Theologie der Befreiung. Der aus einer wohlhabenden Familie stammende Nicaraguaner studierte Literatur und Theologie. 1965 wurde er zum Priester geweiht. Später entzog ihm der Vatikan die Priesterweihe.

Auftritt in Olten
Im Zusammenhang mit der Sammelkampagne von «Brot für alle» gibt Ernesto Cardenal eine Lesung: «Den Himmel berühren». Er liest Gedichte über Liebe,
 Revolution, Gott und die Welt.

Musik aus Lateinamerika
mit der Grupo Sal. 
Olten, Kulturzentrum Schützi,
Donnerstag, 8. März, 20 Uhr, Veranstalter: MenschOlten

Interview Martin Breitenfeld


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