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Max und die schwierige Suche nach dem eigenen Weg

01.01.2016
Was soll ich bloss werden? Vor dieser Entscheidung steht im Moment der 20-jährige Max Scheitlin. Wenn auf die berechenbare Kindheit das komplizierte Erwachsenenalter mit all seinen Fragen und Problemen folgt, ist das eine schwierige Phase erst recht wenn man behindert ist.

«Ich komme einfach von dem Gedanken nicht los, dass meine Lebens­aufgabe in der Kirche ist. Ich gebe nicht auf und hoffe, dass sich mein Wunsch bis Weihnachten erfüllt. Wer kann mir helfen?» Diese flehentliche Bitte erschien in der Dezember-Ausgabe des Luzerner Kirchenboten. Ihr Autor: Max Scheitlin, 20 Jahre, von Geburt an zerebral gelähmt ein Spastiker, wie es in der Umgangssprache heisst.
Um den Verfasser der Zeilen kennenzulernen und mehr über seinen Berufswunsch zu erfahren, machen sich Journalistin und Fotograf an einem Februarmorgen auf nach Kriens bei Luzern. In der väterlichen Wohnung treffen wir nicht, wie erwartet, nur auf Max, sondern auf ein Generationen-Trio: Max, sein Vater Andi Scheitlin und Grossvater Heinz Rieben.
Max ist gekleidet wie andere Jugendliche seines Alters: bequeme dunkelblaue Hose, blauer Pullover, Sportschuhe. Die Behinderung merkt man dem 20-Jährigen vor allem bei seinen Bewegungen an: Max läuft etwas schleppend. Es wirkt, als müsse er sich bei allem was er tut, stark konzentrieren und anstrengen. Schnell wird klar, dass Max heute nicht zum Reden aufgelegt ist. Medikamente gegen eine Depression machen ihn müde und seine Zunge schwer. Leise und undeutlich kommen seine Antworten. Vater und Grossvater müssen über weite Strecken das Sprechen für ihn übernehmen.

«Schon Martin Luther hatte gesagt Dies ist mein Weg, ich kann nicht anders. Und Luthers denkwürdiger Satz bewegt mich und trifft auch auf meinen Weihnachtswunsch zu.»*

Nach einer behüteten Kleinkindzeit mit Regelkindergarten besucht Max die Montessorischule und eine Spezialschule für Körperbehinderte in Luzern. Die Eltern nehmen ihn mit auf Reisen. «Max hat so viel geschafft», erzählt der Grossvater. «Zuerst meinten die Ärzte, Max könne nicht laufen lernen, dann hiess es, er würde niemals sprechen und alle hat er eines Besseren belehrt.»
Max grösstes Hobby ist heute das Lesen, gerade theologische Bücher haben es ihm angetan, die er sich in der Buchhandlung auswählt oder bestellt. «Mit meinen Freunden und meinen lieben Begleiterinnen von der Pro Infirmis gehe ich aber auch gern ins Kino oder zu Konzerten», ergänzt er. Eine weitere Leidenschaft ist das Malen und Gestalten: «Am Computer habe ich viele Hüllen für CDs und Kassetten entworfen.» Als Ventil für seine Kreativität dient Max auch das Schreiben: «Früher habe ich Geschichten für Kinder erfunden und geschrieben.» Heute reflektiert er in seinen Texten das Leben als Behinderter.

«Allerdings finde ich, dass wir immer noch weit entfernt sind von einer Gesellschaft, in der Behinderte die gleichen Chancen haben wie Nichtbehinderte...»

Nach der Schule absolviert Max ein Berufsfindungsjahr. Es soll behinderte Jugendliche fördern, dass sie eine Ausbildung oder Arbeit finden, die ihren persönlichen Voraussetzungen entspricht. «Allerdings sind die anschliessenden Arbeitsmöglichkeiten sehr eingeschränkt», berichtet Andi Scheitlin. Wahlmöglichkeiten gebe es kaum. Für Max kam nur eine kaufmännische Grundausbildung zum «Büroassistenten» in Frage. «Das war nicht das, was ich eigentlich wollte», erklärt Max. «Mein Traum ist es, in einer Kirchengemeinschaft mitzuarbeiten und Predigten mitzugestalten.»

«Die jetzige Ausbildung als Büroassistent gefällt mir gar nicht. Jetzt muss etwas geschehen, ich brauche Perspektiven und Sinn in meinem Leben!»

Für den kreativen Jugendlichen, der gern Begegnungs- und Kulturprojekte anreisst und umsetzt, war die Ausbildung wie ein zu enges Korsett. Er startet trotzdem und wird krank: «Es hat mir überhaupt nicht zugesagt und mich unglücklich gemacht», erzählt Max, der die Lehre inzwischen abgebrochen hat. Wenn nichtbehinderten Jugendlichen so etwas passiert, fangen sie im Idealfall einen anderen Beruf an, bekommen wenn es gut läuft, eine zweite oder dritte Chance. Für Körperbehinderte ist diese Wahlmöglichkeit praktisch nicht vorhanden.

«Ist es nicht unlogisch, dass einerseits das Bildungssystem immer weiter ausgebaut wird und sich anderseits für manche Behinderte, die eigentlich normal intelligent sind, nichts verändert hat? Dass eine Beschäftigung oder Anlehre für einen Behinderten lebenslänglich genügen?»

«Es ist schwer, Arbeitgeber zu finden, die Rücksicht auf die Leistungsschwankungen von Behinderten nehmen und entsprechende Arbeitsplätze anbieten», erklärt Andi Scheitlin. So erbringe ein Körperbehinderter vielleicht zwei Stunden am Stück eine gute Leistung. Danach müsse er sich aber für eine Stunde ausruhen.
Für Max Vater, ein erfolgreicher Architekt mit grossem Büro in Luzern, ist es ein Anliegen, Max bestmöglichst zu fördern. «Viele Menschen wollen etwas für ihn tun», erzählt der Vater. So kann er im Kirchenboten seine Kolumnen auf der Seite der Kantonalkirche veröffentlichen. Die Kirchen unterstützen sein Begegnungsprojekt von behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen. Seelsorger bieten ihm kleine Bürojobs an oder bitten ihn, Material für eine spezielle Predigt zusammenstellen. «Doch Max ist im Moment nicht einmal in der Lage, das zu tun, was ihm eigentlich liegt», berichtet der Vater.

«Viele Jahre hatte ich bis jetzt Geduld aufgebracht, in der Schule, mit meinem Vater, meinen Grosseltern diskutiert und nach Lösungen gesucht, bis ich in einer schweren Depression gelandet bin.»

«Ich fühle mich in der Krise», sagt Max. Wenn er nicht gerade mit sich hadert, fällt ihm der Umgang mit Nichtbehinderten meist leicht. «Die, die mich kennen sind alle sehr nett zu mir», findet Max. «Andere gehen meistens etwas auf Distanz. Vor allem, weil ich leise und manchmal etwas undeutlich spreche, halten die meisten mich für nicht ganz gebacken. Das stört mich aber nicht.»
Vieles ist zur Zeit im Umbruch. So sollte Max in seinem Alter langsam selbständig werden und mit Unterstützung allein leben. Doch vor diesem Schritt fürchtet sich Max, der Veränderungen nicht mag. «Ein grosser Einschnitt für ihn war der Tod seiner Mutter vor fünf Jahren», erzählt der Grossvater. Für Max, der keine Geschwister hat, fehlte plötzlich eine wichtige Bezugsperson. So lebt Max zur Zeit teils beim Vater, teils bei den Grosseltern. «Langsam musst du selbständiger werden. Wir leben doch nicht ewig, Max», sagt der Grossvater fast entschuldigend.

«Ich persönlich denke, dass die Sozialversicherungen weniger belastet wären, wenn Behinderte die gleichen Chancen hätten wie Nichtbehinderte. Und dass wir eine Chance erhielten, uns im Beruf bewähren und entwickeln zu können.»

«Vielleicht gibt es zu viele Konzepte», räumt Heinz Rieben am Schluss des Gesprächs ein, «und wir müssten Max vielleicht mehr in eine Richtung lotsen.» Doch sei das einfacher gesagt als getan, wenn man doch das Beste für einen Menschen wolle. «Und so warten wir im Moment», fasst Max Vater die Situation zusammen, «auf den berühmten Silberstreif am Horizont.»

*Die fett gedruckten Passagen stammen aus Texten von Max Scheitlin.

Annette Meyer zu Bargholz

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