Logo

Plädoyer für das Anderssein

01.01.2016
In seinem Dokumentarfilm «Ursula Leben in Anderswo» trifft Regisseur Rolf Lyssy ­nach 46 Jahren nochmals die taubblinde Ursula. Das berührende Portrait zeigt die Schicksals­gemeinschaft zweier Frauen und wie Zuneigung und Liebe Leben ermöglicht.

Herr Lyssy, Ihr erster Film hiess «Ursula oder das unwerte Leben» Gibt es unwertes Leben?
Sicher nicht! Es gibt kein unwertes Leben. Jeder Mensch hat das Recht zu leben. Damals, in den sechziger Jahre, war es nicht so lange her, dass man in Deutschland Behinderte als unwertes Leben ermordete. Die Dia-gnose Idiotie bedeutete im Dritten Reich ein Todesurteil. Das klang damals noch nach. Es stand die Frage im Raum, haben Menschen, die vollkommen auf die Hilfe anderer angewiesen sind, einen Anspruch auf Leben. Deshalb trägt der Film diesen provokativen Titel.
Was hat Sie bewogen, die Geschichte über Ursula, die Sie vor beinahe 50 Jahren verfilmt haben, nochmals aufzugreifen?
Im April 2009 rief mich Ursulas Pflegemutter Anita Utzinger an und fragte mich, ob ich ihr eine DVD von «Ursula oder ein unwertes Leben» schicken könnte. Anita Utzinger erzählte, dass es Ursula gut gehe und sie seit acht Jahren in der «Tanne», einem Heim für Taubblinde, lebe.
In den sechziger Jahren rechnete niemand damit, dass Ursula jemals so alt werden würde.
Ja, man prognostizierte ihr kein langes Leben. Sie war taubblind. Die Ärzte bezeichneten sie als idiotisch und bildungsunfähig. Jahrelang lag sie angebunden in ihrem Bett. Sie konnte weder sitzen, stehen, noch laufen. Ihr stand eine hoffnungslose Heimkarriere bevor. Die Tatsache, dass Ursula heute noch lebt, ist vor allem auf das Zusammentreffen der achtjährigen Ursula mit ihrer Pflegemutter zurückzuführen. Das war eine glückliche Fügung des Schicksals. Ohne die liebevolle Betreuung der Pflegemutter wäre Ursula gestorben.
Wie war es, als Sie Ursula nach langer Zeit wieder begegneten?
Es war schon erstaunlich. Ursula ist heute eine 60-jährige Frau. Im Grunde ist sie wie damals, einfach etwas älter. Wenn man ihr als Fremder begegnet, verunsichert sie einen. Man kann sich ihr nicht vorstellen, denn sie hört und sieht ja nichts. Für mich ist es deshalb nicht nachvollziehbar, was in ihr vorgeht. Damals wie heute ist sie für mich ein grosses Rätsel, das auch ein Geheimnis einschliesst, etwas Traumwandlerisches, dem nur menschliche Zuwendung folgen kann.
Was hat Anita Utzinger die Kraft gegeben, das schwer behinderte Mädchen zu sich zu nehmen und für sie zu sorgen?
Anita Utzinger hat es einfach gemacht. Sie selbst hatte zuvor einen schweren Schicksalsschlag erlebt. Ihr Verlobter war tödlich verunglückt. Ursula gab ihr wieder einen Lebensinhalt und eine Aufgabe und Anita Utzinger hat so ihr Leben in den Dienst eines Menschen gestellt. Der Film handelt von der nicht alltäglichen Beziehung zwischen Ursula und ihrer Pflegemutter, die Unmögliches möglich machte. Im Grunde genommen erzählt der Dokumentarfilm eine Liebesgeschichte.
Hat sich durch den Film Ihre Einstellung verändert?
Ich denke schon. Wir erleben, wie diese Menschen mit ihren Behinderungen umgehen und versuchen, diese zu bewältigen. Das ist eindrücklich. Die Konfrontation mit Behinderten zeigt uns manchmal auch unsere eigenen Defizite auf.
Ihr Film, der zwischen gestern und heute pendelt, ist auch ein Dokument über den Umgang mit Behinderten in der Gesellschaft.
Ja, in den fünfiger Jahren gab es in der Schweiz keine IV für Kinder, die als bildungsunfähig galten. Der Erfolg des Films hat dazu beigetragen, dass später kein Kind mehr so bezeichnet wurde.
Behinderte Menschen wie Ursula verschwinden immer mehr aus unserem Alltag. Doch täte nicht gerade deren eigenes Tempo unserer Gesellschaft gut?
Der Film ist ein Beitrag zur Entschleunigung unserer Gesellschaft. Die heutige Geschwindigkeit, mit der wir leben, bringt nicht nur Vorteile. Die Flut der schnellen Information und der Drang, dass alles jetzt und sofort sein muss, setzten uns permanent unter Druck. Das ist problematisch. Es gibt viele, die damit grosse Mühe haben. Die starke Zunahme der Depressionen ist sicher teilweise auf diese Entwicklung zurückzuführen. Viele können der enormen Geschwindigkeit nicht mehr folgen. Der Körper hat sein eigenes Tempo und seinen eigenen Rhythmus. Beim Filmen waren wir gezwungen, uns dem Tempo von Ursula und Anita Utzinger, die inzwischen 82 Jahre alt ist, anzupassen. Es ist uns gar nichts anderes übriggeblieben. Wenn man sich beim Betrachten des Films darauf einlässt, merkt man, dass entschleunigung wohltuend sein kann.


Der Film läuft derzeit in Basel, Luzern und Zürich.

Interview Tilmann Zuber

Verwandte Artikel:
22.02.2012: Geschichte der Ausgrenzung
22.02.2012: Max und die schwierige Suche nach dem eigenen Weg
22.02.2012: Auftrag der Religionen

Rolf Lyssy


ÄHNLICHE ARTIKEL