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Vom Lohn im Himmelreich

01.01.2016
Was der Mensch braucht: Werner de Schepper

Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsherrn, der am frühen Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Nachdem er sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag geeinigt hatte, schickte er sie in seinen Weinberg. Als er um die elfte Stunde ausging, fand er andere dastehen. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in den Weinberg! Es wurde Abend und der Herr sagte zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten bis zu den Ersten. Als die von der elften Stunde kamen, erhielten sie jeder einen Denar. Und als die Ersten kamen, meinten sie, dass sie mehr erhalten würden; auch sie erhielten jeder einen Denar. Sie beschwerten sich beim Gutsherrn: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt, die wir die Last des Tages und die Hitze ertragen haben. Er aber entgegnete: Freund, ich tue dir nicht unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf einen Denar geeinigt? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten gleich viel geben wie dir. Oder ist es mir etwa nicht erlaubt, mit dem, was mein ist, zu tun, was ich will? Machst du ein böses Gesicht, weil ich gütig bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte. Matthäus 20,116

«Ein Weinbergbesitzer stellt Arbeiter ein. Nachdem er den üblichen Lohn mit ihnen vereinbart hat, schickt er sie in seinen Weinberg. Viele Arbeiter will er einstellen. Deshalb sucht er den ganzen Tag: morgens um 6 Uhr, um 9 Uhr, zur Mittagszeit und um 15 Uhr. Sogar noch um 5 Uhr nachmittags wirbt er bei Arbeitslosen, sie möchten noch für eine Stunde arbeiten kommen. So weit hören wir der
Geschichte von den Arbeitern im Weinberg des Herrn gerne zu, die Jesus vor 2000 Jahren seinen Jüngern erzählte.
Aber jetzt wirds ärgerlich: Bei der Entlöhnung kommen zuerst die Kurzarbeiter dran. Für eine einzige Arbeitsstunde bekommen sie den vollen Tageslohn. Die Vollzeitbeschäf­tigten kommen zuletzt dran. Sie sind masslos enttäuscht: Ihr Lohn ist genauso hoch! Sie beginnen zu murren.
Haben die Murrenden nicht recht, wenn sie die Lohnpolitik dieses Arbeitgebers als ungerecht empfinden? Wer viel arbeitet, muss doch mehr verdienen, als wer wenig arbeitet? Mein Freund, sagt dann der gütige Arbeitgeber zum Sprecher der Murrenden, ich tue dir nicht unrecht. Der Weinberg-Besitzer hat recht. Er ­nimmt den Vollzeitbeschäftigten ja nichts weg. Ist dein Auge böse, weil ich gut bin? Bei dieser Frage des Arbeitgebers fühlen wir uns endgültig ertappt: Der Aufstand der Murrenden ist nichts anderes als der Neid auf die Beschenkten.
Dies ist die schwierige, aber befreiende Botschaft des gütigen Herrn im Weinberg. Er sortiert nicht nach der Leistung. Er gibt jedem eine Chance. Er möchte allen Arbeit geben, von der man leben kann. Wir alle sind murrende Arbeiter im Weinberg. Wir streben unentwegt nach Leistung und Lohn. Aber wir wissen auch: Dass wir geliebt werden, dass wir Treue erfahren, dass wir Menschen haben, die uns verstehen das alles lässt sich nicht verrechnen. Es wird uns geschenkt.
Ob der Schweizer Arbeitsherr Marcel Ospel die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg des Herrn kennt, weiss ich nicht. Das Evangelium des Marcel Ospel kennen wir. Die Geschichte der Arbeiter im Weinberg hört sich so an: Nach getaner Arbeit sah der Hausherr, dass der Weinberg Früchte trug wie noch nie. Er zahlte seinen Angestellten den vereinbarten Lohn aus. Sich selbst zahlte er über 200-mal mehr als den Durchschnittslohn. Den vielen Menschen aber, die verständnislos murrten, sagte er nur: Bürgerliche Politiker, welche so die Spaltung der Gesellschaft heraufbeschwören, handeln populistisch und unverantwortlich. Hohe Löhne sind ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft eines Landes floriert. So endet das Evangelium nach Marcel Ospel. Verkündet hat er es letzten Sonntag. Das ganze Volk hat es gehört. Aber Glauben schenkt ihm keiner. Amen.»


Serie: Texte aus dem Buch «Was der Mensch braucht, Schweizer Persönlichkeiten über einen religiösen Text in ihrem Leben», Achim Kuhn (Hg), TVZ


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