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Roma: Verlierer der Wende

01.01.2016
Seit der Wende gibt es nicht nur Gewinner: Vor allem Roma gehören zu den Verlierern der neuen Wirtschaft. Der HEKS-Osteuropa-Tag zeigte, wie schwierig und verfahren die Situation ist. Aufkommender Rassismus und Diskriminierung heizen die Situation zusätzlich an.

Der sprunghafte Anstieg der Asylgesuche, welche Roma in diesem Winter in der Schweiz gestellt haben, zeigt, wie schlecht es vielen Familien in Osteuropa geht. Während im Herbst 100 Personen aus Serbien einen Antrag an den Empfangsstellen stellten, nahmen diese Zahlen im November auf 280 und im Dezember auf 370 Gesuche zu. An Weihnachten gingen Bilder durch die Medien, die zeigten, wie Asylbewerber draussen übernachten mussten.
Der Grossteil dieser Serben sind Roma, die so in der Schweiz ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit suchen. Die meisten erhalten einen negativen Asylentscheid. Trotzdem werden sie wieder kommen. Das Elend in ihrer Heimat ist zu gross. Andere gehen den Weg über die Prostitution: Frauen aus Ungarn, Albanien oder Serbien verkaufen ihren Körper auf den Strassenstrichs von Zürich, Olten und anderen Städten.
Die schwierige Situation der Roma stand auch im Mittelpunkt des Osteuropa-Tages, den das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz HEKS veranstaltete. HEKS ist mit etlichen Projekten in Ost- und Südosteuropa präsent.
In Ungarn leben rund 750 000 Roma. «Sie seien die grössten Verlierer der Wende von 1989», erklärte Zoltan Balog, Staatsminister für soziale Inklusion. «Im Kommunismus ging es den meisten von ihnen besser.»
Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschaft wurden viele Grossbetriebe geschlossen. Entsprechend hoch ist die Arbeitslosigkeit, vor allem unter den Roma. Je nach Region beträgt sie zwischen 50 bis 90 Prozent. 60 Prozent der Familien, die in extremer Armut leben, gehören der Minderheit der Roma an. Viele leben in kümmerlichen Hütten aus Holzbrettern und Wellblechdächern in ihren abgetrennten Siedlungen. «Entsprechend schlecht sind die Gesundheitsversorgung und die Bildung», meint Balog, der als ehemaliger Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Budapest die Not kennt. Roma sterben zehn Jahre früher als die anderen Ungarn. 70 Prozent ihrer Kinder verlassen die Schule ohne Abschluss. Und lediglich 15 Prozent der Roma verfügen über ein Abitur, wo ansonsten 80 Prozent der Ungaren ein Gymnasium besucht haben.
Niemand investiert
das vorhandene Geld aus der EU
Hoffnung auf Verbesserung der wirtschaftlichen Lage gibt es kaum. Geld sei nicht das Problem, erklärte Zoltan Bolag. Die EU stellt den Staaten Milliarden für die Verbesserung der Infrastruktur und die Integration der Roma zur Verfügung. Doch mit wenig Erfolg. In den letzten zwanzig Jahren haben sich Staat und Wirtschaft aus diesen Gebieten zurückgezogen. Niemand wagt, hier Geld zu investieren. Ohne Aussicht auf Arbeit und Einkommen lebt die Bevölkerung in den Ghettos. Die Integration der Roma sei deshalb eine der grössten Herausforderungen in Osteuropa, meint Zoltan Bolag. Bis anhin haben die staatlichen Massnahmen weitgehend ihr Ziel verfehlt, räumt der Politiker ein.
Roma werden zum Sündenbock
Die schlechte Wirtschaftslage, die in Ungarn 1,2 Millionen Menschen in die Armut treibt, bietet zudem den Boden für Nationalismus. Diskriminierung und Rassismus gehören zur Tagesordnung. An Ostern 2011 terrorisierten Rechtsextreme wochenlang die Roma im kleinen Dorf Gyöngyöspata. 260 Romakinder und -frauen mussten in Sicherheit gebracht werden.
Stéphane Laederich, Direktor der Roma-Foundation wies darauf hin, dass die meisten eine falsche Vorstellung von den Roma hätten. Die überwiegende Mehrheit sei integriert und falle nicht auf. Roma, Zigeuner oder Sinti lebten «in der Gesellschaft unsichtbar» in unzähligen Gruppierungen, die kaum von der Statistik erfasst werden.
Seit sich in den letzten Jahren die ökonomische Situation in Osteuropa verschärft, stempelt die Politik die Roma zu Sündenböcken. Die Roma würden gegen andere Bevölkerungsgruppen ausgespielt und so die Integration verunmöglicht. Für Laederich ist es deshalb bei der Unterstützung entscheidend, den Roma keinen Sonderstatus zu erteilen. «Die ökonomische Unterstützung betrifft alle.» Man sollte in ganze Dörfer und nicht nur in die Siedlungen der Roma investieren. Denn ansonsten entstehen Ghettos und Neid und Rassismus.

Tilmann Zuber


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