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«Habe Gott gefragt»

01.01.2016
«Ein Asylzentrum? Nicht bei uns!», tönt es, wenn eine Unterkunft gesucht wird. Im Schaffhauser Dorf Buch klappt das Leben nebeneinander.

Wenn man von Randegg nach Buch hinunter fährt, sieht es aus, als ob sich das kleine Dorf in eine Senke ducke. Gertrud Weber, seit elf Jahren reformierte Ortspfarrerin, erzählt, was sie an Buch mit seinen 300 Einwohnern liebt: Die Menschen, die wenig Aufheben um sich selbst machen, die Traditionen wie der gemeinsame Zug zum Friedhof nach dem Trauergottesdienst. Und sie spricht von dem, was sie traurig stimmt: «Es gibt keinen Laden mehr im Dorf und auch keine Post.» Schule und Kindergarten seien vor einiger Zeit geschlossen worden. Im Pfarrhaus unterrichte sie zwei Konfirmandinnen. Viele Neuzugezogene interessierten sich wenig für das Dorf.
Wie die meisten Bucherinnen und Bucher macht auch die zierliche Pfarrerin wenig Aufhebens um das Durchgangszentrum für Asylsuchende. Die «Friedeck» thront seit Generationen stattlich über dem Dorf. Bis vor 28 Jahren beherbergte sie schwer erziehbare Jugendliche, dann zogen Asylbewerber ein. Heute sind es fast Hundert aus 28 Nationen. Sie bleiben kurz, und machen einen Viertel der Bevölkerung aus. Hin und wieder klopft jemand an die Pfarrhaustür. Die Pfarrerin versucht dann zu helfen, führt ein Gespräch, begleitet. Von sich aus ins Zentrum gehe sie nicht mehr, das überlaste vollends ihre 50 Stellenprozente.
Die Not der Asylsuchenden sei häufig gross. Etwa Roma aus dem Kosovo kämen, weil sie dort unter menschenunwürdigen Bedingungen und ohne Perspektive lebten. Wer allein komme, sei einsam. Bei Männern aus Nordafrika wüssten die Familien zuhause oft nichts vom Asylstatus.
Viele seien verschuldet wegen der Summen, die sie Schleppern ablieferten. «Sie leiden auch unter dem Kulturschock», sagt die Pfarrerin. Bescheidener Besitz hier erscheine als grosser Reichtum. Im Sommer empfänden Muslime die leichte Bekleidung als schamlos. «So einfach und schnell funktioniert Anpassung nicht», meint Gertrud Weber, die selbst oft reist, hauptsächlich für ein Hilfswerk nach Afghanistan. Ihr Rezept lautet «Ich versuche, mich in die Asylsuchenden hinein zu versetzen.» So wie es im indianischen Sprichwort heisst, man müsse eine Meile in den Schuhen des anderen gegangen sein, um ihn zu verstehen.
Im letzten Herbst wurde die Toleranz der Bucher von einem alkoholisierten Asylbewerber, der in ein Haus einbrach und eine Frau sexuell belästigte, strapaziert. War die Wut danach nicht riesig? «Es war Dorfgespräch», sagt Gertrud Weber. Der Tenor habe gelautet: «Man darf diesen Leuten einfach nicht zu fest entgegenkommen, sie missverstehen das.» Es habe aber auch Zeiten gegeben, da sei der Kontakt stärker gepflegt worden: zu bosnischen Frauen während des Jugoslawienkrieges etwa.

«Buch macht es gut»
Das Dorf Buch, findet die Pfarrerin, «macht es ziemlich gut». Man habe sich arrangiert mit den wechselnden Fremden, die manchmal in der Kirche beten, dort aber auch schon mit Drogen dealten. Dann rufe man die Polizei. «Die Bucher stellen ihr Velo im Keller ab statt vor der Haustür und drücken ein Auge zu, wenn Obst von den Bäumen verschwindet», sagt Gertrud Weber. Trotzdem kam ihr das Velo am Anfang auch einmal abhanden. Der Dieb pedalte damit zum Einkaufen nach Ramsen und sagte später: «Habe Gott gefragt, Gott hat Ja gesagt.»
Die Toleranz wird im Heim mit Dankbarkeit registriert. So hat sich ein Betreuer im letzten Sommer ausdrücklich aus diesem Grund unentgeltlich als Bademeister für die wieder eröffnete Badi zur Verfügung gestellt, assistiert hat ihm ein iranischer Asylbewerber.

Barbara Helg


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