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In stetigem Umbruch

01.01.2016
Der Religionsunterricht hat sich an den Baselbieter Schulen etabliert. Wie aber sieht seine Zukunft aus, wenn die finanziellen Mittel der Kirche schwinden und die Schulharmonisierung kommt?

Wenn Pfarrer Matthias Plattner die Gitarre hervorholt, freuen sich die Kinder. Die Religionsstunde ist für die Primarschülerinnen und schüler nicht nur eine Erholung vom Leistungsdruck im Regelunterricht, sie finden ihn auch spannend. Sie lieben die Lieder und die biblischen Geschichten, sind offen für existenzielle Fragen und spirituelle Themen.
Der ehemalige Primarlehrer ist ein passionierter Religionslehrer mit rund 30 Jahren Unterrichtserfahrung, die Kleinen sind dankbare Zuhörer. Ein Glücksfall, denn nicht überall funktioniert der kirchliche Religionsunterricht an der Volksschule so gut. In den Kantonen Zürich und in Bern hat sich die Kirche freiwillig aus der Schule zurückgezogen. Solothurner Katechetinnen befürchten, dass der Religionsunterricht mit der Einführung des neuen Lehrplans im Zuge der Schulharmonisierung im Jahr 2015 unter Druck gerät. In Baselland scheint der Religionsunterricht nicht gefährdet. Er ist in der Kirchenordnung der reformierten Kirche und im Bildungsgesetz des Kantons verankert.

Ungeliebt und abgeschoben
Wie sieht es aber in der Praxis aus? In einer kantonalkirchlichen Untersuchung klagten vor 15 Jahren viele Pfarrpersonen über fehlende Integration an den Schulen und mangelnde Disziplin in den Stunden. Der Religionsunterricht wurde oft in ungeeignete Räume abgeschoben und in Lektionen, die ungünstig im Stundenplan lagen.
Matthias Plattner wollte es genauer wissen, und führte im Rahmen einer Weiterbildung eine Umfrage unter der Baselbieter Pfarrschaft zum Religionsunterricht durch. Er ist zu überraschenden Ergebnissen gekommen. Heute seien Religionslehrpersonen noch immer «Gäste und Randfiguren in unseren Schulen». Doch die Einführung von Blockzeiten habe mindestens an der Primarschule zur Aufwertung des Religionsunterrichts beigetragen, der nun besser in den Stundenplan integriert werden könne.
Er zählt noch andere Faktoren auf, die dafür sorgen, dass der Religionsunterricht besser akzeptiert ist: die Tendenz, diesen von der Sekundarstufe zunehmend auf die Primarschule zu verlagern. Hier erfolgt der Unterricht fast ausnahmslos ökumenisch. Das macht die Organisation der Stundenpläne einfacher. Vor allem aber stossen die Themen, die im Religionsunterricht behandelt werden, bei den Primarschulkindern auf grösseres Interesse als in der Oberstufe. «Die Kinder sind motivierter, weil die Belastung durch Schule und Freizeit in diesem Alter noch geringer ist», weiss Plattner. Zudem habe sich durch die professionalisierte Ausbildung der Katechetinnen die Qualität des Unterrichts verbessert: «Waren sie früher eine Art von Hilfs- und Entlastungspersonal für Pfarrpersonen, so sind sie heute oft gut ausgebildete Berufsleute», betont der Sissacher Pfarrer.

Gespräche bringen Lösungen
Trotz dieser erfreulichen Entwicklung sieht Plattner neue Probleme auf den Religionsunterricht zukommen. So wird voraussichtlich ab nächstem Schuljahr wegen des erweiterten Frühfranzösisch-Unterrichts die Pflichtstundenzahl ab der dritten Primarschule angehoben. Der Platz für den Religionsunterricht wird enger und «die Gefahr besteht einmal mehr, dass er auf ungeliebte Nachmittags- und Randstunden rutscht», befürchtet der Pfarrer. Die Lösung für solche Fälle sieht er im Gespräch zwischen lokalen Schulleitungen und Kirchgemeinde. Die knapper werdenden Mittel der Kirche könnten den Religionsunterricht ebenfalls in Bedrängnis bringen. Manche Kirchgemeinde werde sich entscheiden müssen, ob sie ihren Schwerpunkt auf den Religionsunterricht oder die Erwachsenenbildung legt, vermutet Plattner. Er glaubt jedoch nicht, dass der kirchliche Religionsunterricht im Zuge der Schulharmonisierung zugunsten des Fachs «Ethik, Religion, Gemeinschaft», das von staatlichen Lehrpersonen vermittelt wird, ganz aufgegeben werden könnte. Es liege im Ermessen der Lehrperson, wie sie das neue Fach, das Teil des Bereichs «Natur, Mensch, Gesellschaft» ist, ausgestalte. Im besten Fall sei es eine willkommene Ergänzung, aber kein Ersatz für den kirchlichen Religionsunterricht.
«Realistisch gesehen werden die Pfarrerinnen und Pfarrer in zehn Jahren weniger Religionsunterricht erteilen, weil sie vermehrt andere Aufgaben übernehmen müssen», bedauert Matthias Plattner. Er plädiert dafür «dass wir Pfarrpersonen im schulischen Unterricht präsent bleiben und diesen nicht ganz an Katechetinnen und Jugendbeauftragte delegieren». Für ihn steht nicht die Wissensvermittlung, sondern die Beziehungspflege im Vordergrund: «Ich erfahre durch die Kinder und ihre Eltern viel über die gelebten Werte in den Familien. Die Nähe zu den Menschen, die dadurch entsteht, ist für mich von unschätzbarem Wert.»



Umfrage
«Pfarrpersonen im Religionsunterricht an der Schule Baselland: eine Umfrage fünf Thesen zu deren Ausbildung», Zertifikatsarbeit von Pfarrer Matthias Plattner, Sissach, im Rahmen einer Weiterbildung.

Karin Müller

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27.02.2012: Ausbildung zur Religionslehrperson

Links:
Download: www.refbl.ch/kantonalkirche/publikationen, Leseexemplare beim Kirchensekretariat, Obergestadeck 15, Liestal, oder bei der Fachstelle Unterricht, Lindenberg 12, Basel


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