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Gemeindepfarrer mit Herzblut

01.01.2016
Wehmütig, aber nicht ohne Zuversicht brechen Pfarrer Richard Atwood und seine Familie die Zelte in Riehen ab. Eine der vier Pfarrstellen in Riehen und Bettingen musste eingespart werden.

Ruhig steht er da. Mit ernstem Blick, in der leeren Kirche. Am Sonntag, 12. Februar, hielt Pfarrer Richard Atwood zum letzten Mal die Predigt, nach über 17 Jahren als Gemeindepfarrer in der Kornfeldkirche. Im März tritt er seine neue Stelle als Konrektor für Religionsunterricht in Basel an. Dann ist er für sämtlichen evangelisch-reformierten «Reli»-Unterricht im Kanton Basel-Stadt verantwortlich, wozu vor allem die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte gehören.
17 Jahre und zwei Drittel sei er nun in Riehen, rechnet Richard Atwood in seinem Studierzimmer zwischen Umzugskartons sitzend nach und schmunzelt. «Wir haben uns hier sehr wohl gefühlt», sagt er und blickt auf die lange Liste mit den wichtigsten Begebenheiten der letzten Jahre.

Chor und Quartierfest
Zuoberst steht der Kirchenchor Kornfeld, den Atwood 1997 zusammen mit Dirigentin Beatrice Wagner gegründet und wo er von Anfang an mitgesungen hat. Er bleibe auch weiterhin dabei, sagt er, und seine Miene hellt sich auf. Kurz danach rief der Pfarrer das Quartierfest ins Leben. Ein Begegnungsfest mit kulturellen Elementen für alle Altersgruppen, das nicht «nur» als Kirchenfest daherkomme. Das nächste müsste eigentlich hoffentlich 2014 stattfinden, überlegt er, wenn die Kornfeldkirche ihren 50. Geburtstag feiert. Auch der Konfirmationsunterricht habe ihm «irrsinnig» gefallen, sagt der Pfarrer. «Mir war es wichtig, die Grundwerte des christlichen Gedankenguts auf eine offene Art zu vermitteln.» Er habe wie auch in seinen Predigten niemandem erklärt, wie er glauben solle, sondern die Jugendlichen dazu ermuntert «fast gezwungen!», lacht er mit ihm zusammen kritisch und vernünftig über die Dinge nachzudenken. Und ihnen stets eingeschärft, nichts zu glauben, was ihren Lebenserfahrungen widerspreche: «Wenn das jemand von euch verlangt, denkt an den Atwood zurück: Das müsst ihr nicht!»

«Die schwierigste Entscheidung»
Nach dieser leidenschaftlichen Aufzählung hält Atwood kurz inne und sagt das, was sein Blick bereits vorher verriet: «Wir gehen sehr ungern von Riehen weg. Mit viel guten Erfahrungen und viel Dankbarkeit, aber mit Weh im Herzen.» Der Stellenwechsel wurde nicht von ihm initiiert, sondern hat mit den Sparmassnahmen der evangelisch-reformierten Kirche zu tun, denen in Riehen und Bettingen eine Pfarrstelle zum Opfer fällt. Der Kirchenrat fragte Atwood, ob er die freigewordene Stelle im Rektorat übernehmen wolle. So könne man die Pfarrstelle im Dorf neu besetzen und die Fusionierung von Andreashaus und Kornfeld ohne Kündigung realisieren. Atwood, der selber seit neun Jahren im Kirchenrat sitzt, wusste von der Stelle, wäre aber nie auf die Idee gekommen sich zu bewerben: «Ich unterrichte mit Leib und Seele, die Stelle passt zu mir und ich freue mich darauf. Aber ich bin mit Herzblut Gemeindepfarrer.» Es sei die schwierigste Entscheidung gewesen, die er je treffen musste, aber das Prob­lem konnte so gelöst werden. «Nun hoffe ich, dass die demokratisch gefassten Abmachungen, die damit zusammenhängen, auch eingehalten werden.»
Doch vorerst heisst es Abschied nehmen, und zwar für die ganze Familie. Für seine Frau, die sehr im Quartier verankert sei, sei es ein gros­ser Wechsel, sagt Pfarrer Atwood. Die zwei der drei Kinder, die noch zu Hause wohnen, freuen sich hingegen auf den Umzug in die Stadt. Nicht dass er annehme, sie kämen dann abends früher heim, grinst Atwood. Und dann wieder ganz ernst und direkt: «Vermutlich waren das hier die schönsten Jahre meines Lebens.»

Michèle Faller


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