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Ins Exil nach Amerika?

01.01.2016
Noch immer liegt der Wandteppich von Lissy Funk aufgerollt im Münster. Vor Kurzem meldete sich die Tochter der Künstlerin zu Wort und zeigte sich besorgt über diesen Zustand.

Im letzten Herbst fand im Münster ein Vandalenakt statt. Der grosse Wandteppich von Lissy Funk, der wegen einer Theateraufführung abgehängt worden war, wurde im Chor ausgebreitet. Die Täter zogen den schweren Teppich sogar über den Altartisch und nahmen seine Beschädigung in Kauf. Seither lagert das Werk der Textilkünstlerin aufgerollt in der Kirche. Zuerst lange Zeit mit der Stickerei nach innen.
«Das schadet dem Teppich», meldete sich vor kurzem Rosina Kuhn, die Tochter von Lissy Funk zu Wort. Sie ist Künstlerin und lebt in Zürich. Rosina Kuhn zeigte sich besorgt darüber, dass die Stickerei, wenn sie mit der Oberfläche nach innen aufgerollt sei, beschädigt werde. So könnten die Fäden der abertausenden von Stichen brechen, vor allem die empfindlichen Goldfäden. Sie plädiere dafür, dass der Teppich bald wieder aufgehängt oder sonst sachgerecht gelagert werde.
Anderenfalls, so schlägt Rosina Kuhn vor, könnte das Werk auch nach Chicago ans «Art Institute» gebracht werden. Das renommierte Museum verfüge in seiner Sammlung bereits über Werke von Lissy Funk. Es hat in den 1980er-Jahren der Künstlerin eine grosse Werkschau gewidmet. In den USA hätten Lissy Funks Werke grundsätzlich einen höheren Stellenwert, sagt Rosina Kuhn. Dort gelten sie als Kunst, während sie in der Schweiz dem Kunsthandwerk zugeordnet werden.
Nach dem Zwischenfall im Herbst hatte Pfarrer Matthias Eichrodt im Münster eine Pinwand eingerichtet. Besucherinnen und Besucher konnten zur Frage Stellung nehmen, ob sie den Teppich wieder aufhängen würden oder nicht. Manche fanden die leere Chorwand beeindruckend, andere vermissten den Wandteppich und seine Botschaft. Eine ähnliche Debatte fand vor wenigen Jahren im Zürcher Rathaus statt, wo gleichfalls ein Wandteppich von Lissy Funk hängt. Nach einer Diskussion darü­ber, ob man ihn durch ein anderes Werk ersetzen wolle, bekräftigte die Kantonsregierung seinen Wert. Matthias Kobelt vom städtischen Hochbauamt sagt: «Unsere Sicht ist, dass der Teppich wieder aufgehängt werden sollte.» Als nächstes werde man ihn sachgerecht reinigen und sicher lagern. «Er soll keinen Schaden nehmen.» Mit einer Reise nach Chicago wird darum wohl einstweilen nichts.

Barbara Helg


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