Logo

Dürfen Christen töten? Debatte um den Zivildienst.

01.01.2016
In der «Weltwoche» plädiert der reformierte Pfarrer von Küssnacht, Peter Ruch, für eine Abschaffung des Zivildienste, der vor 20 Jahren mit grosser Unterstützung der Kirchen ­eingeführt wurde. Christliche Ethik könne niemals absolut pazifistisch sein, findet der Theologe. Doch dürfen Christen im Fall eines Krieges töten? Ein Pro und Contra.

Pro Zivildienst: Urs Jäger, Pfarrer in Einsiedeln

Warum ist es wichtig, dass junge Schweizer die Wahl zwischen Militär- und Zivildienst haben?
Die Frage, ob ein Mensch sich an einer Institution beteiligen soll, deren Aufgabe es letztendlich ist zu töten, lässt sich nicht einfach beantworten. Das ist eine Gewissensentscheidung, die einem niemand abnehmen kann und darf. Junge Menschen sollten sich diesem Entscheid stellen können, ohne kriminalisiert zu werden. Wenn man den Zivildienst abschaffen würde, wäre die Verweigerung der Armee wieder eine Straftat. Unsere Gesellschaft würde sich in Widersprüche verwickeln, wenn sie einen Menschen bestraft, der seinem Gewissen folgt.
Christen dürfen nicht töten, das sagt das Sechste Gebot. Gibt es im Krieg auch Ausnahmen?
Das Gebot sieht keine Ausnahmen vor. Es wird von manchen zwar so interpretiert, dass es heisst, «Du sollst nicht morden». Der hebräische Text lässt aber eine solche Abschwächung eigentlich nicht zu.
Auf der anderen Seite gibt es Situationen, in denen es gar nicht möglich ist, seine Hände in Unschuld zu waschen. Dann bleibt nichts anderes übrig, als sorgfältig abzuwägen und eine Entscheidung zu treffen. Eine solche Entscheidung bleibt aber vorläufig.
Wie gehe ich also mit folgenden Dilemma um: Wenn ich im Krieg jemanden töte, mache ich mich ihm oder ihr gegenüber schuldig. Greife ich nicht ein, werden unschuldige Zivilisten getötet.
Es gibt Situationen, aus denen man nicht anders als durch die Verstrickung in Gewalt herauskommt. Da gilt es abzuwägen, womit mache ich mich weniger schuldig? Es bleibt auch die Frage: Gibt es wirklich keine andere Lösung? Habe ich mich genügend eingesetzt, dasselbe Ziel gewaltfrei zu erreichen? Ich denke da an Gandhi, aber auch an Bonhoeffer, der gegenüber Hitler keine andere Lösung sah, als sich an einem Attentat zu beteiligen. Allerdings hat er das nicht leichtfertig und nicht ohne grossen inneren Kampf gemacht.
Es ist ein Ringen. Wie verhalte ich mich so, dass ich Gottes Willen am nächsten komme?
Kann man einen militärischen Angriff rechtfertigen, wenn dieser die Menschen in einem Land von einem Tyrannen befreit?
Es gibt wohl Situationen in denen Gewalt nur mit Gewalt aufgehalten werden kann. Es bleibt aber schwierig, weil es oft nicht genügt, den Diktator zu beseitigen, um die Gewalt zu beenden. Wenn man die heutige Politik anschaut, kommt man nicht um die Frage der Motivation für solche Interventionen herum. Geht es wirklich um die Befreiung der Menschen oder geht es um anderes?
Was empfehlen Sie jungen Männern, die vor der Entscheidung «Militär- oder Zivildienst» stehen?
In Gesprächen mit ihnen würde ich nach ihrem Standpunkt forschen. Wo liegen die Widerstände? Geht es um die Abneigung gegen eine Institution, in der das Töten eine Rolle spielt? Die Entscheidung Pro oder Contra Militärdienst muss dann jeder selbst treffen. Da kann ich nichts empfehlen.
Und damit lege ich mich ein für alle Mal fest?
Ich muss diesen Entscheid immer wieder überprüfen. Ich war selbst Feldprediger und habe das auch im Militär thematisiert: Es ist zur Zeit unser Entscheid den Militärdienst zu leisten, aber das darf niemals der Entschluss sein, jedem Befehl zu folgen. Unser Gewissen ist damit nicht ausgeschaltet.
Das gilt auch für die Militärdienstgegner: Es heisst ja für sie auch nicht, dass sie in einem Konflikt vielleicht einmal keinen anderen Ausweg sehen als Gewalt. Ihr Entschluss, nicht Teil einer Institution werden zu wollen, die von vornherein das Töten in Kauf nimmt, ist zu respektieren. Es muss ihnen die Möglichkeit gegeben werden, einen anderen, genauso wichtigen und sinnvollen Dienst an der Gesellschaft zu leisten.



Contra Zivildienst: Peter Ruch, Pfarrer in Küssnacht

Was stört Sie am Zivildienst? Die Kirchen forderten ihn doch damals?
Es war damals richtig, ihn einzuführen. Doch angesichts der Tatsache, dass die Armee immer kleiner wird, sollte man den Entscheid überprüfen und die allgemeine Wehrpflicht wieder einführen. Wenn nur noch Freiwillige in die Armee gehen, fehlt die gesellschaftliche Durchmischung. Das birgt Risiken, wie die Übergriffe von amerikanischen Soldaten im Irakkrieg zeigen.
Soldaten müssen im Ernstfall schiessen. Kann man als Christ jemanden zum Töten zwingen?
Die Schwelle, dass die Schweiz einen Krieg führt, ist sehr hoch. Sie würde nur im Notfall, als Notwehr, zu den Waffen greifen und das ist auch einem Christen zuzumuten. Denken Sie zum Beispiel an Bonhoeffer. Er hat sich nicht leicht getan aber zum Tyrannenmord konnte er «Ja» sagen.
Viele Kriege werden mit dem Vorwand begonnen, für Freiheit und Menschenrechte zu kämpfen. Oft wurden jedoch vor allem wirtschaftliche Interessen verteidigt.
Im Krieg sind, mit wenigen Ausnahmen, immer wirtschaftliche Interessen im Spiel. Doch haben wir, wie die Amerikaner, die ja zum «Interventionismus» neigen, inzwischen einiges gelernt. Nach den schlechten Erfahrungen im Irak und in Libyen liegt die Schwelle für Interventionen nun höher, wie man zur Zeit am Beispiel Syriens sieht. Das hoffe ich wenigstens.
Sie schreiben, die «Vertreter der christlichen Ethik», also die Kirchen, müssten darüber nachdenken, wie man einen allfälligen Krieg organisiert. Was meinen Sie damit?
Die Kirche sollte sich für eine Volksarmee stark machen, damit in ihr, im Gegensatz zur Söldnerarmee, genügend kritische Kräfte enthalten sind.
Sollten die Kirchen, anstatt einen «gerechten Krieg» zu vertreten, nicht eher einen «gerechten Frieden» unterstützen?
Zweifellos müssen die Vertreter der Kirchen primär am gerechten Frieden arbeiten. Aber wenn der Friede scheitert, kann im Extremfall, zur Abwehr von Kräften, die den Rechtsstaat und die freiheitliche Ordnung untergraben wollen, ein Krieg notwendig werden. Dass dieser «gerecht» wäre, das würde ich nicht einfach behaupten. Immerhin argumentierte Karl Barth, Theologe und Sozialdemokrat, in seiner kirchlichen Dogmatik, dass ein Krieg unvermeidlich werden kann. Er hat sich damit schwergetan, sich aber freiwillig in den Hilfsdienst gemeldet, und hat unbewaffnet aber uniformiert während des 2. Weltkriegs seinen Dienst geleistet.
Muss nicht aus christlicher Sicht die Gewissensfrage des Einzelnen im Vordergrund stehen? Wir sind doch letztendlich Gott verpflichtet und nicht dem Staat?
Die Freiheit des Einzelnen ist unbestritten. Doch Gemeinschaftstreue ist ein weiterer Aspekt unserer Gesellschaft. Nicht jeder möchte Steuern bezahlen, muss es aber dennoch tun. Gelegentlich muss ich «dem Kaiser geben, was des Kaisers, also des Staates, ist». Wenn Paulus im Römerbrief Kapitel 13 davon spricht, meint er einen Staat, der das Recht schützt und nicht einen Terrorstaat. Aber ich will die Spannung zwischen Staat und Reich Gottes nicht zerreden. In diesem Widerspruch leben wir.
Es ist aber ein Unterschied, ob es ums Steuerzahlen oder um das Töten geht. Sollte die schwerwiegende Entscheidung, jemanden zu töten, nicht jeder Einzelne für sich treffen?
Es gibt einen Zielkonflikt zwischen persönlichem Neigungen und Gemeinschaftsverpflichtung. Denjenigen, die das Töten auch im Extremfall nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, stelle ich allerdings die Frage: Wollt ihr eine Terrorherrschaft zulassen oder schiebt ihr den Schwarzen Peter einfach denen zu, welche scheinbar weniger Gewissensbisse haben und den Waffengang auf sich nehmen?

Interviews: Annette Meyer zu Bargholz



ÄHNLICHE ARTIKEL