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«Kinder werden zum Altersprojekt»

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01.01.2016
Die Zürcher Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle meint, eine 66-jährige Frau könne durchaus eine gute Mutter sein. Problematisch findet sie hingegen, dass menschliches Leben immer mehr als Produkt betrachtet wird.

Kirchenbote: Frau Baumann-Hölzle, viele beschäftigt, dass eine 66-jährige Pfarrerin Zwillinge geboren hat. Was ging Ihnen selbst durch den Kopf?
Ruth Baumann-Hölzle: Bei der Frage, ob es angemessen sein kann, dass eine Frau nach der Menopause noch Kinder gebärt, ist dieser Kinderwunsch mit dem Kindeswohl abzuwägen. Zudem ist die hierfür notwendige Reproduktionstechnologie zu hinterfragen.

Welches Argument spricht denn für das Kindeswohl?
Argumente, die allein auf dem Kindeswohl aufbauen, sind schwierig. Viele Kinder werden nicht in ideale Lebensbedingungen hineingeboren und können doch ein gutes Leben führen. Warum soll eine alte Frau keine gute Mutter sein können? Für mich stellen sich sehr viel mehr ganz grundsätzliche Fragen hinsichtlich des Umgangs mit menschlichen Leben und der Folgen für die Ressourcen des Gesundheitssystems.

Welche Fragen sind das?
Die Reproduktionsmedizin führt zunehmend dazu, menschliches Leben als Produkt zu betrachten, das man nach eigenen Wünschen oder für andere fremde Zwecke züchtet, auswählt, gestaltet und auch verkauft. Die ursprüngliche Absicht des Fortpflanzungsmedizingesetzes war es, genau dies zu verhindern. Und zwar deshalb, weil dies mit der Menschenwürde nicht vereinbar ist. Denn menschliches Leben darf nicht bloss für fremde Zwecke genutzt werden.
Vor diesem Hintergrund hat man die Eispende und den Embryotransfer verboten. Man wollte unter anderem bezahlte Schwangerschaften, den Em­bryonenhandel etc. vermeiden.

Es gibt vor allem bei Akademikerinnen die Tendenz, immer später Kinder zu bekommen.
Hier muss man sich zunächst fragen, wie weit sich in unserer Gesellschaft Kinder und Beruf nebeneinander vereinbaren lassen. Die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf stösst in einer einseitig auf Funktionalität und Leistung ausgerichteten Gesellschaft auch an ihre Grenzen.

Wird die Spitzenmedizin für die persönliche Selbstverwirklichung missbraucht?
Die Ziele der modernen Medizin verschieben und erweitern sich tatsächlich: Neben der Wiederherstellung von Funktionseinschränkungen und Leidenslinderung wird sie zunehmend ein Mittel zur Verbesserung und Selbstverwirklichung des Menschen. Dabei verändert sich auch die Sichtweise auf das eigene und andere menschliche Leben: Es wird zum Verbrauchsmaterial und Konsumgut. Wenn menschliches Leben instrumentalisiert wird, fällt das letzte Tabu der Verwertungsgesellschaft. Der Mensch verliert das Staunen über das Gute der Schöpfung und damit auch die Achtung vor ihr. Dies mit absehbaren Folgen, wie die Tierzucht erschreckend zeigt.

Wo stellen Sie diese Verbrauchsmentalität sonst noch fest?
Es gäbe viele Beispiele. Vor allem am Anfang und am Ende des Lebens. Dazu gehören für mich die «Retter­babies», die gezeugt werden, damit ihnen nachher Zellen, Gewebe oder dereinst vielleicht gar Organe für kranke Geschwister entnommen werden können. Am Ende des Lebens bei den Neuregelungen der Organtransplantation: Danach dürfen sterbende, jedoch urteilsunfähige Menschen ungefragt per Stellvertreterentscheid für die Organspende vorbereitet und damit fremdgenutzt werden.

Die Frauenbewegung erkämpfte, dass der Wert einer Frau nicht davon abhängt, ob sie Kinder hat oder nicht. Gilt heute wieder, dass nur Mütter richtige Frauen sind?
Diesen Eindruck habe ich nicht. Es sind mir auch keine Studien bekannt, die dies belegen würden. Ich sehe dahinter eher den Wunsch, alle Lebensentwürfe ausleben zu wollen.

Gibt es denn auch einen positiven Aspekt, wenn eine pensionierte Frau noch Mutter wird?
Es handelt sich um eine gewünschte Schwangerschaft. Die Geburt eines Kindes ist immer ein freudiges Ereignis. Man darf diesen Kindern keinen Makel anhängen.

Gilt dies ohne Einschränkung?
Ja. Nicht die Kinder sind das Prob­lem, sondern unser Umgang mit der Reproduktionstechnologie. Erst vor kurzem hat sich die Gesellschaft endlich davon verabschiedet, dass Kinder nur zur eigenen Altersvorsorge oder als Arbeitskraft geboren werden. Nun werden Kinder wieder zum Altersprojekt.

Möchten Sie, dass die Eizellspende in der Schweiz verboten bleibt?
Auf jeden Fall. Und zwar nicht nur aus individualethischen Gründen, sondern auch aus sozialethischen Ressourcengründen: Weil die späten und künstlich herbeigeführten Schwangerschaften zunehmen, kommt es häufiger zu Frühgeburten. Die auf Frühgeborene spezialisierten Abteilungen der Spitäler stossen zunehmend an ihre personellen Kapazitätsgrenzen. Auch die Ressourcen des Gesundheitswesens sind beschränkt. Werden sie für die Selbstverwirklichung und Verbesserung des Menschen verbraucht, fehlen sie in der Behandlung und Betreuung von Kranken und Sterbenden. Für mich steht mit dieser Entwicklung all das, was man unter dem Begriff «Menschenwürde» erkämpft hat, auf dem Spiel.



Zur Person
Ruth Baumann-Hölzle leitet das Interdisziplinäre Institut für Ethik im Gesundheitswesen der Stiftung Dialog Ethik.
Sie beschäftigt sich unter anderem mit ethischen Fragen am Lebensanfang und Lebensende in Medizin und Pflege. Sie ist Mitglied der Nationalen Ethikkommission für Humanmedizin (NEK-CNA) und der Kantonalen Ethikkommission im Kanton Zürich.

Interview: Barbara Helg

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Ruth Baumann-Hölzle

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