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«Mein Leben begann mit 40»

01.01.2016
Judith Giovannelli-Blocher, die Schwester von alt-Bundesrat Christoph Blocher, hat ihre Autobiografie geschrieben. Sie erzählt, wie sie aus einer schwierigen Jugend im Pfarrhaus Laufen zu einem erfüllten Leben fand.

Frau Giovannelli-Blocher, vor kurzem ist Ihre Autobiografie erschienen, Sie können sich vor Interviewanfragen kaum retten. Was ist das für ein Gefühl?
Im Moment finde ich es anstrengend, die eigene Person ständig derart stark in den Mittelpunkt zu stellen.

Macht es Sie nicht stolz? Sie können eine erfüllende Lebensbilanz ziehen.
Was mich glücklich macht, sind die Leserechos. Die Leserinnen und Leser denken differenziert über ihr eigenes Leben nach, ohne in die Opfer- oder Heldenhaltung zu verfallen. Mein Buch, welches auch frei ist davon, scheint sie dazu anzuregen.

Sie schreiben, dass Sie in Ihrer Jugend «bleierne Jahre» durchmachten. Was bedeutet das?
Oft habe ich das Gefühl, dass ich erst mit 40 zu leben begonnen habe. Vorher waren Depressionen, eine lange Zeit der Psychotherapie und das Ledigsein. Ich war 48, als ich heiratete.

Was war schwer am Ledigsein?
Man wurde gesellschaftlich nicht beachtet und als nicht der Norm entsprechend abgewertet. Ich hielt Vorträge über das Ledigsein und erinnere mich an einen Auftritt vor der Zürcher Frauenzentrale. Die Damen mit Krokotäschchen waren gekommen, um zu hören, wie schlecht es einer geht, die keinen Mann gekriegt hat. Mir zitterten die Knie.

Bereits in Ihrer Kindheit im Pfarrhaus in Laufen fehlte Ihnen das Gefühl, ein liebenswerter Mensch mit Fähigkeiten zu sein. Was war der Grund?
Die christliche Erziehung hat die Tendenz, sehr hohe Erwartungen moralischer Art zu stellen. Ich erhielt niemals Lob, meine Eltern hatten Angst, wir Kinder könnten hoffärtig werden. Wir waren alle aufgeweckt, intelligent. Das wollten die Eltern nicht noch verstärken.

Lob und Anerkennung fehlten
Es fehlte auch an realem Weltbezug. Wir lebten abgeschieden, es wurde uns kein Bezug zu Geld, zu Karriere vermittelt. Ich war eine miserable Schülerin, allerdings fand mein Vater das nicht wichtig, er war ein sehr unkonventioneller Mensch. Auch sexuell hatten wir keine Ahnung zum Glück gab es hin und wieder Dienstmädchen, die gerne Heftli lasen. Diese fischten wir aus dem Abfall.

Das klingt nach Kälte und Härte
Ja, aber zum Glück nicht nur. Es gab auch anderes. Meine Mutter war eine liebevolle Frau, aber auch mein Vater war weicher, als seine strengen Erziehungsprinzipien vermuten liessen. Ich habe viel später einen Brief gefunden, in dem er mich als Kind beschreibt. Sehr differenziert und liebevoll. Und für die Schwierigkeiten, die ich hatte, suchte er den Fehler bei sich, in seiner Erziehung.

Sie waren ein schwieriges Kind?
Ich empfand es so. Ich war unfolgsam, habe gelogen und gestohlen.

Warum?
Als Ventil gegen die hohen Ansprüche. Ich dachte: «Warum sagt der liebe Gott nichts, wenn ich stehle?» Ich habe auch kompensiert, ich habe Süssigkeiten gekauft.

Haben Sie im Pfarrhaushalt auch Rüstzeug fürs Leben erhalten?
Ja. Meine Eltern sind Vorbilder für mich, wie sie ihr Leben und Sterben gelebt haben und sich dabei vom Glauben getragen fühlten. Beide sind heiter gestorben, ohne uns Kindern das Gefühl zu geben, wir würden ihnen etwas schulden. Mein Vater konnte mir trotz seiner Depressionen etwas von der christlichen Gnadenbotschaft vermitteln. Er war ein ausgezeichneter Theologe, der die Frohbotschaft des Evangeliums nicht zu einer Drohbotschaft verkehrte. Dass er mit 61 Jahren aus dem Pfarramt in Laufen abgewählt wurde, war für die Familie eine Katastrophe.

Haderten Sie als Kind mit Gott?
Ich würde es nicht hadern nennen, eher streiten, etwa wie Hiob sich mit Gott unterhielt. Ich wollte, dass er mich sieht. Ich dachte: «Wenn ich stehle, komme ich in ein Kinderheim, dann bin ich ein armes Kind, denn Gott muss sich um die Armen kümmern.»

Welche Beziehung haben Sie heute zu Gott?
Judith Giovannelli-Blocher schweigt lange. Diese Frage berührt mich tief. Gott bedeutet für mich Liebe, Angenommen-Sein. Liebe ist die Erlösungsbotschaft. Das gilt auch für die Menschen, die ab dem Karren gefallen sind. Für mich ist das Allerwichtigste, dass wir den anderen als Mensch empfinden, der uns etwas angeht.

Liessen Sie sich als Sozialarbeiterin von der Liebe leiten?
Darum ging es mir in der Sozialarbeit, wenigstens war das mein Leitbild. Aber die Sozialarbeit ist in einen bürokratischen und politischen Rahmen eingezwängt, der die Liebe erstickt. Aber es gibt Ausnahmen: etwa Pfarrer Ernst Sieber in Zürich oder meine Schwester Sophie Blocher, die als Pfarrerin in Birsfelden ein Haus für Obdachlose eingerichtet hat.

Wie Ihr Bruder Christoph oder Ihre Schwester Sophie und weitere Geschwister mischen Sie sich ins öffentliche Leben ein, wenn auch auf ganz unterschiedlichen Seiten. Was haben Sie gemeinsam?
Ich habe keine langweiligen Geschwister. Es wollen alle etwas. Das war schon in früheren Generationen ein Charakteristikum.

Wollen Sie die Welt verbessern, missionieren?
Für mich gilt das nicht. Ich weigere mich, Rezepte und Parolen von mir zu geben. Ich halte es eher mit Sisyphus, der immer wieder den Stein den Berg hinauf trägt, auch wenn er nachher wieder hinunter rollt.

Sie waren zeitlebens engagiert. Jetzt sind Sie 80 Jahre alt. Wie denken Sie an den Tod?
An den Tod denke ich nicht erst, seitdem ich alt bin. Tod und Lebensfreude sind Geschwister. Wer endlich leben kann, lebt fröhlich. Je älter ich werde, je mehr rücke ich von der Welt ab. Ich denke, es ist genug, im Doppelsinn des Wortes.

In dieser Ausgabe des Kirchenboten thematisieren wir den «Weltuntergang». Haben Sie schon einen persönlichen Weltuntergang erlebt?
Tatsächlich und das habe ich in meiner Autobiografie zu erwähnen vergessen. Ich musste 1994 ein Neurinom operieren. Bei der Operation wurde mein Gesichtsnerv gelähmt. Ich war sehr entstellt. Wegen meines Aussehens wollte man mich nicht mehr in der Erwachsenenbildung. Man sagte: «Die sieht schaurig aus, das können wir unserem Publikum nicht zumuten.» Was nicht stimmte, wie sich zeigte.

Luther wollte vor dem Weltuntergang noch einen Apfelbaum pflanzen. Welchen Apfelbaum pflanzen Sie noch vor Ihrem Tod?
Ich möchte zwar manchmal gerne sterben. Dann sage ich mir aber: Judith, jetzt raffst du dich auf, machst dich schön. Wissen Sie, mein Mann ist ein grosser Ästhet. Man darf sich nicht gehen lassen im Alter. Und es gibt jeden Tag Gelegenheit, etwas zu geben, etwas zum Reich Gottes beizutragen. Das Leben lohnt sich trotz allen Beschwerden.




Autobiografie
Die Autorin zeichnet spannend und glaubwürdig die Geschichte ihres Lebens nach. Neben ihrer Biografie erfährt man auch ein interessantes Stück Schweizer Gesellschafts- und Frauengeschichte.

Interview: Barbara Helg

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