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Letzte Ruhestätte im heiligen Fluss Reuss

01.01.2016
Nach Juden und Muslimen ­können nun auch Hindus ihre Toten nach traditionellem Ritus in Luzern bestatten. Die Asche darf offiziell in die Reuss gestreut werden.

Wasser, so der hinduistische Glaube, hat die Kraft die Seele zu reinigen. Stirbt ein Hindu, so ist am dritten Tag nach dem Tod die Asche des Verstorbenen einem bewegten Gewässer zu übergeben. Zumeist verstreut der älteste Sohn die Überreste des Toten zusammen mit Blumen, Reisbällchen und Milch als Nahrung für die letzte Reise den strömenden Fluten. Die Reuss, so Saseetharen Ramakrishna Sarma, Priester der Hindugemeinde Luzern, erfülle diese Bedingungen ebenso wie beispielsweise der Ganges in Indien. Die Zeremonie dauert etwa 20 Minuten und wird nur von den engsten Angehörigen, einer kleinen Gruppe von höchstens 20 Personen, begleitet.

Premiere für die Schweiz
In der Stadt Luzern ist dieses Ritual seit Juni offiziell erlaubt. Eine Stelle am rechten Reussufer, unterhalb der St. Karli-Strasse, wurde auf Wunsch der hinduistischen Gemeinde und nach vierjährigen Gesprächen mit katholischer und reformierter Kirche sowie der Stadtverwaltung für das Bestattungsritual freigeben. Vermutlich zum ersten Mal hat damit eine Behörde in der Schweiz offiziell Hindubestattungen an einem öffentlichen Platz genehmigt.
Im Kanton Luzern leben etwa 2500 Menschen hinduistischen Glaubens. Die Hälfte davon wohnt in der Stadt Luzern zumeist Tamilen , die aus Sri Lanka stammen. «Wir sind sehr froh, dass wir die Asche unserer Toten nun nach traditionellem Ritual bestatten können», erklärt Sarma. Bis anhin sei die Asche bei den Familien zu Hause aufbewahrt oder in die alte Heimat zurückgebracht worden.

Würdige Bestattung für alle
«Alle Einwohner der Stadt Luzern sollen die Möglichkeit haben, ihre Toten würdig und in Einklang mit ihrer Religion zu bestatten», erklärte Stadtpräsident Urs W. Studer anlässlich der offiziellen Vorstellung des Bestattungsorts im Juni. Nach Christen, Muslimen und Juden bestehe in Luzern diese Möglichkeit auch für Hindus.
Gedacht sei der Ort in erster Linie für jene Familien, die in Luzern wohnen. «Wir wollen natürlich keinen Bestattungstourismus», so Studer. Da­rum werde die Stelle an der Reuss auch nicht ausgeschildert. Kontrollieren, wie viele Bestattungen im Einzelnen durchgeführt werden, könne man allerdings nicht. Die Stadt rechnet mit fünf bis zehn Bestattungen pro Jahr. Gemäss Gewässerschutz ist eine Zahl von 20 Bestattungen tolerabel.
Auch Angehörige anderer Religionen, darunter auch Christen, machen von der liberalen Bestattungsordnung Gebrauch: Pro Jahr werden rund 100 Urnen nach der Kremation von Angehörigen mitgenommen und die Asche in der Natur verstreut.

Unterstützt durch Kirchen
Die reformierte und katholische Kirche der Stadt Luzern haben das Anliegen der hinduistischen Gemeinde stets unterstützt. In einem Raum in der katholischen St. Karli-Kirche halten die Hindus schon seit Jahren Feiern ab. «Im Moment sind wir im Gespräch, ob die Hindus in einem Raum des reformierten Myconiushauses, das direkt oberhalb der Bestattungsstelle an der Reuss liegt, Abschiedsfeiern abhalten können», berichtet Pfarrer Beat Hänni. Es gebe seit vielen Jahren einen freundschaftlichen Dia­log mit der Hindu-Tamilischen Ge­meinschaft in Luzern. Dies zeige sich, so Hänni, in zahlreichen Begegnungen, zum Beispiel beim Interreligiösen Friedensgebet während der Woche der Religionen oder beim Besuch von Schulklassen im Hindu-Tempel in Giskon-Root. Die Beschäftigung mit den Ritualen einer anderen Religion biete auch Gelegenheit, den eigenen Glauben besser kennen zu lernen, so der Theologe, und damit zu einem friedlichen Zusammenleben zwischen den Religionen beizutragen.

Annette Meyer zu Bargholz


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