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«Der Kirchenbund sollte sich mehr zu Wort melden»

01.01.2016
Die zur Zeit höchste Reformierte der Schweiz kommt aus Obwalden: Theres Meierhofer-Lauffer steht noch bis Ende Jahr an der Spitze des Parlaments des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds.

Frau Meierhofer-Lauffer, fragt man in der Gemeinde nach, wissen viele Menschen mit dem Begriff «Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund» nicht viel anzufangen. Ärgert Sie das?
Mich ärgern leere Kirchen mehr. Die Kirchenpolitik steht im Dienst der Kirchen und ist nicht da um sich selber zu feiern. Sie muss darum nicht für sich selbst wahrgenommen werden.

Sie sind noch bis Ende Jahr Präsiden­tin der Abgeordnetenversammlung, AV, in die alle Mitgliedskirchen Abgeordnete entsenden. Können Sie Ihre Aufgabe näher beschreiben?
Meine Aufgabe ist vor allem die der Vorbereitung und Leitung der Abgeordnetenversammlungen und ein Stück weit auch der Kommissionsarbeiten. Meine Pflicht ist hauptsächlich dafür zu sorgen, dass alle Geschäfte rechtzeitig auf die Traktandenliste kommen, die Unterlagen rechtzeitig versandt werden, dass der Ablauf geplant wird. Und dann habe ich für einen guten Ablauf der Versammlung zu sorgen.

Haben sich Ihre Erwartungen an das Amt erfüllt?
Für mich war erstaunlich festzustellen, wie wenig kirchenpolitische Bedeutung dem Amt beigemessen wird. Rein aus demokratischer Sicht bin ich als Präsidentin der Abgeordnetenversammlung die höchste Reformierte in diesen zwei Amtsjahren. Da dieses Amt aber eigentlich nur während der Versammlungen von Bedeutung ist, wird Gottfried Locher, der Ratspräsident, von der Öffentlichkeit als höchster Reformierter wahrgenommen. Was grundsätzlich auch richtig ist, denn er vertritt den Kirchenbund ja nach aussen.

Würden Sie sich mehr Aussenwirkung, mehr Repräsentationspflichten für das Amt wünschen?
Es geht mir weniger um die Repräsentation als um das Wissen um die Funktion der AV als Kirchenparlament. Die Mitgliedskirchen sollten der Abgeordnetenversammlung mehr kirchenpolitisches Gewicht beimessen. An diesem Ort können viele Weichen gestellt werden.
Ich persönlich bin froh, dass es nicht so viele repräsentative Termine gab. Das hätte ich neben meinem 100 Prozent-Job nicht leisten können.

Müsste nicht auch der Kirchenbund salopp gesagt öfter mal auf den Tisch hauen und sich zu Wort melden? 2011 hat er sich zwar zur Waffenverbotsinitiative geäussert, ansonsten rief er vor allem zum Gebet auf: für Fukushima, für die Christen in der Türkei...
Es ist eine der umstrittensten Fragen, inwieweit der Kirchenbund oder die Kantonalkirchen sich zu politischen Fragen äussern sollen. Meiner Auffassung nach muss Kirche politisch sein, darum sollte sich der Kirchenbund auch mehr zu Wort melden und das nicht nur bei den medienwirksam diskutierten Vorlagen, sondern auch zum Beispiel in der Gesundheitspolitik.

Als Präsidentin des Obwaldener Kirchenverbands kennen Sie auch die Seite der Kantonalkirchen. In manchen Synoden ist man der Meinung, es ginge auch ohne Kirchenbund. Vor allem die Mitgliederbeiträge sind immer wieder ein Thema.
Wir brauchen den Kirchenbund je länger je mehr gerade wegen der Kosten. Wir könnten viel mehr Sy­nergien erzielen, wenn wir Dinge gemeinsam anpacken. Der Kirchenbund hat auch eine koordinierende Funktion, man könnte sehr viele Ressourcen in den Kantonalkirchen noch besser nutzen.

Können Sie hierfür ein Beispiel nennen?
Viele Kirchen spezialisieren sich. Die Berner Kirche ist zum Beispiel sehr engagiert im OeME-Bereich, in Zürich wird viel theologische Arbeit geleistet, Aargau ist Vorreiter für Palliativ-Care, St. Gallen steht für lebendiges Gemeindeleben. Da muss man nicht überall das Rad neu erfinden. Durch mehr Zusammenarbeit könnten sich kleine Kirchen darauf beschränken, Basisarbeit zu machen.

Sie sprechen die Situation in der Zentralschweiz an?
In der Zentralschweiz erleben wir deutlich, wie viele Ressourcen wir seit der Auflösung des Zusammenschlusses der Zentralschweizer Kirchen verlieren. Das geht zu Lasten der Qualität und unserer kirchlichen Grundlagenarbeit.

Und doch scheut man sich vielerorts Kompetenzen abzugeben.
Kirche wird zunächst da wahrgenommen, wo sie gelebt und gemacht wird in der Kirchgemeinde. Alles was wir auf kantonaler oder nationaler Ebene machen, hat dem Leben in der Kirchgemeinde zu dienen. Andererseits haben die Gemeinden auch die Verbindung zur weltweiten Kirche sicherzustellen. Dies leistet der Kirchenbund. Er müsste jedoch noch besser darüber informieren.

Wie behauptet sich eine Kirche, die kleiner wird, gegen einen Bedeutungsverlust? Muss sie lauter, kräftiger, schärfer werden, oder einfach nur frommer und sich auf den Gottesdienst konzentrieren?
Es braucht beides. Ich bin eine überzeugte Vertreterin der missionarischen Dimension des Alltäglichen, also der Glaube, der im Alltag gelebt wird. So kann er am besten weiter gegeben werden. Damit das gelingen kann, müssen natürlich immer wieder Menschen begeistert werden. Dafür haben wir den Gottesdienst.

Welcher allerdings von immer weniger Gläubigen regelmässig besucht wird...
Wenn wir weiter so krampfhaft am Sonntags-Gottesdienst festhalten, sitzen wir irgendwann allein in den Kirchenbänken. Man muss da­rum neue Wege der Verkündigung suchen. Da gibt es tolle Beispiele, wie die Bahnhofkirche in Zürich oder auch eine Kolumne in einer Pendlerzeitung.

Wird ein solches Thema an den AVs diskutiert?
Leider viel zu wenig. Die theologische Arbeit kommt zu kurz. Ich erhoffe mir von der laufenden Verfassungsrevision, dass der Kirchenbund auch zu einer Plattform für solchen Austausch wird.



Höchste Reformierte
Als Präsidentin der Abgeordneten­versammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds amtet Theres Meierhofer-Lauffer (51) noch bis Ende des Jahres. Sie ist damit protokollarisch die höchste Reformierte im Land.
Die studierte Juristin arbeitet als Heimleiterin des Pflegeheims Erlenhaus in Engel­berg und präsidiert den Verband der reformierten Kirchge­meinden des Kantons Obwalden.

Interview: Annette Meyer zu Bargholz


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