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Zum 50. Todestag von Hermann Hesse: Der Enkel des Missionars

01.01.2016
Mit seinen Werken brachte Hermann Hesse dem Westen den Orient nahe. Der Zauber der fremden Religionen, die Hesse beschreibt, geht zurück auf seine Kindheit in der Basler Mission.

Hermann Hesse, der Autor von Werken wie «Siddhartha», «Unter dem Rad» oder «Das Glasperlenspiel» gilt allgemein als Freigeist, der den Europäern die östlichen Religionen näherbrachte. In seinen Büchern offenbarte er dem Abendland die Magie Indiens und die exotische Spiritualität des Orients. Für sein Werk erhielt der Schriftsteller 1946 den Nobelpreis für Literatur.
Im August jährt sich sein 50. Todestag. Die meisten Publikationen, die zurzeit erscheinen, übersehen, wie stark Hesses Denken und Schaffen auf die Kindheit in der Basler Mission zurückgehen. Der Einfluss der Basler Mission auf Hesse werde heute weitgehend unterschätzt, meint Paul Jenkins, ehemaliger Archivar von mission 21. Nicht im fernen Indien liegt der Schlüssel zu seinem Werk, sondern in seiner Prägung durch seine Familie und die Mission.

Brücke zwischen Ost und West
Hermann Hesse, geboren 1877 in Calw, stammt aus einer christlichen Missionarsfamilie. Als er vier Jahre alt war, wurde sein Vater als Lehrer und Herausgeber des Missionsmagazins nach Basel versetzt. Die Familie liess sich am Stadtrand nieder. Der kleine Hermann besuchte die Schule der Basler Mission. 1884 brachten ihn seine Eltern, die Mühe mit seinem Temperament hatten, für knapp fünf Monate im Knabenhaus der Mission unter. Im Gegensatz zu den anderen Zöglingen, deren Eltern als Missionare im Ausland weilten und die permanent im Kinderhaus lebten, konnte Hesse über die Wochenenden nach Hause. «Im Knabenhaus wollte man dem Kind das Böse im Blut durch Zucht austreiben», erklärt Paul Jenkins.
Doch in der Basler Mission lernte Hesse nicht nur pietistische Enge, Zucht und Moral kennen, sondern auch die exotische Welt des Orients, von der die heimgekehrten Missionare berichteten. Vorab sein Grossvater Hermann Gundert, der in Indien als Missionar und Sprachforscher gewirkt hatte, brachte ihm diese Vorstellungswelt nahe. Hesse habe dessen Erzählungen aufgesogen, erzählt Jenkins. Hesse war von Hermann Gundert fasziniert: «Ihn liebte, verehrte und fürchtete ich, von ihm erwartete ich alles, ihm traute ich alles zu und von seinem verkleideten Gotte Pan im Gewand des Götzen lernte ich unaufhörlich», schreibt der Literaturnobelpreisträger schalkhaft über seinen Grossvater und die tanzende indische Götzenfigur, die in dessen Glasschrank stand. «Hermann Gundert schlug für ihn die Brücke zwischen Ost und West, Indien und Deutschland. Er bleibt der Fährmann zwischen den Kulturen», erklärt die indische Germanistin Annakutty Valiamangalam Kurien-Findeis. Die Figur Gunderts taucht später in Hesses Büchern in den verschiedensten Gestalten auf.
In der Welt seiner Vorfahren erfährt Hermann Hesse auf sinnliche Weise, was später in seinen Büchern auftaucht: «Magie war heimisch in unserem Hause und in meinem Leben. Ausser den Schränken des Grossvaters gab es noch die der Mutter, voll asiatischer Gewebe, Kleider und Schleier, magisch war auch das Schielen des Götzen, voll Geheimnis der Geruch mancher alten Kammer und Treppenwinkel», hält Hesse fest. Er selbst hat das indische Festland, wo «Siddhartha» spielt, nie betreten. In seiner dreimonatigen Asienreise nach Singapur, Sumatra und Burma legt er zwar 1911 in Ceylon an, doch der Abstecher auf die indische Insel wird für ihn zur Enttäuschung.

Die Suche nach der Wahrheit
Für Paul Jenkins beschreibt Herrmann Hesse in seinen Büchern vorab in «Siddhartha» den geistigen Weg, den viele Missionare gegangen sind. Erzogen und ausgebildet im Pietismus, zogen sie in die Ferne und trafen dort auf eine fremde Welt mit ihren Religionen und Philosophien. Die Auseinandersetzungen stellten ihr Glaubenskonstrukt auf den Kopf. Nicht wenige fingen an, es zu hinterfragen und die fremden Glaubensvorstellungen zu integrieren. Über die Generationen wurde der Pietismus zum Liberalismus.
Bei Hermann Hesse fand ­diese Entwicklung statt. «Siddhartha» sucht nicht die hinduistische Erlösung im Nirwana, im Nichts, sondern begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit. Für Jenkins ist dies ein westlicher Entwurf, ebenso wie das Motiv, als «Siddhartha» Gott in sich selbst findet. Das sei der göttliche Funke, den die Pietisten predigten, wenn sie an das Gewissen der noch nicht Bekehrten appellierten.
In seinen Schriften entwickelt Hermann Hesse Prophetisches, indem er mit bestechender Klarheit den Blick in die europäische Zukunft wagt: «Der ganze Osten atmet Religion, wie der Westen Vernunft und Technik atmet. Es ist ebenso klar, dass Rettung und Fortbestand der europäischen Kultur nur möglich ist durch das Wiederfinden seelischer Lebenskunst und seelischen Gemeindebesitzes. Ob Religion etwas sei, das überwunden und ersetzt werden könne, mag Frage bleiben. Dass Religion oder deren Ersatz das ist, was uns zutiefst fehlt, das ist mir nie so unerbittlich klar geworden wie unter den Völkern Asiens», schreibt er später in «Erinnerungen an Asien».

Karin Müller, Tilmann Zuber


Paul Jenkins, Jg. 1938, leitete 31 Jahre lang das Archiv der Basler Mission. Für seine Arbeit erhielt er 2006 den Ehrendoktor der Theologischen Fakultät Basel.


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