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Der Abt aus der Zeitmaschine

01.01.2016
Walter Rüegg spielt für Schaff­hausen Tourismus den letzten Abt des Klosters Allerheiligen. Mit seinen Führungen hat er schon Hunderte in alte Zeiten versetzt.

Der Abt aus dem 16. Jahrhundert tritt aus dem Münsterportal, als hätte er soeben eine Messe gelesen. Mit pastoraler Würde begrüsst er die wartende Gruppe. Sie will etwas über das alte Kloster Allerheiligen erfahren, nicht Gelehrtes, Angelesenes, sondern Gelebtes. Verspricht doch der Mann im schwarzen Habitat, er sei persönlich der letzte Abt des Klosters und heisse Michael Eggenstorfer. Etwa 40 mal im Jahr schlüpft der pensionierte Lehrer Walter Rüegg in die Rolle des Abtes und führt kleine und grosse Gruppen durch das Kloster Allerheiligen.
Und wirklich: Abt Michael beginnt zu erzählen. Zuerst am Anfang der Geschichte. Klostergründer Eberhard von Nellenburg habe vorsorgen wollen für das Jenseits. «Mönche, die für seine Seele beteten, schienen ihm nützlich.» Der Fürst baute sein Kloster nicht irgendwo: Ein Hirte hatte im «Schachwald» eine Kreuzesvision. Dank Eberhards Beziehungen wurde der Standort sogar vom Papst geweiht.

Säulenwunder
An Wundergeschichten mangelt es nicht in der Vergangenheit des Klosters. Beim Münsterbau haben die zwölf Säulen aus Rorschacher Sandstein den Weg vom Bodensee von Engelshand getragen in Sekundenschnelle zurückgelegt. Die 12 Säulen werden als Symbole für die Apos­tel gedeutet. Die «Judassäule» hat als einzige einem Sprung. Auch dies ein göttliches Zeichen? Nein, verrät der Abt: in Wirklichkeit war an dieser Säule die Kanzel für die Leutkirche befestigt. Sie verursachte einen Belastungsriss. Leutkirche? «Mönche und Fussvolk feierten nicht gemeinsam Gottesdienst.» Die Mönchskirche war vorne im Chor und schon um 1.30 Uhr trafen sich dort die müden Männer zum ersten Gebet. Gebetet wurde mit Blick auf den «Grossen Gott», ein riesiges Kruzifix. Auf dem Pergament, das der Abt aufrollt, sieht der grosse Gott unheimlich aus.
Wie waren seine «eigenen», die letzten Jahre vor der Reformation? Er habe mit den Mönchen die aufrüttelnden neuen Schriften gelesen, sagt Michael. «Wir fanden sie eindrücklich und wahr.» Die Obrigkeit habe ein Leben geführt, dass Gott nicht mehr gefallen konnte. Aber auch der Abt nahm es nicht so genau mit den Vorschriften: Noch bevor er aus dem Kloster austrat, wurde er zweifacher Vater. Die Mutter der Kinder war eine ehemalige Nonne aus dem Kloster Töss.
Im gewöhnlichen Leben ist Walter Rüegg Ehemann und Grossvater. Der ehemalige Prorektor der Berufsschule Winterthur kennt «sein» Kloster gut: «Ich habe mich dreiviertel Jahre in seine Geschichte vertieft, bevor ich die Führungen anbot», sagt Rüegg.



Führungen
Die nächsten öffent­lichen Klosterführungen mit Abt Michael Eggenstorfer:
Dienstag, 3. Juli, 17 Uhr;
Mittwoch 25. Juli, 19 Uhr (speziell für Familien);
Dienstag, 7. August, 17 Uhr.
Treffpunkt vor dem Haupteingang des Münsters. Gruppen führt der Abt auf Anfrage, Anmeldung: Schaffhauserland Tourismus,
Telefon 052 632 40 20

Barbara Helg


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