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«Wenn die Kirche provoziert, wird sie wahrgenommen»

01.01.2016
Graham Tomlin, Dekan des St. Miellitus College in London gilt als einer der Gründer der Alphalive-Bewegung. In seinem neuesten Buch ruft er die Kirchen auf zu provozieren. Andernfalls gingen sie unter.

Herr Tomlin, Sie rufen die Kirchen und Christen dazu auf, die Gesellschaft zu provozieren. Warum?
Nur wenn die Kirche in einer säkularisierten Gesellschaft provoziert, wird sie wahrgenommen. Es ist schwierig mit jemanden über den Glauben zu reden, der daran kein Interesse hat. Wenn die Leute jedoch provoziert werden und Fragen stellen, dann ist es einfacher.

Besteht sonst die Gefahr, dass die Kirche in der Gesellschaft untergeht?
Richtig. Es besteht das Risiko, dass die Kirche nicht mehr wahrgenommen wird und dadurch verschwindet.

Warum ausgerechnet provozieren?
Die Provokation ist das Vorspiel zur Evangelisation. Wenn wir nur das Evangelium verkünden, dann hören uns die Leute nicht zu. Sie meinen, das haben wir schon alles gehört. Erst wenn Christen und Christinnen ihr Interesse wecken, fangen sie an, Fragen zu stellen.

Das Gespräch über den Glauben gilt als etwas sehr Privates und Heikles. Man spricht lieber über die Sexualität als über seinen Glauben.
Wir reden über das, was für uns wichtig ist. Fussball bedeutet mir viel. Deshalb rede ich mit meinen Freunden gerne darüber. Sex ist uns ebenso wichtig, deshalb reden wir über Sex. Wir Christen müssen uns die Frage gefallen lassen, ob die Tatsache, dass wir über unseren Glauben schweigen, bedeutet, dass er uns nicht so wichtig ist. In der Vergangenheit ist die Kirche dann gewachsen, wenn die Christen mit anderen über ihren Glauben gesprochen haben. Seit 2000 Jahren geschieht dies immer wieder. Wenn wir den christlichen Glauben als eine Privatsache betrachten, werden unsere Kirchen immer kleiner und schlussendlich sterben.

Sie schreiben in Ihrem Buch, die Kirche sollte einen Geschmack des Reichs Gottes vermitteln. Wie schmeckt das Gottesreich?
Das Reich Gottes ist ein Ort, an dem wir zueinander eine neue Beziehung finden. Darum muss die Kirche ein Ort sein, der Menschen miteinander verbindet und ihnen das Gefühl gibt dazuzugehören. Im Reich Gottes wird die Schöpfung geheilt. Darum muss sich eine Kirche, die das Reich Gottes widerspiegelt, mit der Heilung der Schöpfung beschäftigen. Sie soll sich für die Gemeinschaft einsetzten, die Umwelt verbessern und gerechtere Lebensbedingungen schaffen. Schlussendlich ist das Reich Gottes auch ein Ort, wo wir selbst wieder als Menschen heil werden. Das kann durch das Gebet oder durch die Seelsorge geschehen, wo wir lernen, unsere destruktiven Gewohnheiten wie Geiz, Zorn und Lust zu verändern. Wenn wir vom Reich Gottes reden, müssen wir bereit sein, solidarisch, demütig, geduldig und grosszügig zu sein. Das ist der Geschmack einer Kirche, die das Reich Gottes widerspiegeln will.

Auf einen kurzen Nenner gebracht: Die Kirche muss das Doppelgebot der Nächstenliebe umsetzen.
Richtig. Wir brauchen beides, die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Beides hängt aufs Intensivste zusammen. Die Schwierigkeit des privaten Christentums besteht darin, dass es diese beiden Dinge trennt. Ich liebe Gott in einer privaten Ecke meines Lebens, völlig losgelöst von der Beziehung zu anderen Menschen. Wir leben eine gespaltene Existenz. Doch im Glauben sollten wir integriert und ganzheitlich leben.

Bedeutet Evangelisation, beides zusammen zu bringen?
Das ist ein Schlüssel der Evangelisation. Ohne Taten hört kein Mensch zu und ohne Worte versteht niemand unser Handeln. Darum gehört zur Evangelisation das Zusammenspiel zwischen Taten und Worten. Im Johannesevangelium fragen sich die Menschen, wer ist dieser Jesus von Nazareth? Kann aus Nazareth überhaupt irgend etwas Gutes kommen? Die Antwort ist einfach: Komm und sieh! Diese simple Einladung ist das Herz der Evangelisation. Komm und sieh, was Gott mit den Menschen tut.

In welche Richtung entwickeln sich die Kirchen in Europa?
Ich weiss nicht viel vom Rest von Europa. Ich kann nur über England sprechen. Ich sehe einige Hoffnungszeichen: Auf die wachsende Opposition gegen das Christentum reagiert die Kirche, indem sie ihre Wurzeln vertieft. Das ist einer der Gründe, wa­rum sich die Kirche in England neu belebt und neue Gemeinden entstehen. Zurzeit senden wir Pfarrer und Gemeindemitglieder in die alten Kirchen, die kurz vor ihrer Schliessung stehen. Mit Erfolg: An vielen Orten gelingt der Neustart und die Gemeinden wachsen wieder. Wenn man einer starken Pflanze einen Ableger entnimmt, und ihn irgendwo anders einpflanzt, so wächst eine neue Pflanze. In diese Richtung wird sich die Kirche in der Zukunft entwickeln.

Evangelisation will die christliche Botschaft weitergeben. Herr Tomlin, in einem Satz: Was ist die christliche Botschaft?
Das kann ich sogar in drei Worten erklären. Die Botschaft lautet: Jesus Christus ist der Herr.

Das reicht?
Wenn man die ersten Christen gefragt hätte, hätten sie genau das gesagt: Jesus Christus ist von den Toten auferstanden. Er ist jetzt der Herr über den Himmel und die Erde. Das bedeutet: Nicht die Regierung ist der Herr, nicht der Tod, nicht der Krebs oder die Arbeitslosigkeit. Allein Jesus Christus hat das letzte Wort. Darum leben wir in einer guten Welt. Unsere Aufgabe als Kirche besteht darin, so zu leben, dass Christus der Herr ist. Wir müssen den Menschen einen Geschmack davon geben, wie das Leben unter der Herrschaft von Christus aussieht.

Befreit uns die christliche ­Botschaft zum Leben?
Genau. Das Herz des christlichen Glaubens lautet: Das Reich Gottes ist jetzt unter uns angebrochen.

Tilmann Zuber

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Die provo­zierende Kirche. Graham Tomlin, Gerth Medien, 19.80 Fr.


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