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THEMA: und vergib uns unsere Schuld

01.01.2016
Alles auf Pump. Eurokrise, Milliardenschulden und drohende Insolvenz: Die Weltwirtschaft befindet sich auf Talfahrt und verunsichert Anleger, Politiker, Banken und die Bevölkerung gleichermassen. Denn wer soll die Zeche bezahlen? Ein Blick in die Bibel zeigt, wie stark Gläubiger und Schuldner miteinander verstrickt sind und wie schnell Menschen schuldig werden.

&nidWir leben arbeitsteilig. Wir brauchen Bäcker, die uns die Brötchen backen. Wir brauchen Maurer, die uns Häuser hochziehen. Fachleute ziehen die Fäden, die uns die Energie ins Haus liefern. Darum brauchen wir Geld. Das ist ein neutrales Mittel, mit dem der Maurer seine Brötchen und der Bäcker seinen Mietzins bezahlt. Mit dem wir unsere Schulden begleichen.
So weit, so gut. Wo käme ich hin, wenn ich täglich dem Bäcker den Garten jäten ginge, um zu meinem Brot zu kommen?
Wo kommen wir hin, wenn die Nationalbank Geld drauf losdruckt? Die Antwort ist einfach: Weil Geld nur Mittel und nicht Zweck ist, muss hinter dem Geld ein realer Wert an Lebens-Mitteln und Lebens-Qualität stecken, sonst ist es wertlos. Die Inflationen, welche wie Seuchen Volkswirtschaften heimsuchen, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, zeigen es: Wir kommen in eine hemmungslose Schuldenwirtschaft.
Haben Schulden nicht auch ihr Gutes? Vor dem Hintergrund der weltweiten Schuldenkrise, da die USA täglich mehr China gehören, darf man kaum so fragen. Aber könnte der Bäcker zu backen beginnen, wenn er seinen Backofen nicht mit einem Kredit finanzieren könnte? Wie zahlt der Baunter­nehmer seinen Mitarbeitern die Löhne, wenn er auf das fällige Geld eines Neubaus warten muss? Er braucht Bankkredite.

Geld, Schuld und Glaube
Unversehens sind wir aus dem Wirtschaftsleben sprachlich ins Gebiet des Glaubens gewechselt: «Kredit» kommt von «credo» ich glaube. Darum steht dem Schuldner der Gläubiger gegenüber, der glaubt, dass er zu seinem ausgeliehenen Besitz wieder kommt. Weil er für die Zeit, da sein Geld als Darlehen gebunden ist, auf dessen Gebrauch verzichtet, bekommt er Zins. Calvin hat höchstens fünf Prozent Jahreszins als angemessen erachtet, um jedem Wucher zu steuern. Die mittelalterliche Kirche hat ein Zinsverbot für Geldgeschäfte gekannt. Biblisch ist das wohl belegt: 2. Mose 22,25 und 3. Mose 25,36f. Die arbeitsteilige Gesellschaft, die sich langsam bildete, hat dieses Zinsverbot auf schmerzliche Art unterlaufen. Es öffnete und schloss für die Juden eine Nische zum Geschäften, welche in Pogrome und damit in tiefe moralische Schuld-Verstrickung des Christentums abglitt. Idealistische Neuauflagen des Zinsverbotes, welche die Frei-Wirtschaftsbewegung im 20. Jahrhundert propagierte, setzten wichtige Denkanstösse frei bis zur Schaffung von sehr zinsgünstigen Klein-Darlehen für Klein-Unternehmerinnen in Ländern der 3. Welt, vermochten aber nicht die Entwicklung zu stoppen, welche zu Konzentrationen von immer grösseren Vermögen in immer weniger Händen in unseren Tagen führt.

Jesus und die Schulden
Besinnen wir uns auf das Grundsätzliche, fragen wir Jesus. In seinen Gleichnissen pflegt er unbefangen Umgang mit dem Geld. Als Mittel, das äussere Leben zu gestalten, soll es mit Mitmenschlichkeit und Fantasie eingesetzt werden. Talente hat er vom Geldwert auf Begabung zu so vertieft, dass sie in dieser Bedeutung Allgemeingut sind. Schulden sind dazu da darum beten wir im Unser Vater in Jesu Schule in jedem Gottesdienst vergeben zu werden.
In der Bergpredigt ruft Jesus die Bereitschaft der Beter ab, mit der sie in den Horizont der Vergebung eintreten: Wie auch wir vergeben haben unsern Schuldnern. So lautet ein Übersetzungsvorschlag. Ein anderer: Wie auch wir zu vergeben beginnen unsern Schuldnern. Beides soll in unserm Beten mitklingen: Der Schritt über die Schwelle des Vergebens ist getan, weil Gott ihn getan hat. Im Allertiefsten: Gott hat uns in Jesus Christus vergeben. Und: Der Prozess der Vergebung, der Geldmittel und innere Fehlentwicklungen betrifft und korrigiert, beginnt täglich neu. Darum ist die Gegenwartsform der Bitte, die uns vertraut ist, nach wie vor gut: Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern.

Halljahr
Wie Vergebung wirkt, hat das Alte Testament vorgedacht. Jedes 50. Jahr soll ein Freiheitsjahr werden: Sklaven werden frei, Schulden sind erlassen. Die Welt der Ausbeutung verwandelt sich in den Fest-Ort des Aufatmens. Die Idee wurde zum Jahrtausendwechsel wieder aufgegriffen. Schulden von 3. Welt-Staaten sollten erlassen werden.
In ganz kleinem Umfang ist in der Folge das Wirklichkeit geworden. Heute stehen wir vor der griechischen Frage: Wie kommen wir da weiter? Schulden führen in die Sackgasse. Es gibt den Ausweg des Vergebens. Der ist nicht vergebens.



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Georg Stamm, Pfarrer


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